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Donnerstag, 14.06.2018

Futbol, Pivo und Stolz

Beim WM-Auftakt hatten Russen allen Grund zur Freude. Auch in einem Dresdner Biergarten wurde die Sbornaja gefeiert.

Von Christoph Springer

Dmitri, Fan der russischen Nationalmannschaft, freut sich über das zweite Tor gegen Saudi Arabien beim Eröffnungspiel. Er sitzt in Katy´s Garage.
Dmitri, Fan der russischen Nationalmannschaft, freut sich über das zweite Tor gegen Saudi Arabien beim Eröffnungspiel. Er sitzt in Katy´s Garage.

© Sven Ellger

Wladimir Putin spricht und niemand hört zu. Es ist kurz vor 18 Uhr in Moskau, im Luschniki Stadion hat gerade Robbie Williams gesungen, jetzt eröffnet der russische Präsident das Chempionat Mira Po Futbolu, die Fußballweltmeisterschaft. Thomas Karstädt holt sich ein Bier und setzt sich an den reservierten Tisch in Katy’s Garage. In dem Biergarten mitten in der Neustadt ist er mit Freunden verabredet. Gemeinsam wollen sie das WM-Eröffnungsspiel sehen, 3:1 für Russland, tippt der 33-jährige Informatiker das Ergebnis. Seine Freunde lassen noch auf sich warten.

Es ist Public-Viewing-Zeit. Liegestühle und Biertische sind aufgestellt, alles mit Blick auf die kunstvoll zusammengezimmerte Konstruktion aus Holzlatten und Folie, in der bei Katy’s die Leinwand hängt, auf dem die Spiele in Russland gezeigt werden. Regensicher und gut zu sehen auch an diesem Spätnachmittag bei strahlendem Sonnenschein. Thomas Karstädt gehört zum Deutsch-Russischen Stammtisch Dresden, einer Gruppe mit rund 400 Mitgliedern. 40 davon sind aktiv, sagt der 33-Jährige und hebt das Glas auf die Sbornaja. So nennen Kenner die russische Nationalmannschaft. Karstädt gehört dazu. Er spricht Russisch. Heute erwartet er mindestens noch seine Freunde Fabian Schnelle und Svjatoslav Hladki. Das erste Tor der Sbornaja haben sie schon verpasst.

Dmitri nicht. Er sitzt in der vierten Reihe, trägt ein Russland-Shirt und ein Basecap mit dem Schriftzug „Russia“. Ganz genau hat der gebürtige Moskauer gesehen, wie das erste Tor gefallen ist. „Ich wäre schon gerne dort“, sagt er mit etwas Wehmut in der Stimme und nimmt einen Schluck von seinem Bier. „Aber das war vorher schon klar, dass ich das nicht schaffe.“ Vor drei Monaten war er bei seinen Eltern in der russischen Hauptstadt, das alte Luschniki-Stadtion nahe der Moskwa kennt er gut. Das neue, also die für die WM teuer aufgepeppte alte Arena, noch nicht. „Ich empfinde das als Gewinn“, urteilt der 38-Jährige über das Chempionat in seinem Geburtsland. Seine achtjährige Tochter ist an diesem Abend zu Hause geblieben. „Ich soll sie anrufen, wenn ein Tor fällt, das habe ich gemacht.“ Dass er sie an diesem Abend noch vier weitere Male anrufen wird, wusste er da noch nicht.

Fabian und Svjatoslav sind inzwischen eingetroffen. Auch sie trinken Bier, zu dritt haben sich die Freunde eine Brotzeitplatte bestellt. „Ich bin aus Weißrussland“, sagt Svjatoslav, der seit 18 Jahren in Dresden lebt. „Es ist eher so, dass das an sich nichts Besonderes ist“, sagt er zur WM und dem Austragungsland. „Aber mit Freunden sehe ich das an.“ Dann unterhalten sich die Drei über Pelmeni, Knoblauch und Alla Pugatschowa. „Das ist eine russische Sängerin, etwa so wie Helene Fischer“, erklärt Fabian Schmelle seinem Freund Thomas. „Stimmt nicht, die ist viel berühmter“, klärt ihn Svjatoslav auf.

Inzwischen läuft die zweite Halbzeit. Russland führt 3:0 und Thomas Karstädt sieht sich schon als Tippsieger des Abends. Das Trio begrüßt eine junge Frau, sie heißt Iana Lukianova. Sie alle kennen sie aus der Uni, die 22-Jährige studiert Molekulare Biotechnologie. Vor vier Jahren ist sie aus Kaliningrad nach Dresden gekommen, ein Mal im Jahr besucht sie ihre Eltern. „Nein, eigentlich guck ich kein Fußball“, sagt die junge Frau. Aber bei der WM ist das anders. Sie freut sich über das Großereignis in ihrem Heimatland. „Ich bin stolz darauf“, sagt die 22-Jährige, „das ist wohl ein bisschen Patriotismus.“ Ob deutsche Spitzenpolitiker nach Moskau fahren oder nicht, ist ihr gleich. „Wenn sie wollen, dürfen alle da hinfahren.“ Dann stößt die 22-Jährige mit ihrem deutschen Freund an und trinkt einen Schluck Bier auf die russische Nationalmannschaft. Die hat inzwischen das 4:0 geschossen.

Inzwischen ist es voll geworden in Katy’s Garage. Fast alle Plätze vor der Leinwand ist besetzt und die meisten Besucher fiebern mit der Sbornaja mit. „Rein mathematisch lag ich richtig“, tröstet sich Thomas Karstädt, sein Tipp ist nicht mehr drin. In Moskau laufen die Nachspielminuten, in Dresden das Bier. „Das ist bestimmt die letzte Aktion“, kommentiert er den Freistoß kurz vor Spielschluss. Im Luschniki läuft der Spieler an, zieht ab und trifft. „Tooooor“, jetzt springen die Gäste in dem Biergarten von ihren Stühlen und Bänken auf.

Dmitri klatscht begeistert in die Hände, noch einmal muss er seine Tochter anrufen. „Das war vielleicht der höchste Sieg in einem Eröffnungsspiel der WM-Geschichte“, vermutet er. Und er hat Recht. Sein Wunschfinale ist näher gerückt. Dmitri hofft, dass sich dann die russische und die deutsche Mannschaft gegenüberstehen. Iana Lukianova strahlt übers ganze Gesicht. „Yeah!“ Die 22-Jährige ballt die Faust. Von diesem Ergebnis hat sie noch nicht einmal geträumt. „Ich bin stolz“, sagt die junge Frau aus Kaliningrad.