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Mittwoch, 26.09.2018

Gorbitzer Bauwerke unter Denkmalschutz

Acht Jahre setzte sich Stadtteilkümmerer Matthias Körner dafür ein, dass die Originale erhalten bleiben. Mit Erfolg.

Matthias Körner geht mit offenen Augen durch sein Gorbitz – und entdeckte dabei allerlei Schützenswertes wie den Gorbitzer Krug und diesen Plattenbau.
Matthias Körner geht mit offenen Augen durch sein Gorbitz – und entdeckte dabei allerlei Schützenswertes wie den Gorbitzer Krug und diesen Plattenbau.

© Rene Meinig

Warum jetzt? 28 Jahre nach der politischen Wende 1990 wird in Dresden das erste Plattenbauwohnhaus unter Denkmalschutz gestellt. Matthias Körner kennt den Grund ganz genau, schließlich ist der Gorbitzer seit gut acht Jahren für diese Mission im Einsatz. „Es ist die schnelle Veränderung in der Stadt“, sagt der 40-Jährige. Es sei wie ein Aufwachen gewesen für ihn, bevor es zu spät ist. Zu spät, Vergangenes zu bewahren. Bevor alle Häuser saniert, Fassaden neu gestaltet, Kunstwerke verschwunden sind. Dass der Weg allerdings so lang und anstrengend wird, habe er 2010 nicht gedacht. Denn mit seiner Idee, Zeugnisse des industriellen Bauens – die gern als Plattenbauten bezeichneten Häuser und zum damaligen Konzept gehörende Kunstwerke – zu schützen, stieß der Gorbitzer Chronist nicht überall auf offene Ohren.

Das sind unter Denkmalschutz stehenden Bauwerke

Letztlich konnte Matthias Körner die sächsischen Denkmalschützer aber überzeugen – Ende August wurde der Denkmalschutzstatus von fünf Gorbitzer Bau- und Kunstwerken groß gefeiert. Körner selbst lebt seit 2006 in Gorbitz und hat mit Architektur eigentlich gar nichts am Hut. Früher arbeitete der gebürtige Mecklenburger beim Rettungsdienst, heute als Erste-Hilfe-Ausbilder beim Arbeiter-Samariter-Bund. Vom Plattenbau ist er seit seiner Kindheit, die er im WBS 70-Neubaublock verbrachte, fasziniert. „Das war allerdings der Landtyp mit nur vier Etagen, Spitzdach und Kohleöfen.“ Fernwärme gab es in seiner Heimatstadt damals nicht. Mit seiner Faszination ist Körner offensichtlich nicht allein. Ihm sei aufgefallen, dass es etliche Autoren in seinem Alter gibt, die sich in ihren Büchern mit der DDR-Baugeschichte befasst haben. Selbst Wohnungsunternehmen besinnen sich auf ihre Geschichte, wie die Jenawohnen GmbH, die jetzt ein Buch über 50 Jahre Jena-Lobeda herausgeben ließ.

Doch nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit ist nun, nach einigen Jahrzehnten, im Trend. Auch das Bewahren. In den vergangenen Jahren sind Plattenbauten in Neubrandenburg, Rostock und Leipzig unter Denkmalschutz gestellt worden. Nun folgt also Dresden mit dem Wohnhaus am Leutewitzer Ring 31, der benachbarten Gaststätte Gorbitzer Krug, einem Großmosaik und dem Märchenbrunnen am Amalie-Dietrich-Platz sowie dem Gemeindezentrum St. Philippus am Leutewitzer Ring 75. Die Entwürfe für die Kirche stammen von Ulf Zimmermann, dem Erbauer der Neuen Mensa. Nicht weniger namhaft sind die kreativen Köpfe hinter den Kunstwerken. Karl Schönherr entwarf neben dem Märchenbrunnen viele andere Plastiken, etwa für die Prager Straße. Gerhard Bondzin ist den Dresdnern vom „Weg der Roten Fahne“ am Kulturplast bekannt. In Gorbitz kreierte er das Wandmosaik am Club Passage, das thematisch die Gottfried-Keller-Fabel „Fuchs und Trauben“ aufgreift.

Das hat einen guten Grund, sagt Körner. „Für die Kunst in den Plattenbaugebieten sah das Konzept damals vor, dass es einen Bezug zur Geschichte geben soll.“ In Gorbitz sei das schwierig gewesen – der Stadtteil wurde auf dem Feld errichtet. Allerdings gab es im unteren Teil des Wohngebietes die Gottfried-Keller-Straße. Also musste der namensgebende Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert in den 1980er-Jahren als Ideengeber für die Kunst am Bau herhalten. Nicht zufällig sind am Märchenbrunnen allerlei Fabelwesen dargestellt. Und auch deshalb wurde eine Kneipe am Amalie-Dietrich-Platz einst nach dem Keller-Roman „Grüner Heinrich“ benannt.

