erweiterte Suche
Freitag, 18.05.2018

Geisterfahrer und Ampel-Ignoranten

Ein Drittel der Fahrradunfälle in Dresden verursachen die Radfahrer selbst. Was den Polizisten alles unterkommt:

Von Sandro Rahrisch

46

Ein Polizist der Fahrradstaffel winkt am Mittwoch an der St. Petersburger Straße einen Radfahrer heraus. Die Polizei kontrolliert wieder verstärkt.
Ein Polizist der Fahrradstaffel winkt am Mittwoch an der St. Petersburger Straße einen Radfahrer heraus. Die Polizei kontrolliert wieder verstärkt.

© Sven Ellger

Die Ampel an der St. Petersburger Straße springt auf Rot. Die Autos halten. Auch Annemarie steigt vom Rad und lässt die Fußgänger den Überweg in Höhe Lingnerallee passieren. Warten, bis es grün wird, will die Dresdnerin, die auf dem Weg in den Feierabend ist, allerdings nicht. Sie steigt aufs Rad, tritt in die Pedalen und zieht an den Fahrzeugen neben ihr vorbei. Was sie nicht ahnt: Sie wird beobachtet.

Am Pirnaischen Platz empfängt die Polizei die junge Frau und winkt sie von der Straße. Was sie falsch gemacht habe wisse sie, erklärt sie den Beamten. Dass sie auf die Fußgänger gewartet hatte, bis sie weiterfuhr, mache es aber nicht besser, entgegnen ihr die Polizisten. Verstoß bleibe Verstoß. 60 Euro soll Annemarie jetzt zahlen. Eine teure Fahrt von der Arbeit nach Hause.

Und sie ist nicht die Einzige, die an diesem Nachmittag gestoppt wird. Ein Mann ignoriert ebenfalls die rote Ampel, ein weiterer fährt mit seinem Bike über den Gehweg und wieder ein anderer nutzt zwar den Radweg, allerdings den falschen. Er ist als Geisterfahrer auf der verkehrten Straßenseite unterwegs.

Tatsächlich gehören Ampel- und Richtungsverstöße zu den häufigsten Ursachen für Unfälle, die von Radfahrern verursacht werden, schätzt Kommissar Thomas Kiraly ein. Er gehört zur Fahrradstaffel der Dresdner Polizei, die jetzt im Frühjahr wieder verstärkt kontrolliert. Geisterfahrer sehe er sehr häufig auf der Marienbrücke. „Riesige Pulks fahren dort auf der falschen Seite vom Neustädter in Richtung Hauptbahnhof“, sagt er. „Da hat es schon einige umgehauen.“ Meistens sind zwei Verletzte zu beklagen, wenn sich die Lenker ineinander verhakt haben. Das ist aber nicht das einzige Problem auf der Brücke: Inzwischen biegen nicht nur Autofahrer verbotenerweise links in die Devrientstraße ab, sondern auch Radfahrer. Damit riskieren sie, von einem Auto oder einer Straßenbahn angefahren zu werden.

Im letzten Jahr ist die Zahl der Unfälle mit Radfahrern um sechs Prozent gestiegen, teilt die Polizei mit. Insgesamt waren 1 386 Radfahrer in Unfälle verwickelt, 80 Prozent trugen Verletzungen davon. Zwar ging die Mehrzahl auf die Kappe von Auto-, Laster- und Motorradfahrern. „Dennoch ist die Ursache für gut ein Drittel beim Radfahrer zu finden“, sagt Polizeirat Gerald Baier.

Dabei sind die Strafen durchaus empfindlich. Ohne Licht zu fahren, kostet beispielsweise 20 Euro. Wer beim Fahren sein Handy am Ohr hat, wird 55 Euro an die Staatskasse los. Und wer sich an einer geschlossenen Bahnschranke vorbeischlängelt, riskiert ein Bußgeld in Höhe von 350 Euro.

Ob Radfahrer die schlechteren Verkehrsteilnehmer sind? „Das ist schwer zu sagen“, sagt Kiraly. Schwarze Schafe gebe es im Auto wie auf dem Rad. „Es ist zumindest so, dass Autofahrer eine Fahrschulprüfung absolvieren mussten. Radfahren darf jeder, ob er körperlich und geistig dazu in der Lage ist oder nicht.“

Was der Polizist aber feststellt: Die Hemmschwelle, Verkehrsverstöße zu begehen, sei auf dem Rad niedriger. Eine rote Ampel sei für Autofahrer ein Gesetz zum Halten. Radfahrer würden sich dagegen eher umschauen, ob der Weg frei ist, und weiterfahren. „Da wird die Straßenverkehrsordnung oft sehr kreativ ausgelegt.“

Was sich gebessert habe: Mehr Radfahrer sind im Dunkeln mit Licht unterwegs. „Da ist eine deutliche Verbesserung zu erkennen“, so Kiraly. Eine Entwicklung, welche die Polizei ebenfalls freut: Mehr Dresdner steigen vom Auto aufs Rad um. Laut Schätzung der Stadtverwaltung nutzen etwa 20 Prozent der Einwohner das Bike für Strecken zwischen einem und drei Kilometern.

