erweiterte Suche
Dienstag, 14.11.2017

Glücksfall Gänsezucht

Manchmal liegt das Gute ganz nah: Sylvia Stiebitz hat lange Zeit Arbeit gesucht. Ihren neuen Job fand sie gleich um die Ecke.

Von Madeleine Siegl-Mickisch

Gänse locken zurzeit viele Besucher nach Königswartha, denn bis Weihnachten ist in der Gänsezucht wieder Markt. Die Mitarbeiter freuen sich über den großen Zuspruch, auch Sylvia Stiebitz, für die der neue Job in dem Betrieb ein Glücksfall ist.
Gänse locken zurzeit viele Besucher nach Königswartha, denn bis Weihnachten ist in der Gänsezucht wieder Markt. Die Mitarbeiter freuen sich über den großen Zuspruch, auch Sylvia Stiebitz, für die der neue Job in dem Betrieb ein Glücksfall ist.

© Steffen Unger

Königswartha. Wenn der Ganter zum Flügelschlag ausholt, ist Vorsicht angesagt. „Ich hab’ auch schon mal einen Schlag abgekriegt“, sagt Sylvia Stiebitz. Trotzdem holt sie das Tier beherzt aus dem Gehege und setzt es nach dem Fototermin wieder zurück. Angst, mit den Gänsen umzugehen, hat sie nicht. Obwohl: „Dass ich mal bei den Tieren lande, hätte ich nicht gedacht“, sagt die Königswarthaerin schmunzelnd. Sie wohnt nur ein paar hundert Meter von der Eskildsen Gänsezucht entfernt. Seit Anfang des Jahres ist das nun auch ihr täglicher Arbeitsweg. Und darüber ist die 52-Jährige sehr, sehr froh. „In dem Alter noch Arbeit zu finden, ist nicht leicht. Vor allem, wenn man wie ich vorher so lange arbeitslos war“, sagt sie.

Gelernt hat Sylvia Stiebitz nach der zehnten Klasse „wie viele hier in der Gegend in der Kohle“. An der frischen Luft zu arbeiten, habe ihr schon damals mehr zugesagt als ein Bürojob. Doch da, wo sie als Maschinistin jahrelang schwere Technik bediente, erstreckt sich heute der Bärwalder See. Das Ende des Tagebaus brachte Anfang der 1990er-Jahre für viele den Einstieg in die Arbeitslosigkeit – auch für Sylvia Stiebitz. Seitdem habe sie alles Mögliche ausprobiert. Als Erstes bekam sie eine Umschulung zum Maler – aber keine Anstellung in dem Beruf. Dann wechselten sich geförderte Maßnahmen wie Ein-Euro-Jobs mit vorübergehenden Arbeitsstellen und immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit ab. Aber sie habe sich nicht im Nichtstun einrichten wollen, immer wieder Bewerbungen geschrieben. „Ich hab’ auch mal eine Saison als Zimmermädchen in einem Hotel auf einer Nordseeinsel gearbeitet“, erzählt sie. Die Arbeit als Produktionshelferin im Kunststoffunternehmen Zeibina in Puschwitz habe ihr Spaß gemacht, sei aber eben auch nur befristet gewesen. Als sie voriges Jahr wieder mal in einer Maßnahme für Langzeitarbeitslose landete, kam der Vorschlag, ein Praktikum in der Königswarthaer Gänsezucht zu machen.

Schwer, freie Stellen zu besetzen

„Ihre Betreuerin wusste, dass wir Leute suchen“, sagt Andrea Lau, die Betriebsleiterin der Gänsezucht. Nach wie vor hat sie Not, alle Stellen zu besetzen. Denn binnen kurzer Zeit seien drei Mitarbeiter in Rente gegangen und junge Leute, die im Betrieb ausgebildet wurden, hätten sich anderweitig orientiert. Da kam Sylvia Stiebitz gerade recht. „Und sie hat mich wirklich überzeugt“, sagt Andrea Lau. So folgte Ende vorigen Jahres zunächst eine befristete Anstellung für die Zeit des Gänsemarktes. Denn dafür werden weit mehr Hände gebraucht als die der Stammbesetzung.

Zu der gehört Sylvia Stiebitz nun seit Januar. „Ich bin endlich raus aus Hartz IV“, sagt sie erleichtert. An die Arbeit mit den Gänsen hat sie sich schnell gewöhnt. Die erste Woche sei zwar hart gewesen, denn sie musste gleich beim Ausmisten mit ran. „Bei uns gibt’s eben noch viel Handarbeit“, erklärt Andrea Lau. „Aber es stinkt nicht so wie im Schweinestall“, erwidert Sylvia Stiebitz. Am meisten freut sie sich, wenn im Frühjahr die Gösseln schlüpfen. „Da gibt’s immer was zu gucken.“

Jetzt aber ist ihr Platz nicht im Stall, sondern in der Küche, denn seit voriger Woche ist wieder Gänsemarkt. Und da gehen vor allem am Wochenende schon mal mehrere hundert Portionen Gänsebrust, -gulasch oder -suppe über den Tisch. Auf Sylvia Stiebitz wartet jetzt die nächste Herausforderung. „Dieses Jahr soll ich auch mal an die Kasse.“ Bange ist ihr davor nicht. Einfach abgucken und fragen, so habe sie ja bisher schon vieles gelernt. Und die Kollegen seien alle nett und helfen.

Gänsemarkt bis 22. Dezember, täglich 10 bis 19 Uhr, in der Gänsezucht Königswartha, Hermsdorfer Straße 41