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Halbzeit für das Versuchslabor

Bürger können sich am Dienstag über „Ort schafft“ informieren. Gezeigt wird auch ein Film über Weißwasser.

18.11.2017
Von Christian Köhler

für das Versuchslabor
Olivia Kummel vom Forschungsinstitut ILS, Sebastian Krüger und Stadtvereinschef Frank Schwarzkopf (von links).

© Ort schafft

Weißwasser. Was hat sich getan in anderthalb Jahren „Kleinstadt machen Leute“ oder wie das Projekt in Weißwasser heißt: „Ort schafft“? Darüber können sich Weißwasseraner am kommenden Dienstag in der Telux ab 16 Uhr informieren, wie Stadtvereinschef Frank Schwarzkopf mitteilt. Vorgestellt werden insgesamt sieben Projekte, die Bürger aus der Glasmacherstadt selbst entwickelt haben. In den nächsten anderthalb Jahren sollen diese umgesetzt sein. Bislang jedoch ist dabei vor allem die Initiative von Robert Ehrmann „Aktion Weißwasser“ am bekanntesten. Der Rückkehrer hatte es sich zum Ziel gemacht, ehrenamtlich die Stadt sauber zu halten. Mit mehreren Aktionen – wie etwa jüngst die Reinigung von Gehwegplatten, die zur Orientierung für Blinde besonders an Kreuzungsbereichen in den Fußweg in Weißwasser eingelassen sind – hatte er für überregionales Aufsehen gesorgt.

Würde man jedoch einen sportlichen Vergleich ziehen, so ist die erste Halbzeit von „Ort schafft“ nach außen eher unauffällig geblieben. Stattdessen fragt sich mancher, wer dort eigentlich mitspielt und was da im Detail genau gemacht wird. „Doch das Abwarten und Beobachten ist Teil des Plans“, sagt Gregor Schneider, der das Projekt betreut. Daneben ist vom Stadtverein Weißwasser, als Träger des Projektes, auch Sebastian Krüger angestellt. Der zeigt sich gegenüber der SZ durchaus zufrieden mit dem bisherigen Verlauf: „Die sieben Projekte sind gut angelaufen, allerdings sind sie je nach Aufgabenstellung unterschiedlich weit vorangeschritten.“ Vereinzelt sind bislang Initiativen an die Öffentlichkeit gedrungen – wie etwa die Idee eines Jugendclubs, den Jugendliche gern gegründet hätten.

Was aber ist „Ort schafft“ überhaupt? Und was haben die Stadt und ihre Einwohner davon? Der Stadtverein Weißwasser hat im Sommer 2016 ein Förderprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung an Land gezogen. Das Ministerium hat dabei ein Forschungsinteresse, und zwar: Was wird benötigt, um bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt zu stärken und aufzubauen? Insofern machen Gregor Schneider und Sebastian Krüger „Basisarbeit für das Ehrenamt“. Dafür allerdings stehen dem Stadtverein über drei Jahre etwa 450 000 Euro zur Verfügung. „Wir haben bislang nur kleine Summen aus dem Projekttopf bekommen“, sagt Krüger. Denn die Verantwortlichen müssen jede Ausgabe beim Ministerium begründen, genau nachweisen, was sie wofür ausgeben wollen oder ausgegeben haben. „Es hat sich gezeigt, dass es einen enormen Dokumentationsaufwand gibt“, sagt Krüger. Ferner müssen sämtliche Initiativen wissenschaftlich festgehalten und ausgewertet werden. „Es haben sich Hürden ganz unterschiedlicher Art aufgetan, die für die Begleitforschung natürlich viel wert sind, für die Motivation der Macher aber strapaziös sein können“, pflichtet Gregor Schneider bei. Bereits zu Beginn von „Ort schafft“ hatte Stadtvereinschef Frank Schwarzkopf darauf hingewiesen: „Es ist nicht klar, was am Ende rauskommen wird. Es kann auch sein, das etwas schief geht.“

Denn: Nicht jedes ehrenamtliche Projekt wird sich gradlinig entwickeln. So beispielsweise bei der Idee des Jugendclubs. Hatten die Jugendlichen zunächst Probleme, passende Räumlichkeiten in der Glasmacherstadt zu finden, ist nun ein Teil der Initiatoren mit der Schule fertig – und wohnt nicht mehr in Weißwasser, wie Sebastian Krüger erklärt. Auch haben sich bei einem anderen Vorhaben Probleme aufgetan. „Robert Seidel verfolgt das Projekt einer Ehrenamtsnanny“, berichtet Sebastian Krüger, „jedoch hat sich herausgestellt, dass allerlei rechtliche Hürden erst gemeistert werden müssen, bevor es sich realisieren lässt.“ Die Liste ließe sich in unzähligen Detailfragen fortsetzen.

Trotzdem bleibt das Ziel klar: In den nächsten 18 Monaten sollen die Ideen der Bürger umgesetzt sein. Und das Wichtigste dabei für Sebastian Krüger: „Die umgesetzten Ideen sollen in Weißwasser Bestand haben, wenn es Ort schafft nicht mehr gibt.“ Allzu oft nämlich seien in Weißwasser Initiativen gestartet, die zwar viel Geld in die Stadt gebracht haben, von denen die Bewohner in aller Regel aber nicht viel hatten. Dass dabei Weißwasser im Grunde ein „Versuchslabor“ ist, um herauszufinden, was Ehrenamt braucht. Dabei wollen die Projektverantwortlichen eher im Hintergrund bleiben, denn die Umsetzung soll von den Bürgern vor Ort durchgeführt werden. „Es ist die Stadt von uns allen und deshalb ist es wichtig, dass die Leute mitmachen“, sagt Sebastian Krüger.

Am Dienstag wird es außerdem einen „diskutablen“ Film zu sehen geben, wie der „Ort schafft“-Betreuer berichtet. Das gesamte Projekt soll nämlich auch filmisch dokumentiert werden. Dafür sind drei Studenten der Movie-Akademie aus Halle in Weißwasser gewesen. Sie haben einen Kurzfilm über die Stadt und das Ehrenamt gedreht. Dieser wiederum schaffte es beim „Foresight-Festival“ – ein Filmfestival, bei dem Wissenschaft auf Film trifft – unter die besten 14 Arbeiten von insgesamt 350 Einreichungen. „In lockerer Atmosphäre wollen wir also berichten, wie weit wir gekommen sind, was hinter „ZusammenWachsen WSW“ steckt und darüber diskutieren, was der Film zeigt“, erklärt Sebastian Krüger zum Schluss.