Um die hohe Verletzungsrate bei Radunfällen zu senken, appelliert die Polizei, die Räder ordentlich mit Licht und Reflektoren auszurüsten und einen Helm aufzusetzen. „Auch wenn der Radfahrer keiner Helm- und Warnwestenpflicht unterliegt“, so Gerald Baier.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 10

Insgesamt 46 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Adrian

    Was soll das? Ich habe diese Maßnahme gesehen. Toll von der "Fahrradstaffel" (Wozu gibts die eigentlich?) sich mit einem T5 an den Straßenrand zu stellen und Radfahrer rauszuziehen. Dazu braucht es aber keine Fahrradstaffel, die dann noch einen Alibihelm aufsetzt (Wozu?). Da ich mich wie immer regelrecht verhielt, wurde ich zwar nicht herausgezogen. Aber was soll denn diese Maßnahme an einer Fußgängerampel? In anderen Städten (Paris) und Ländern (Teile der USA) darf man als Radfahrer sogar bei Rot über Ampeln fahren (gilt dann wie ein Stoppschild. bzw. wie bei uns der grüne Papppfeil). Ampeln wurden für den Autoverkehr entwickelt. Würde es nur Radfahrer geben, ginge es auch ohne Ampeln. Und erst recht diese Fußgängerampel, wo niemand gefährdet wird, wenn der Radfahrer (wie schon oft von mir gesehen) kurz anhält und wenn frei ist weiter fährt. Siehe dazu auch: "11 Gründe, warum Radfahrer NICHT mehr bei Rot halten sollten" (bei Google eingeben).

  2. Xy

    Bitte auch mal am Bischofsplatz kontrollieren, da gibt es viel zu holen. Wurde dort schon mehrfach fast von Radfahrern auf dem Fußweg im engen(!) Haltestellenbereich umgefahren.

  3. Pro-Rad-Schlag einsfünfzig

    Man(n) sollte Herrn Kommissar Thomas Kiraly mal genau zuhören, der Mann bringt es auf den Punkt. Was jedoch auf mein absolutes Unverständnis stosst ist, dass (sinngemäß) in letzter Zeit die Einhaltung der Straßenverkehrsregeln wieder zunimmt und man zur Einhaltung dieser (Beleuchtung, Ampel etc.) APPELLIERT. Ja [Kreuzspinne und Kreuzschnabel], wozu haben wir denn dann Regeln und Gesetze wenn man sie nicht ausreichend umsetzen/kontrollieren kann? Mal von ab, dass heute vielen 'Verkehrsteilnehmern' das Resthirn für Anstand und Rücksichtnahme fehlt was u.a. zu den genannten Zuständen führt. Da beisst sich doch was, oder?

  4. Teilnehmer

    Wo sich eine Fahrradstaffel wirklich nützlich machen könnte, weil sie die Perspektive der Radfahrer selbst hat, wäre Kontrolle von Überholabstand und Falschparkern. Das im Artikel erwähnte hingegen wirkt alles mehr wie Beschäftigungsmaßnahmen für Polizisten. Dieser ganze Ampelregelungswahnsinn ist nicht wegen Radfahrern entstanden, sondern weil es schnelle, schwere Blechkisten gibt, bei denen die Fahrer niedrig sitzen, kaum was sehen, nichts hören - für eine dichtgepackte Stadt also ein völlig unverhältnismäßiges Verkehrsmittel. Auf Augenhöhe mit Menschen, die hoch genug sitzen, Rundumblick haben und auch Geräusche wahrnehmen können, wäre die Einführung des "Idaho-Stop" in Deutschland. Weiter kann ich mich nicht erinnern, wann es zuletzt ein Radverkehrsunfall auf der Marienbrücke in die Zeitung geschafft hat, bei dem nicht ursächlich mal wieder ein Kfz wegen Raserei über den Bordstein gesprungen ist.

  5. Pro-Rad-Schlag einsfünfzig

    @Adrian: Ich würde Ihnen auf Ihre Fragen hin dringend raten a) die in Deutschland gültige StVO (noch einmal?) zu lesen und b) den (unbehelmten?) Verstand einzuschalten. Oder schreiben Sie etwa Prosa von einem anderen Planeten?

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 10

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.