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Samstag, 01.10.2016

Hackerangriff aufs Rathaus

Alle Computer der städtischen Verwaltung wurden einen Tag abgeschaltet. Aus Angst vor einem Trojaner.

Von Jörg Richter

Achtung, Trojaner im Großenhainer Rathaus! Diese Computerschadprogramme sind nach dem Trojanischen Pferd benannt, mit dem sich der griechische Sagenheld Odysseus und seine Soldaten in die Stadt Troja schmuggelten.
Achtung, Trojaner im Großenhainer Rathaus! Diese Computerschadprogramme sind nach dem Trojanischen Pferd benannt, mit dem sich der griechische Sagenheld Odysseus und seine Soldaten in die Stadt Troja schmuggelten.

© Anne Hübschmann

Großenhain. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung müssen sich wie in der Steinzeit vorgekommen sein. Denn sie mussten am Donnerstag alle Computer ausschalten. Dann hieß es, zurück zu Papier und Bleistift!

Der Grund war ein Hackerangriff. Rathausmitarbeiter bemerkten ihn gegen 10 Uhr. „Einige Dateien hatten plötzlich merkwürdige Bezeichnungen“, erzählt Stadtsprecherin Diana Schulze. Sofort wurde die EDV-Abteilung alarmiert. Die beiden Computerexperten ließen vorsorglich alle Rechner runterfahren.

Bald hatten sie die Fehlerursache lokalisiert. Ein sogenannter Trojaner war über eine E-Mail ins Computersystem des Großenhainer Rathauses gelangt und begann, Dateien zu verschlüsseln. Den ganzen Tag hatten die beiden IT-Spezialisten damit zu tun, den Trojaner zu löschen und Daten wieder zurückzuholen und zu sichern.

„Am Freitagmorgen waren fast alle Ämter wieder arbeitsfähig“, sagt Diana Schulze. Nur an den Rechnern des Einwohnermeldeamtes und der Finanzbuchhaltung mussten noch bis Mittag Daten gesichert werden.

Täglich Hunderte E-Mails

Es sei der erste Hackerangriff auf das Großenhainer Rathaus, so die Pressesprecherin. „Wir empfangen täglich Hunderte E-Mails“, sagt sie. Umso größer sei das Lob an die beiden Spezialisten der EDV-Abteilung, dass sie den Trojaner so schnell erkannt und damit die Attacke abgewehrt haben.

Immer wieder kommt es in Deutschland zu Hackerangriffen. Laut der jüngstens Statistik des Bundeskriminalamtes wurden im vergangenen Jahr knapp 46 000 Fälle von Cyberkriminalität polizeilich erfasst. Meistens sind Computer von Unternehmen betroffen, aber auch von Kommunen. Erst Mitte Februar hatte der Trojaner „Locky“ binnen 24 Stunden deutschlandweit 17 000 Rechner infiziert.

„Locky“-Trojaner sind vermutlich nach wie vor aktiv. Anfang Juni versuchten Hacker, die Stadt Lünen in Nordrhein-Westfalen zu erpressen. Sie hatten mit „Locky“ 160 Rechner lahmgelegt.

In dieser Woche wurde auch der E-Mail-Verkehr des Landratsamtes Aschaffenburg stark eingeschränkt. Das Gleiche traf in den letzten Tagen auch für die Gemeinde Kleinmachnow und die Stadt Rheinfelden zu. Grund war auch in diesen drei Fällen der Erpressungstrojaner „Locky“.

Ist „Locky“ schuld?

Ob „Locky“ auch für den Hackerangriff im Großenhainer Rathaus verantwortlich ist, konnte Diana Schulze am Freitagmittag nicht bestätigen. Eines sei aber sehr deutlich geworden. „Die ganze Verwaltung ist heutzutage ohne Computer gar nicht mehr machbar“, sagt sie und fügt hinzu: „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.“ Alle Mitarbeiter seien nach diesem Vorfall noch einmal sensibilisiert worden auf den Umgang mit externen E-Mails.

Laut Bundeskriminalamt sei im vergangenen Jahr in Deutschland rund 40,5 Millionen Euro Schaden durch Cyberkriminalität entstanden. Vor fünf Jahren waren es sogar über 71 Millionen Euro. Jeder zweite Deutsche ist zudem besorgt, im Internet Opfer eines Identitätsdiebstahls zu werden.