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Mittwoch, 11.07.2018

Furcht vor Mautprellern

Seit die Lkw-Fahrer fürs Fahren auf der B 98 zahlen müssen, schweben Fußgänger in Großraschütz in Lebensgefahr.

Von Thomas Riemer

Auf der Riesaer Straße hat der Lkw-Verkehr deutlich zugenommen, sagen die Anwohner. Sind das Mautpreller? Außerdem werden Geschwindigkeitsbegrenzungen häufig nicht eingehalten. Nun ist die Stadt gefordert.
Auf der Riesaer Straße hat der Lkw-Verkehr deutlich zugenommen, sagen die Anwohner. Sind das Mautpreller? Außerdem werden Geschwindigkeitsbegrenzungen häufig nicht eingehalten. Nun ist die Stadt gefordert.

© Kristin Richter

Großenhain. Rrrrrrrums. Wieder kracht ein Lastkraftwagen mit Tempo 70 auf der Riesaer Straße in Richtung Großenhainer Innenstadt. Im Gefolge vier Pkw, die auf einen Moment lauern, zwischen Wohnbebauung und Bahnübergang zu überholen. Aber Fehlanzeige: Da die Schranke soeben geöffnet wurde, wälzt sich die Blechlawine auch in die Gegenrichtung. Ein Abbieger auf die Schulstraße zwingt alle zum Stopp. Für Fußgänger die Minimalchance, mal von einer zur anderen Straßenseite zu gelangen. Nur wenige Sekunden.

„Die allgemeine Situation hier lässt sich einfach umschreiben: eine Katastrophe“, sagt Henner Ruscher. Seit 1982 wohnt er auf der Riesaer Straße. Auf dem einst lauschigen Grundstück ist mittlerweile ein Gespräch in Zimmerlautstärke kaum möglich. Sein Schlafzimmer hat Henner Ruscher innerhalb des Hauses verlagert. „Weil wir nachts nicht schlafen können“, sagt er. Der neue Ruheraum liegt auf der straßenabgewandten Seite, damit nachts auch die Fenster geöffnet bleiben können.

Seit Jahren gehört Ruscher zu den Kritikern des Verkehrskonzeptes für den Großenhainer Ortsteil. Dort ist das Verkehrsaufkommen in den letzten 20 Jahren nachweislich gestiegen. Noch kurz nach der Jahrtausendwende wurden hier „nur“ 2500 Fahrzeuge pro Tag gezählt. Bei einer letzten Erfassung vor etwa drei Jahren waren es mehr als 7000 offiziell, mit einer eingeräumten Toleranz zuzüglich steigendem Schwerlastanteil sicher weit mehr als 8000, schätzt Henner Ruscher.

Trotzdem ist die Riesaer Straße in der jüngsten Lärmkartierung „durchgefallen“. Ein hohes Verkehrsaufkommen von mindestens 8 200 Kraftfahrzeugen in 24 Stunden erreicht dem Papier zufolge lediglich die Beethovenallee mit fast 11 000 gezählten Fahrzeugen und acht Prozent Schwerlastanteil sowie die Dresdner Straße mit 8649 Fahrzeugen und drei Prozent Schwerlastverkehr. Neben Großraschütz sind auch die Ortsdurchfahrt Wildenhain, die Radeburger und die Elsterwerdaer Straße her-ausgefallen.

„Ein Unding“, sagt Henner Ruscher. Denn seit ein paar Tagen haben er und auch andere Großraschützer festgestellt, dass zunehmend Lastkraftwagen mit lautem Getöse durchs Dorf rollen. Die Vermutung: Um die seit Monatsbeginn anfallende Lkw-Maut auf der B 98 zu sparen, wählen viele Brummifahrer den „Schleichweg“ über Nünchritz oder Roda. So können sie die Mautsäule am Abzweig Kleinraschütz umgehen. Paradox: Die eigentlich als Entlastung für Großraschütz gedachte Verbindung zwischen Zschaiten/Weißig und B 98 verkehrt sich nun ins Gegenteil.

Das Großenhainer Rathaus hält sich mit einer Beurteilung der Situation zunächst zurück. Es sei „im Moment noch zu früh, um eindeutig sagen zu können, ob und wie sich Lkw-Schleichwege etablieren“, so Stadtsprecherin Diana Schulze. „Wir beobachten die Entwicklungen jedoch genau und werden falls und wo nötig Rückschlüsse ziehen.“

Aufschluss über mögliche Trends sollen statistische Erhebungen geben. „Im Vorfeld wurden durch den gemeindlichen Vollzugsdienst Verkehrszählungen auf ausgewählten Straßen durchgeführt, um Vorher-Nachher-Werte zu erhalten“, ergänzt Diana Schulze. Zwei bis drei Monate nach der Aktivierung der Mautsäulen soll dort nochmals gezählt werden. Das werde laut Rathaussprecherin so erfolgen, dass keine Feiertage oder Ferien im Messzeitraum liegen, damit eine gleichwertige und vergleichbare Auswertung erfolgen kann.

Ohne Resultaten vorgreifen zu wollen, wäre nach Ansicht von Henner Ruscher eine Sofortlösung doch relativ einfach: Bis auf begründete Ausnahmen sollte auf der Riesaer Straße eine Tonnagebegrenzung eingeführt werden, deren Einhaltung natürlich auch regelmäßig durch die Polizei kontrolliert werden müsste. Die könnte nach seinem Dafürhalten auch gleich noch auf Jagd nach Temposündern gehen. Denn an die vorgeschriebenen 50 km/h halte sich nur ein Bruchteil der Fahrer, Tempo 90 sei „keine Ausnahme“. Daran habe auch der warnende Smiley-Kasten am Ortseingang nur wenig geändert.

Das Rathaus hält sich mit weiterführenden Überlegungen zurück. „Je nach Auswertung der oben genannten Verkehrszählungen werden entsprechende Maßnahmen eingeleitet“, teilt Sprecherin Diana Schulze mit. So lange müssen die Großraschützer damit zurechtkommen, dass es laut ist und jedes Überqueren der Straße lebensgefährlich sein kann.