Damit möglichst viele die Geschichte hinter den fünf Gorbitzer Denkmalen kennenlernen, will Matthias Körner Infotafeln aufstellen lassen. Dort sollen alle Besonderheiten des jeweiligen Bauwerks beschrieben werden. „Wichtig ist mir, das industrielle Bauen mit den vorgefertigten Betonteilen zu erklären.“ Was in den 1970er-Jahren erfunden und später in großem Stil in den Wohngebieten der DDR Anwendung fand, kehre heute schließlich zurück in den Wohnungsbau, um schnell und preiswert zu bauen.

Die Denkmal-Platte an der Höhenpromenade ist übrigens die letzte Generation des WBS 70-Wohnhauses, erklärt Matthias Körner. Entworfen wurden diese Gebäude erst Mitte der 1980er-Jahre, und zwar nicht als langgestreckte Riegel, sondern als eher quadratische Punkthäuser – mit dem Hintergrund, Baulücken auch in der Dresdner Altstadt zu füllen.

Besonders auffällig ist die aufwendige Gestaltung der Fassade. Wie auch beim Mosaik wurden hier Keramikfliesen in einem speziellen Kohlebrandverfahren angefertigt. „Dabei legte sich die Asche unterschiedlich dick auf den Fliesen ab, wodurch einige heller, andere dunkler sind.“ Braun deshalb, weil es für Gorbitz eine Farbkonzeption gab, die sich nach dem Thema „Leben in der Landschaft“ richtete.

Die fünf Denkmale sind damit Zeugnisse der jüngeren DDR-Baugeschichte. Das Mosaik und der Märchenbrunnen wurden 1986 aufgestellt, Gorbitzer Krug und Plattenbauwohnhaus ein Jahr zuvor errichtet, die Kirche sogar erst 1992 fertiggebaut.

Saniert werden soll die Denkmal-Platte übrigens trotzdem. Die Eisenbahner-Wohnungsgenossenschaft will das Haus für Senioren ausbauen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 15 Kommentare

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  1. Aufgepasst!

    Die DDR versuchte die Tristesse mit "namhaften Künstlern" zu verschönern - logisch - 1. standen die auf dem Lohnzettel des ZK und 2. waren sie dritte Front im Kampf der Ideologien - besonders wenns um öffentliche Aufträge und nicht eigene Arbeiten ging. Diese Verklärung des Unrechtsstaates, nur weil er Wohnraum geschaffen hat, weil er Wohnraum abgerissen hat, ist gelinde gesagt zum kotzen. Aber Unrecht aus der Geschichte scheint in Sachsen ja gern von beiden extremen Rändern verklärt zu werden. Mag sein, dass industrieller Wohnungsbau, die "Platte" auch partiell den Denkmalstatus bekommen darf - gehört ja zur Geschichte, aber diese Lobhudelei auf MassenMenschenHaltung in überall gleichen Stadtvierteln, die zu sozialen Brennpunkten wurden, erschrickt deutlich. Und wir sollten uns hüten, diese Art des Wohnbaus im 21.Jht wieder fortzusetzen. Was passiert, wenn man Viertel so zusammensetzt, zeigt besonders Gorbitz mit dem Amalie-Dietrich-Platz als Kriminalitätsschwerpunkt deutlich.

  2. Mathias Körner

    hallo her "aufgepasst": schade, wenn man nicht den mut hat, hier ein kommentar mit seinem namen zu schreiben, vorallem, wenn man sich kritisch äußert!!!! zudem sind ihre einwände nicht ganz zutreffend, verallgeinernt und zum teil fachlich falsch. leider urteilen viele über den industriellen wohnungsbau haben aber kein hintergrundwissen, was kein wunder ist, denn erst seit kurzen beginnt die Aufarbeitung unvoreingenommen und mit zeitlichen abstand realitätsnah und nachhaltig.

  3. Mathias Körner

    hallo her "aufgepasst": schade, wenn man nicht den mut hat, hier ein kommentar mit seinem namen zu schreiben, vorallem, wenn man sich kritisch äußert!!!! zudem sind ihre einwände nicht ganz zutreffend, verallgeinernt und zum teil fachlich falsch. leider urteilen viele über den industriellen wohnungsbau haben aber kein hintergrundwissen, was kein wunder ist, denn erst seit kurzen beginnt die Aufarbeitung unvoreingenommen und mit zeitlichen abstand realitätsnah und nachhaltig.

  4. Orrr neee

    Und wer wohnt dann in einer unsanierten Platte mit doppelten oder dreifachen Nebenkosten? Zieht der Herr Körner selbst da rein? Ein Arbeiterschließfach als Denkmal, herrlich....

  5. Mathias Körner

    hallo herr orr neee. die mieter sind sehr stolz. kein wunder sie wohnen seit anfang an dort und haben ihr umfeld mitgestaltet. schade, wenn man nicht den mut hat, hier ein kommentar mit seinem namen zu schreiben, vorallem, wenn man sich kritisch äußert!!!! zu dem thema nebenkosten kann ich ihnen aufgrund ihrer kurzen Beschreibung nicht folgen. leider urteilen viele über den industriellen wohnungsbau haben aber kein hintergrundwissen, was kein wunder ist, denn erst seit kurzen beginnt die Aufarbeitung unvoreingenommen und mit zeitlichen abstand realitätsnah und nachhaltig.

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