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Mittwoch, 11.07.2018

Gemeinsam gegen den toten Winkel

Von Hannes Koch

Radfahrer und Fußgänger sind die Schwächsten im Straßenverkehr. Sie sollen künftig besser geschützt werden, indem Lkw mit Assistenzsystemen ausgerüstet werden. Foto: dpa/Jan Büttner
Radfahrer und Fußgänger sind die Schwächsten im Straßenverkehr. Sie sollen künftig besser geschützt werden, indem Lkw mit Assistenzsystemen ausgerüstet werden. Foto: dpa/Jan Büttner

© dpa

Berlin. „

Ich hab den Assi“, steht auf den rot-gelben Aufkleber, den sich die Fahrer an die Lkw kleben sollen. Aber nur diejenigen, deren Fahrzeuge mit einem elektronischen Radfahrer-Retter, dem sogenannten Abbiegeassistenten, ausgerüstet sind. Damit sich die Geräte möglichst bald verbreiten, präsentierte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Dienstag eine Vereinbarung mit Unternehmen. Und bis 2019 will er die Transportfahrzeuge aller Behörden, für die er zuständig ist, mit den Alarmsystemen ausstatten lassen – etwa bei den Wasser- und Schifffahrtsdirektionen.

Zur „Aktion Abbiegeassistent“ hatte Scheuer Vertreter der Lkw-Hersteller, Spediteure, Prüforganisationen, Experten für Verkehrssicherheit, sowie Autofahrer- und Radfahrerverbände eingeladen. Wichtigste Frage: Wie lassen sich die Fahrzeuge schnell mit den Abbiegeassistenten ausrüsten? Das sind elektronische Systeme an und in den Lastwagen, die Personen bemerken, wenn sie sich im toten Winkel der Lkw-Fahrer aufhalten. 40 Radfahrer sind dieses Jahr bundesweit schon bei Unfällen mit Schwertransportern gestorben.

Einige Laster, die solche Systeme bereits an Bord haben, waren im Hof des Bundesverkehrsministeriums in Berlin zu begutachten. Beim neuen Actros-Lastzug von Daimler blinkt rechts in der Fahrerkabine beispielsweise ein rotes Warnlicht, und ein Signal ertönt, wenn das Radar, eingebaut vor der Hinterachse der Zugmaschine, ein Fahrrad erkennt. Scheuer überreichte Urkunden an sechs Firmen, die die Alarmsysteme zügig einführen wollen – Edeka, Netto, Aldi Nord und Süd, Alba und DB Schenker. Zudem kündigte er an, ein Förderprogramm aufzulegen, um weitere Speditionen zu ermuntern. Teilnehmern der Veranstaltung zufolge war von Zuschüssen von bis zu 80 Prozent der Kosten pro Fahrzeug die Rede.

Angela Kohls von Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) begrüßte die Fortschritte, forderte aber ein Programm, um auch die kommunalen Fuhrparks umzurüsten. Hintergrund: Anfang Juni kam in Köln ein Siebenjähriger ums Leben, nachdem ihn ein Müllwagen erfasst hatte. Michael Müller-Görnert vom ökologisch orientierten Verkehrsclub Deutschland (VCD) schlug vor, dass bei öffentlichen Ausschreibungen nur Firmen den Zuschlag erhalten sollten, deren Laster Abbiegeassistenten an Bord hätten. Dass es gut wäre, die Alarmsysteme in alle Lkw einzubauen, ist weitgehend Konsens. Doch viele Beteiligte arbeiten sich an kleinteiligen Maßnahmen ab. Denn die Sache ist juristisch schwierig: Die Kompetenz für die Typengenehmigung der Fahrzeuge liegt zum guten Teil auf EU-Ebene. Fünf oder zehn Jahre könnten ins Land gehen, bis alle Fahrzeuge, die in der Bundesrepublik unterwegs sind, die Warnsysteme an Bord haben. Kritiker verlangen schnelleres Handeln. So sagte Frank Huster, Geschäftsführer des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV): „Wir plädieren dafür, Abbiegeassistenten für neue Fahrzeuge verpflichtend vorzuschreiben. Unser Verband hält auch einen nationalen Alleingang für möglich, bei dem in Deutschland zugelassene Fahrzeuge umgerüstet werden.“ Zuvor soll der Bund technische Kriterien benennen, was solche Systeme leisten müssen, so Huster. Währenddessen hat Edeka in Südbayern ein selbstentwickeltes Alarmsystem in 300 Lkw eingebaut. Edeka-Tochter Netto will bis 2019 alle eigenen Fahrzeuge umrüsten. Systeme, die die Lkw-Hersteller Mercedes-Benz und MAN anbieten, kosten 2 500 Euro.

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