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Dienstag, 12.06.2018

Frischekur für eine marode Schönheit

Das Palais in der Bautzener Töpferstraße 34 wird nach und nach denkmalgerecht saniert. Die Arbeiten an der Fassade stehen kurz vor dem Abschluss.

Von Miriam Schönbach

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Er ist der Hausherr im Palais in der Töpferstraße: José Manuel Ladrón de Guevara. Er lässt das herrschaftliche Gebäude seit Jahren denkmalgerecht sanieren.
Er ist der Hausherr im Palais in der Töpferstraße: José Manuel Ladrón de Guevara. Er lässt das herrschaftliche Gebäude seit Jahren denkmalgerecht sanieren.

© Uwe Soeder

Bautzen. Englisch-Rot hört sich schon herrschaftlich an. Mit einem feinen Pinsel zieht Restauratorin Anja Tomaschewski einen zarten Strich an der Fensterfasche. Die Sonne scheint unermüdlich auf ihren Arbeitsplatz an der Fassade des Bürgerhauses in der Bautzener Töpferstraße 34. „Ich mache eine Probefassung für die Denkmalpflege, da bei der Befunduntersuchung die ursprüngliche Farbfassung nicht eindeutig war“, sagt sie. Sieben Farbschichten hat sie für diese Stichprobe mit dem Skalpell von dem um 1760 errichteten Haus abgetragen.

Zur Linie in Englisch-Rot setzt Anja Tomaschewski nun noch einen Strich in lichtem Grau auf das Gelb-Ocker der Fassade, das so typisch für Barockhäuser ist. Dann tritt sie einen Schritt zurück. Auch Denkmaleigentümer José Manuel Ladrón de Guevara sowie Christa Kämpfe und Almut Natuschke vom Ortskuratorin Bautzen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz betrachten die Arbeit. Nach sieben Jahren intensiver Restaurierung und Sanierung ist das einstige Sommerpalais des Bautzener Leinwandhändlers und Kaufmanns August Prieber kaum wiederzuerkennen. „Es gab Schäden am Dach, an den Fußböden, den Balken, feuchte Wände, kaputte Fenster“, sagt der Hausherr. Unter dem desolaten Aussehen erkennt der Kunsthändler den unglaublichen Charme der maroden Schönheit, um die sich fast 30 Jahre niemand kümmerte. „Die Räume haben Proportionen. Sie sind großzügig und trotzdem wohnlich“, sagt der 57-Jährige.

Ein herrschaftlicher Landsitz im Kleinformat

Er weiß, er braucht einen langen Atem und nimmt 2011 den einzigartigen Bau unter seine Fittiche. Mit Gartensaal und Vorsaal im Erdgeschoss, Festsaal mit Wand- und Deckenmalereien im Obergeschoss – und dem einst vorhandenen Garten ist das spätbarocke, bürgerliche Palais quasi ein herrschaftlicher Landsitz in Kleinformat. Von Anfang an unterstützt die Stiftung Denkmalschutz José Manuel Ladrón de Guevara bei der Rettungsaktion. „Ich hatte für das Haus immer mal wieder einen Antrag auf Abriss auf dem Schreibtisch. Aufgrund der Einzigartigkeit gab es genügend Argumente, die dagegen sprachen. Hier ist jemand, der die Seele des Hauses erkennt“, sagt die ehemalige Leiterin der städtischen Denkmalbehörde. Sie hat zur Geschichte des Hauses geforscht. Das Grundstück gehört, bevor es August Prieber am 1. Juni 1761 erwirbt, Ratsherrn Johann Christoph Prentzel (1718–1794). Doch der Stadtbrand von 1760 zerstört das Gartenhaus des größten Bautzener Leinwandhändlers. In die Geschichte geht Prentzel als Wohltäter von Bautzen und Begründer einer Freischule für arme und elternlose Kinder am einstigen Wendischen Tor ein.

August Prieber verdiente sein Geld mit dem Verkauf „weißgarniger, weißgelber und bunter Leinwand sowie mit damasierten Sorten“, wie es im Buch „Allgemeiner Contorist“ aus dem Jahr 1788 heißt. Dort schreibt der Autor Johann Christian Herrmann, dass sich die Prentzelschen Geschäfte „nicht nur auf die anliegenden Provinzen Europas, sondern auch auf Versendungen nach Amerika erstreckten“. Mit dem vornehmen Bau lässt sich der Leinwandhändler ein Refugium jenseits des städtischen Trubels mit großzügig angelegtem Garten, Brunnen, einer Remise und einem weiteren Nebengebäude schaffen. „Nach meinen jetzigen Erkenntnissen nutzte er es als Sommerhaus. Es ist nicht zum Wohnen gebaut, es gibt nicht ein Schlafzimmer“, sagt José Manuel Ladrón de Guevara.

Mit seiner Familie wohnt der neue Hausherr inzwischen im sanierten ehemaligen Kutschenhaus vis-à-vis zum Palais. Die Restaurierung des Prentzelschen Baus erfolgte indes in drei Bauabschnitten. Zuerst wurden alle Verbauungen aus den nachfolgenden Jahrzehnten zurückgebaut, abstürzende Decken und Balken gesichert und ausgebessert und der Putz abgeschlagen, damit alles durchtrocknen kann. Der zweite Bauabschnitt widmete sich dem Dach. „Ich bin für die 10.000 historischen Biberschwänze 3.000 Kilometer gefahren“, sagt der Kunsthändler. Genau auf solche Details legt der Denkmalretter wert.

Etwa die Hälfte der Arbeit ist geschafft

Genauso akribisch wird nun die Fassade restauriert. Das Haus bekommt so sein ursprüngliches Gesicht zurück. Diese Arbeiten fördert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit 15.000 Euro. Darüber hinaus unterstützte sie bereits 2012 und 2016 den Bauherrn mit insgesamt 40.000 Euro. Die Unterstützung erhält die in Bonn ansässige Denkmalstiftung durch Spenden und Mitteln der Lotterie „Glücksspirale“. Insgesamt schätzt der Bauherr, dass er bereits gut 500.000 Euro in die marode Schönheit investiert hat und etwa die Hälfte der Arbeit geschafft sei.

Die Fassadensanierung soll in zwei Wochen beendet sein. Die nächste Herausforderung wartet schon auf José Manuel Ladrón de Guevara. „Dann geht’s innen weiter. Es geht darum, die Räume so gut es geht, wieder historisch herzurichten“, sagt er. Der Saal soll zaghaft seinen einstigen Glanz mit handgemalten Verzierungen zurückbekommen. In den drei anderen Räumen überlegt der Bauherr, ob er die freigelegten, historischen Malereien vorerst unter Makulaturtapete und Japanpapier sichert. Perspektivisch soll in das Haus der Antiquitätenhandel einziehen, auch Veranstaltungen kann sich der Denkmalretter vorstellen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Robert

    Das hört sich großartig an. Vielen Dank an dieser Stelle an Herrn de Guevara. Ich wünsche ihm weiterhin viel Schaffenskraft und freue mich auf die Eröffnung.

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