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Montag, 09.07.2018

Für seine verstorbene Trainerin

Von Alexander Hiller

Jonathan Schmidt will bei der Nachwuchs-Weltmeisterschaft in Tampere am Dienstag den Vorlauf überstehen. Selbst wenn er nur krasser Außenseiter ist. Foto: Ronald Bonß
Jonathan Schmidt will bei der Nachwuchs-Weltmeisterschaft in Tampere am Dienstag den Vorlauf überstehen. Selbst wenn er nur krasser Außenseiter ist. Foto: Ronald Bonß

© ronaldbonss.com

Die Augen versteckt er hinter einer Sonnenbrille. Und das nicht nur, weil die Strahlen blenden. Auch weil das Thema sein Innerstes berührt. Jonathan Schmidt hat sich für die U-20-Weltmeisterschaft der Leichtathleten in Tampere qualifiziert. Darauf hatten der Mittelstreckler des Dresdner SC und seine Trainerin Katja Hermann in knapp vier Jahren gemeinsam hingearbeitet. „Das war das ausgemachte Ziel zum Ende meiner Jugendzeit. Es wäre für mich ein großes Ding gewesen, ihr das zurückzahlen zu können“, sagt Schmidt.

Das kann der 18-Jährige nur bedingt. Hermann ist im Mai an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben – mit 66 Jahren. „Wir haben uns auch in der Freizeit getroffen, sie war mehr als eine Trainerin. Mit ihrer coolen Art, und weil sie den Sport genauso vorgelebt hat, wie man das machen muss“, sagt Schmidt und rückt seine Sonnenbrille zurecht. Als Hermann zusehends die Kräfte schwanden und sie ihr Ende spürte, war der Abiturient auf der Palliativstation im Uniklinikum und im Hospiz an ihrer Seite, so oft es ging. Für beide eine Zeit des schmerzvollen Abschieds. „Sie so leiden zu sehen …“, sagt Schmidt und spricht diesen Satz nicht zu Ende. Immerhin fanden die frühere Junioren-Europameisterin über 1 500 Meter und ihr Schützling die Zeit, sich voneinander zu verabschieden und einen konkreten Trainingsplan für die Zukunft von Schmidt zu entwerfen. Schon seit der Wintersaison wird er beim DSC mehr oder weniger von Langsprint-Trainerin Erika Falz betreut, seit dem Frühjahr schreibt der zuständige Nachwuchs-Bundestrainer Andreas Michalek aus Leipzig die Trainingspläne für das DSC-Talent. Eine Übergangslösung, mit der alle Seiten zufrieden sind.

Auch Schmidt, der seiner verstorbenen Übungsleiterin Ende April ein letztes Mal zeigen konnte, was er draufhat: als Sieger der Fünf-Kilometer-Distanz beim Oberelbe-Marathon. „Sie stand da einfach im Rollstuhl vor mir. Ein paar Tage vorher hat sie mir noch verboten, sie im Hospiz im Rollstuhl herumzufahren. Aber am 29. April war das schon sehr emotional, ich glaube, das war so eine Art Abschied“, erinnert sich die Laufhoffnung. Elf Tage später verlor Hermann endgültig den Kampf gegen die schwere Krankheit.

Doch die frühere Weltklasse-Athletin hat tiefe Spuren hinterlassen. Auch bei Schmidt. „Ich habe einen Haufen Sprüche von ihr im Kopf. Am Ende ist das, was von ihr bleibt, alles das, was mich ein bisschen ausmacht. Dass man mutig läuft, sich zeigt, wenn man wirklich etwas draufhat. Einfach im richtigen Moment hellwach sein“, erzählt der gebürtige Magdeburger.

Der hagere 1,81 Meter große Athlet hat viele Hermann’sche Vorgaben aufgesaugt und für sich verinnerlicht. „Das ist ein Läufer durch und durch. Den weckst du mitternachts und sagst: Du läufst jetzt zwölf Kilometer. Da fragt der dich: Links- oder rechtsherum?“, sagt Falz. Wie der Spross einer Medizinerfamilie den tiefen persönlichen Schmerz verarbeitet hat, beeindruckt auch die erfahrene Trainerin.

Ihr Name fällt immer wieder

„Er war aus Katjas Trainingsgruppe derjenige, der am nächsten dran war. Ihn hat das sehr getroffen. Aber er hat natürlich die Motivation: Alles, was ich jetzt mache, tue ich auch für meine verstorbene Trainerin. Daraus zieht er unheimlich viel Kraft. Es vergeht keine Woche, in der ihr Name nicht fällt“, betont Falz. „Man muss ihn bewundern, wie er das alles auf die Reihe bekommen hat“, sagt sie. Denn der bereits viermalige deutsche Nachwuchsmeister hat mit der Nominierung für die U-20-WM nicht nur sein sportliches Zwischenziel erreicht, sondern ist nebenbei auch ein mehr als passabler Schüler, und das trotz 80 sportlich bedingter Fehltage, auch die Fahrprüfung hat er problemfrei bestanden. „Jonathan ist ehrgeizig, fleißig, zielstrebig, egoistisch. Er weiß genau, was er will, ordnet seinem Sport alles unter. Bis August interessieren ihn eben auch keine Mädels“, versichert Falz lächelnd.

Der Ehrgeizige hat auf seiner Spezialstrecke seine Bestzeit aus dem Vorjahr um knapp sechs Sekunden auf 3:45,83 Minuten gedrückt. Das ist international betrachtet erst einmal nicht viel wert. Der Äthiopier Samuel Tefera ist als Jahresbester des U-20-Altersbereichs über 14 Sekunden schneller gewesen (3:31,63). „Das schockt vielleicht ein bisschen, aber motiviert natürlich auch. Im Vergleich zu 2016 bin ich auf europäischer Ebene weiter vorn im Jahrgang“, sagt Schmidt, der weltweit nur auf Position 58 geführt wird, in Europa aber bereits als Nummer 17.

„Afrikanische Läufer haben natürlich andere Zeiten, müssen aber in taktisch geprägten Rennen hintenraus auch erst mal von mir weglaufen“, sagt er. Und spricht damit wohl auch seiner verstorbenen Trainerin aus dem Herzen. Am Dienstag, 9.05 Uhr mitteleuropäischer Zeit, rennt Schmidt im Vorlauf über 1 500 Meter um den Einzug ins Finale – und seine ehemalige Ausbilderin ist in irgendeiner Art und Weise dabei, denkt Schmidt laut vor sich hin. „Ich will zeigen, dass ich aus der Hermann’schen Schule komme“, sagt er – und legt seine Sonnenbrille beiseite.