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Mittwoch, 31.10.2012

Gehör verloren – Genie gefunden

Lars Eidinger und Pheline Roggan drehen im Parkhotel eine packende Doku-Fiction über Ludwig van Beethoven.

Von Oliver Reinhard

Wie ist das, wenn die Welt um einen herum immer leiser wird? Wenn es ist, als drehe jemand den Lautstärkeregler unserer Ohren zurück? Ganz langsam, Jahr für Jahr ein kleines Stück, bis man gar nichts mehr hört, nur ein Rauschen noch; das des eigenen Blutes?

Lars Eidinger weiß es nicht, sein Gehör funktioniert prima. Aber der 36-Jährige, der sich am aufsteigenden Ast seiner Theater- und Filmkarriere („Alle anderen“, „Fenster zum Sommer“, „Was bleibt“) höher und höher hangelt, muss sich in die Seele eines Ertaubenden hineinhören: Im Parkhotel auf dem Weißen Hirsch steht er als Komponist Ludwig van Beethoven vor der Kamera, Pheline Roggan („Soul Kitchen“, „Russendisko“) spielt dessen ewig unerfüllte Lebensliebe.

„Vielleicht liegt ja grade darin das Geheimnis von Beethoven“, sagt Eidinger: „Er war ehrgeizig, wollte sich vorm Ertauben nicht geschlagen geben, und in dem Maße, wie er das Gehör verlor, mobilisierte er sein Genie.“ Gut möglich. Denn jene Jahre nach 1801, da Beethovens Hörfähigkeit mehr und mehr nachließ, waren seine kreativsten, in denen die gewaltigsten Werke entstanden, vor allem – ta-ta-ta-taaa! – die umwerfende Fünfte Sinfonie. Ein geheimnisvolles Schicksal.

Eben darum, ums Mysteriöse und Mystische daran, geht es in der Doku-Fiction „Die Akte Beethoven“, deren Spielszenen im Parkhotel gedreht werden. Einer von mehreren Kultur-Krimis für den TV-Sender Arte soll es werden, eine von fünf Suchen nach Lösungen auf den Spuren rätselhafter Fälle wie Van Gogh, wie Kleist, wie Beethoven.

Zwischen den Spielszenen durchstöbern die Regisseure Hedwig Schmutte und Ralf Pleger Archive, ziehen einen Biografen und einen Nervenarzt zurate, lassen eine Beethoven-Locke vom Gerichtsmediziner auf forensische Spuren seines Hörleidens untersuchen.

„Spannend erzählte Kulturgeschichte“ ist das Ziel, erzählt vor allem für jüngere Menschen, die man anders für Beethoven interessieren muss als deren Opas: mit Animationen und Apps, Spannung und Fantasie. Und mit der eigenen Neugier.

Wieder einmal war „der leicht morbide Charme“ des Parkhotels ausschlaggebend für die Wahl des Filmteams. Eine relativ kleine Crew ist gekommen, ein Dutzend Leute vielleicht. In der Kakadu-Bar stehen Scheinwerfer und Stative, im Aufzug wird gedreht – man konzentriert sich aufs Wesentliche. Schließlich entsteht hier kein Historienschinken.

„Das Schöne ist“, findet Pheline Roggan, „dass Lars und ich nicht in historische Kostüme gezwängt werden. Das lässt uns beim Gestalten der Rollen viel Freiheit.“ Sie trägt ein langes weißes Kleid, stilistisch irgendwo zwischen Griechengöttin Helena und Feenbraut mit Pelz-Stola, Lars Eidinger steckt in grünem Glitterhemd und dunklem Mantel. Keine graue Löwenmähne, kein weißer Monsterkragen, kein roter Schal – das Gegenteil also des berühmten Ölgemäldes. Kurzum: Beide Figuren könnten ebenso von gestern sein wie uns heute begegnen. Genau so ist es gewollt.

Wie es gestern und heute und jeden Tag und jede Stunde geschieht, verbanden Beethoven und seine historisch verbürgte, aber unbekannte Geliebte tiefe Zuneigung. Und doch konnten sie einfach nicht zueinanderfinden. „Diese Parallele zwischen dem seelischen Nicht-Verstehen der beiden und Beethovens Ertauben finde ich ungemein spannend“, sagt Lars Eidinger. „Und eine Frage beschäftigt mich ganz besonders: Wenn Beethoven sein Gehör gar nicht verloren hätte, hätte er dann diese großartige Musik überhaupt erschaffen können?“