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Montag, 23.07.2018

Geht nicht, gibt’s nicht

Selbst ist Gerd Leopold nie Bob gefahren und trotzdem einer der weltbesten Trainer. Zum 60. Geburtstag hat er neue Ziele.

Von Tino Meyer

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Ein ewiger Optimist mit Hang zur Pedanterie, wenn es um den sportlichen Erfolg geht: Gerd Leopold.
Ein ewiger Optimist mit Hang zur Pedanterie, wenn es um den sportlichen Erfolg geht: Gerd Leopold.

© Robert Michael

  • Ein ewiger Optimist mit Hang zur Pedanterie, wenn es um den sportlichen Erfolg geht: Gerd Leopold.
    Ein ewiger Optimist mit Hang zur Pedanterie, wenn es um den sportlichen Erfolg geht: Gerd Leopold.
  • Die Geschichte von der Sportstadt Riesa ist auch seine. Gerd Leopold (l.) im Juni 2010 auf der Bobanschubstrecke mit Talent Francesco Friedrich, Innenminister Thomas de Maizière und Olympiasieger Harald Czudaj.
    Die Geschichte von der Sportstadt Riesa ist auch seine. Gerd Leopold (l.) im Juni 2010 auf der Bobanschubstrecke mit Talent Francesco Friedrich, Innenminister Thomas de Maizière und Olympiasieger Harald Czudaj.
  • Der ganze Stolz des Trainers. Pyeongchang 2018 ist nicht nur die Sternstunde für Doppelolympiasieger Francesco Friedrich (r.) und den Vierer-Zweitplatzierten Nico Walther. Auch Gerd Leopold sieht seine Arbeitsweise belohnt.
    Der ganze Stolz des Trainers. Pyeongchang 2018 ist nicht nur die Sternstunde für Doppelolympiasieger Francesco Friedrich (r.) und den Vierer-Zweitplatzierten Nico Walther. Auch Gerd Leopold sieht seine Arbeitsweise belohnt.
  • Am besten lässt sich Gerd Leopold als eine Mischung aus Trainer, Freund und Manager beschreiben – knallharte Botschaften inklusive.
    Am besten lässt sich Gerd Leopold als eine Mischung aus Trainer, Freund und Manager beschreiben – knallharte Botschaften inklusive.

Eigentlich sollte jetzt Schluss sein, nach knapp vier Jahrzehnten im Bobsport. Das hat er vor zwei, drei Jahren mal gesagt. Und eigentlich gäbe es kaum eine bessere Gelegenheit, als Trainer aufzuhören und sich in den letzten Berufsjahren vor der Rente nur noch ums Geschäftliche in Riesa zu kümmern und vermehrt auch um die Familie. Doch die Entscheidung steht, unabhängig von seinem 60. Geburtstag an diesem Montag und den zwei Olympiasiegen seines Vorzeigeathleten Francesco Friedrich im Februar in Pyeongchang. Gerd Leopold, der derzeit weltweit erfolgreichste Bobtrainer, macht weiter. Oder besser: Leopold legt noch einmal richtig los.

Der nacholympische Winter ist de facto immer ein entspannter, nicht jedoch bei ihm. Mögen die anderen gern erst mal eine Saison lang durchatmen, neue Kräfte sammeln, Schwung holen. Leopold reichen dafür ein paar Tage Urlaub mit Frau und Kind, dann ist der Akku wieder voll. Ruhestand kennt der Mann nicht, will er auch gar nicht kennenlernen. Im Kopf arbeitet es sowieso permanent. Einer seiner Kernsätze in der vermeintlichen Sommerpause: „Die Erfolge haben stattgefunden, aber daran hängt man sich nicht auf.“ Soll heißen: Wen interessiert schon im Winter der Schnee des Vorjahres? Leopolds Maxime: „Die Kunst des Könnens liegt im Wollen.“

Die Eiszeit beginnt zwar erst im Oktober mit Trainingsfahrten, die Weltcupsaison zwei Monate später. Für Leopold dagegen ist ganzjährig Saison. Die Binse vom guten Sommersportler, der im Winter gemacht wird, gilt nämlich auch andersrum. Außerdem verfolgt der gebürtige Ziegenhainer andere, größere Ziele. Das nächste lautet Peking 2022.

Nach Olympia ist vor Olympia

Gerechnet wird bei Bobfahrern schließlich im Vierjahresrhythmus, einem Olympia-Zyklus also. Die Spiele geben den Takt vor, sie sind der mit Abstand wichtigste Wettkampf für Nischensportler. Dass der Pirnaer Friedrich viermal in Folge Zweierweltmeister geworden ist, stellt eine außergewöhnliche, eine herausragende Leistung dar. Über den Eiskanal hinaus bekannt gemacht haben den Schützling von Leopold allerdings erst seine zwei Goldmedaillen bei den Winterspielen in Südkorea.

