erweiterte Suche
Freitag, 19.10.2018

Guten Tag, Herr Nullachtfünfzehn!

Namen am Klingelschild verstoßen angeblich gegen den Datenschutz. Vermieter im Landkreis schütteln den Kopf.

Von Tilo Berger

Im Landkreis Bautzen gibt es weder Achtzehngeschosser noch Nummern in den Klingelschildern – und dabei soll es den hiesigen Großvermietern zufolge auch bleiben. In der österreichischen Hauptstadt Wien indes verlieren rund 220000 Mieter ihre Namensschilder an den Klingeln – wegen des Datenschutzes.
Im Landkreis Bautzen gibt es weder Achtzehngeschosser noch Nummern in den Klingelschildern – und dabei soll es den hiesigen Großvermietern zufolge auch bleiben. In der österreichischen Hauptstadt Wien indes verlieren rund 220 000 Mieter ihre Namensschilder an den Klingeln – wegen des Datenschutzes.

© dpa

Bautzen. Im Namen des Datenschutzes: Die Hausverwaltung „Wiener Wohnen“ tauscht bis Jahresende auf den Klingelbrettern ihrer Häuser 220 000 Namensschilder gegen Nummern aus. Ein Mieter hatte sich beschwert, dass er sich wegen seines Namensschildes in seiner Privatsphäre gestört fühlt. Und die neue, seit Mai gültige Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union gibt ihm Recht. Die für Datenschutz zuständige Wiener Magistratsabteilung teilte diese Einschätzung und gab der Hausverwaltung den Rat, die Klingelschilder vorsorglich auszutauschen.

Demnach dürfen zwar Bewohner selbst ein Namensschild anbringen, wenn sie das möchten. Aber ihr Vermieter darf das eben nicht mehr. „Wir müssen die standardgemäße Beschilderung also austauschen“, sagte ein „Wiener Wohnen“-Sprecher in einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. In der österreichischen Hauptstadt jedenfalls werden spätestens in zweieinhalb Monaten auf den Klingelbrettern von rund großen 2 000 Wohnanlagen nur noch Wohnungsnummern statt Namen stehen.

Kirsten Schönherr kann darüber nur den Kopf schütteln. Sie ist die Geschäftsführerin der Bautzener Wohnungsbaugesellschaft. Das kommunale Unternehmen bewirtschaftet rund 3 700 Wohnungen und 100 Gewerbeeinheiten in 185 Gebäuden – und überall stehen Namen auf den Klingelschildern. „Wir hoffen auch, dass unsere Mieter die seit Jahrzehnten bewährten Traditionen schätzen können und in Bezug auf die Namenschilder auf dem Klingelbrett alles beim Alten bleiben kann.“

Im gleichen Tenor äußert sich auch Sandra Thiel, Vorstandsmitglied der Wohnungsgenossenschaft Einheit in Bautzen. Die Genossenschaft verwaltet in der Spreestadt rund 3 000 Wohnungen. Noch nie habe sich ein Mieter wegen seines Namensschildes beschwert, sagt Sandra Thiel. Und sie hofft, dass das auch so bleibt. Denn wenn neben den Klingeln nur noch Nummern statt Namen stehen, hat das Konsequenzen. Für Paketboten beispielsweise, vor allem aber für Rettungsdienste. „Was passiert, wenn ein Notarzt gerufen wird, der aber gar nicht weiß, wo er klingeln muss“, gibt die Genossenschafts-Chefin zu bedenken. Außerdem sei es doch besser, wenn sich die Mieter in einem Hauseingang mit Namen kennen.

Für eine gute Nachbarschaft

Auch Simone Hoke von der Städtischen Wohnungsgesellschaft Kamenz kennt keine diesbezüglichen Anfragen von Mietern. „Wir planen auch nicht die Abschaffung der Namensschilder an den Klingelbrettern.“ Vorstand Falko Glück von der Wohnungsgenossenschaft „Aufbau“ Bautzen gibt zudem die unverhältnismäßigen Kosten zu bedenken, die durch eine Adressenänderung entstehen würden.

„Die Wiener sind übers Ziel hinausgeschossen“, sagt Karsten Kwiek. Er ist der Datenschutz-Mann bei der Wohnungswirtschaftlichen Treuhand Mitteldeutschland in Dresden. Bisher sei juristisch nicht geklärt, ob ein Klingelschild mit einem Dateisystem, mit dem man Personalien im großen Stil erfassen und missbrauchen kann, gleichzusetzen ist. Zudem haben Namensschilder in einem Haus auch einen sozialen Aspekt: „Wenn sich alle nur noch mit Nummern ansprechen, ist es schlecht für eine gute Nachbarschaft.“

Für den Sächsischen Datenschutzbeauftragten Andreas Schurig sind Klingelleisten mit den Namen der Mieter zulässig. Er hält Namensschilder für vertretbar und sogar notwendig, wenn Rettungsdienste, Feuerwehr oder Zusteller klingeln. „Briefkästen weisen ohnehin Beschilderungen mit den Namen auf. So werden überwiegend keine zusätzlichen Daten verbreitet, wenn Namensbezeichnungen auf Klingelschildern bestehen bleiben.“ Sollten sich einzelne Mieter durch ihren Namen auf einer Klingelleiste in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt sehen, und die Vermieter tragen dem Rechnung, wird der Datenschutzbeauftragte nicht einschreiten.