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Samstag, 25.08.2018

Fußballgott, hilf!

Der Publikumsliebling bleibt Übergangslösung. Dynamo arbeitet bei der Trainersuche eine akribisch geführte Liste ab.

Von Tino Meyer

Bei dem einen sind die Haare inzwischen etwas länger, beim anderen ist es der Bart. Ralf Minge und Cristian Fiel arbeiten jetzt wieder eng zusammen.
Bei dem einen sind die Haare inzwischen etwas länger, beim anderen ist es der Bart. Ralf Minge und Cristian Fiel arbeiten jetzt wieder eng zusammen.

© Robert Michael

Der erste Versuch geht ins Leere. Weil auch in der Fußballtrainerschule ein striktes Handyverbot gilt, verpasst Cristian Fiel den Anruf. Doch mitten im Physiologie-Unterricht schwant ihm, dass Ralf Minge sicher nicht nur ein Schwätzchen halten will. Dynamo Dresdens Sportchef weiß schließlich genau, dass Dynamo Dresdens große Trainerhoffnung gerade dabei ist, die Voraussetzungen zu erfüllen, um irgendwann mal wie geplant die Profimannschaft zu übernehmen.

Nur ist dieses Irgendwann jetzt sofort, konkret Mittwoch um 18 Uhr, als es Minge ein zweites Mal versucht und Fiel endlich erreicht – auf dem Bahnhof im nordrhein-westfälischen Bad Honnef. „Fußballgott, ich brauche deine Hilfe“, soll Minge am Telefon gesagt haben.

Beide kennen, mögen und schätzen sich seit Fiels Karriere als Mittelfeldspieler und Publikumsliebling bei den Schwarz-Gelben. Fußballgott haben ihn die Fans damals gerufen, und Minge, sagt Fiel, sei einer der wenigen, die das immer noch tun. Lange habe er also nicht überlegen müssen, eigentlich überhaupt nicht. Ein kurzer Schockmoment sei es dennoch gewesen. „Die Leute, die mich auf dem Bahnhof gesehen haben, dachten sicher, mit dem stimmt etwas nicht“, erzählt Fiel. Da er jedoch zwei Stunden später den Anschlusszug verpasste, blieb dann doch genug Zeit, um mit Minges Anruf klarzukommen.

Abgelehnt hätte er ohnehin nie. Nicht, wenn es um Dynamo geht, schon gar nicht, wenn Minge fragt. „Am nächsten Morgen war ich dann hier – und ab ging die Post“, meint Fiel, der nun also den ergebniskriselnden Zweitligisten übergangsweise trainieren soll, bis ein endgültiger Nachfolger für Uwe Neuhaus gefunden ist.

Wobei die Ergebnisse – die zwei Niederlagen in Bielefeld und im Pokal bei Regionalligist Rödinghausen nach dem Auftaktsieg gegen Duisburg – gar nicht ausschlaggebend gewesen sind für den Trainerwechsel in dieser ungewöhnlich frühen Saisonphase. Das deutet Kristian Walter, Dynamos zweiter Sportchef und während der Sommerpause Neuhaus’ erster Ansprechpartner, jedenfalls mehr als an.

Gemeinsam habe man die enttäuschende Vorsaison aufgearbeitet, Veränderungen beschlossen, den Trainerstab erweitert, einen Sportpsychologen dazugeholt und vor allem die hundertprozentige Überzeugung erlangt, weiter zusammenzuarbeiten.

Erinnerungen an Pacult – und Böger

Doch inzwischen, acht Wochen danach, sei die Überzeugung nicht mehr zu hundert Prozent da, so Walter. „Man bewertet auch eine Entwicklung und den Ist-Stand der Umsetzung. Nicht nur auf dem Platz, auch, was ringsherum passiert“, sagt er.

Das lässt reichlich Interpretationsspielraum. Nach SZ-Informationen ist Neuhaus mit Dynamos interdisziplinärem Ansatz, dem Verzahnen verschiedener Abteilungen, nicht wirklich glücklich geworden. Er habe sich bemüht, heißt es, und das sagt mit anderen Worten auch Minge. Nur funktioniert hat es – wie Walters Aussagen vermuten lassen – offenbar nicht so richtig.

Während der Fall Neuhaus zunächst also stark an Peter Pacults Entlassung vor genau fünf Jahren erinnert hat, zeigen sich nun eher Parallelen zu Stefan Böger. Der wiederum hatte so seine Schwierigkeiten mit charismatischen Kollegen im Trainerstab und tat sich mit der Unterstützung durch einen Psychologen schwer.

Beim Neuhaus-Nachfolger, betont Minge, wird das zur Bedingung. Gesucht wird zudem einer, der es mit seiner Persönlichkeit schafft, „in dem hektischen Umfeld die Ruhe auszustrahlen“. Das Alter spielt keine Rolle. Gesucht wird vielmehr eine langfristige Lösung, keine, „bei der wir uns mal ausprobieren“, erklärt Minge und verweist auf eine von Walter akribisch geführte und ständig aktualisierte Liste von Trainern, die verfügbar sind. Diese werde man jetzt ganz seriös abarbeiten „ohne uns unnötig unter Druck zu setzen“, sagt Minge. Anfang September in der ligaspielfreien Zeit soll der neue Mann präsentiert werden.

Sicher ist: Gesucht wird auf jeden Fall, egal, was in den Heimspielen am Sonntag gegen Heidenheim und Samstag darauf gegen Hamburg passiert. „Das ist eine Wenn-Dann-Strategie, die so nicht zur Debatte steht. Wir haben alles verbindlich geregelt, und das werden wir ergebnisunabhängig umsetzen“, betont Minge und erinnert an Fiels Trainerlehrgang bis März.

Der Publikumsliebling bleibt definitiv eine Übergangslösung. Es sei ohnehin ein glücklicher Umstand, sagt der Sportchef, dass Fiel derzeit ein Praktikum im Rahmen der Ausbildung absolvieren muss. Warum also nicht gleich unter Wettkampfbedingungen!? Doch nach den zwei Spielen geht es zurück auf die Schulbank und zu Dynamos B-Jugend, die Fiel eigentlich trainiert.

Statt im Bus mit den Jugendlichen auf dem Weg zum Spiel nach Kiel sitzt der 38-Jährige nun aber im Pressekonferenzraum des DDV-Stadions – konzentriert, redegewandt, stolz wie Bolle. Am Donnerstagabend nach dem ersten Training als Interimstrainer sei er müde ins Bett gefallen und habe wie ein Stein schlafen wollen. „Dann lege ich mich hin“, erzählt er, „und auf einmal geht’s im Kopf los: hoch, runter, links, rechts, Flanke, Abwehr. Das sind jetzt andere Gedanken.“

Als er am Abend zuvor auf den Zug wartete, kam ihm noch etwas Bekanntes in den Sinn, etwas, „dass ich am Ende meiner Spielerzeit schon tausendmal gesagt habe: Der liebe Gott hat einen Plan für mich, der spannend bleibt.“ Unverändert sind auch die Grundvoraussetzungen im Fußball und seine Vorgaben an die Spieler deshalb recht einfach. Gegen Heidenheim, sagt er, gehe es darum, alles für drei Punkte zu tun – nicht aber um ihn. „Am allerallerwenigsten“, meint Fiel. Ein netter Versuch, auch der geht ins Leere. Fußballgott werden jetzt wieder ein paar mehr Leute rufen.

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