Sie sind, das zählt fast zum Allgemeinwissen in der Branche, auch ein großer Verdienst des Heimtrainers. Er hat das Jahrhunderttalent geformt und entwickelt. Hat Druck gemacht, als andere behutsam aufbauen wollten, hat neue Trainingsreize gesetzt, statt im Erfolg anderen Reizen zu erliegen und nebenbei ein Netzwerk gespannt, das Friedrich inzwischen ganz ordentlich von seinem Sport leben lässt. Und das gilt zweifellos auch für Leopold, den bekennenden Rotweinliebhaber. Ein guter Schluck und die obligatorische Siegerzigarre auf dem Balkon seiner Unterkunft – so hat er in Pyeongchang den ersten Olympiasieg Friedrichs gefeiert.

Als schlank, athletisch und ein bisschen jungenhaft ist er mal beschrieben worden, als einer, den man sich gut als Dressman vorstellen könne. Das mag äußerlich zutreffen, würde Leopold nur nicht gerecht werden. Die Bühne überlässt er lieber anderen, was nicht bedeutet, dass er – Spitzname Leo, obwohl Schleifer auch gut passt – nicht um seinen Stellenwert wüsste.

Kreativität, neue trainingsmethodische Erkenntnisse gepaart mit den alten sportwissenschaftlichen Grundregeln – das System Leopold geht weit übers Bobfahren hinaus und wird regelmäßig erweitert. Dabei hat er selbst nie an den Lenkseilen gesessen und auch nicht gern hinter den Piloten, was offenbar keinen Nachteil bedeutet. Neugier, Wille und Ehrgeiz sind groß auf einem Lebensweg, der immer wieder auch von Brüchen und Neuanfängen gezeichnet ist. Aufgrund von gesundheitlichen Problemen hat er die leistungssportliche Karriere als Mittelstreckenläufer beim SC Einheit Dresden aufgeben müssen, ehe sie Fahrt aufnehmen konnte. Die in der ewigen Stadtrangliste festgehaltenen 2:32 Stunden für den Marathon verdeutlichen jedoch eine weitere der herausstechendsten Eigenschaften Leopolds: die Ausdauer.

Er erhielt 1982 den Auftrag, in Altenberg eine Alternative zum Branchenprimus Oberhof aufzubauen, arbeitete nach der politischen Wende an der Seite von Raimund Bethge als Bundestrainer, zog dafür nach Berchtesgaden, kehrte 1993 zurück, entkräftete Stasi-Anschuldigungen, heiratete ein zweites Mal, machte Harald Czudaj, seinen Freund und späteren Geschäftspartner, 1994 zum Olympiasieger.

Im Februar 1996 haben sie das „Olympia“-Sport und Freizeitzentrum in Riesa eröffnet, ein umgerechnet fast Drei-Millionen-Euro-Projekt, und 2003 das Pendant in Coswig. „Eine berufliche Perspektive mit sportlichem Inhalt“, wie sie sagen. Weil er als Bundestrainer nicht mehr wollte (oder gewollt war), arbeitete Leopold für die Jamaikaner, danach für Frankreich und den niederländischen Verband. In Riesa engagierte er sich als Stadtrat, gab das Mandat aber auf, als der eigene Verband rief.

Seit 2007 ist Leopold wieder im Auftrag des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland unterwegs – unter anderem verantwortlich für den Stützpunkt Altenberg, zwischenzeitlich auch für den Nachwuchs. Das medaillenlose Debakel von Sotschi 2014 hat er allerdings zu Hause am Bildschirm verfolgen müssen, angefressen und restlos bedient. Es ist ein nochmaliger Wendepunkt, vor allem für Leopold, der die Blamage kommen sah und doch nichts tun konnte. „Das schlechte Abschneiden kann uns nur beflügeln“, sagte er.

Die Krisentage im März 2014 sind der Antrieb des Getriebenen, immer noch. Und deshalb soll, deshalb kann jetzt gar nicht Schluss sein. 2019 könnte Friedrich seinen fünften WM-Titel in Folge einfahren, 2020 ist Heim-WM in Altenberg und dann Peking 2022 in Sicht. „Unsere Reserve liegt nicht in der Belastung, sondern in der Regeneration und aktiven Erholung.“ Noch so ein Kernsatz von Leopold – der am meisten wohl auf ihn selbst zutrifft.

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