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Mittwoch, 09.05.2018

Freude und Bangen vorm Siemenstor

Die Erleichterung über die Rettung des Görlitzer Werkes ist groß. In der ganzen Stadt. Und doch bleibt eine Sorge.

Von Sebastian Beutler

Reaktionen auf die Siemens-Rettung

Mit stolzgeschwellter Brust: Betriebsratschef Ronny Zieschank und der Görlitzer OB Siegfried Deinege haben gemeinsam für den Erhalt des Görlitzer Siemens-Werkes gekämpft.
Mit stolzgeschwellter Brust: Betriebsratschef Ronny Zieschank und der Görlitzer OB Siegfried Deinege haben gemeinsam für den Erhalt des Görlitzer Siemens-Werkes gekämpft.

© Nikolai Schmidt

Görlitz. Es stimmt alles: Die Sonne scheint, kein Wölkchen trübt das Kaiserwetter an diesem Dienstag in Görlitz. Und dann diese Nachricht aus München: Die Schließung des Görlitzer Siemens-Werkes ist vom Tisch. Der Maschinenbau wird zur Zentrale des Industriedampfturbinengeschäfts bei Siemens ausgebaut. Görlitz scheint um die Wette zu strahlen, als sich Journalisten am Mittag vor dem Siemens-Tor auf der Görlitzer Lutherstraße einfinden. Dort, wo im kalten November nur wenige Stunden nach der Schließungsabsicht erzürnte Siemensianer Blechtonnen vor das Tor schoben und stundenlang bis tief in die Nacht ihren Frust wegtrommelten. Doch an diesem schönen Maientag bleibt alles ganz ruhig. Würde der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege vor dem Werkstor nicht in die bereitgehaltenen Mikrofone und Kameras sprechen, würde nichts darauf hindeuten, dass dieser Tag für den Industriestandort Görlitz ein Riesenerfolg ist.

Siemensianer fühlen sich bestätigt

Dann kommt der Görlitzer Siemens-Betriebsratsvorsitzende Ronny Zieschank kurz dazu. Er ist erst seit wenigen Wochen im Amt, hat aber als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender schon zuvor um das Görlitzer Werk gekämpft. Zieschank muss an diesem Tag einen Spagat hinlegen. Auf der einen Seite spricht aus ihm die Freude über den Erhalt des Standortes. Das sei auch der Grundtenor bei der Belegschaft, erzählt er von seinen Gesprächen mit den rund 900 Mitarbeitern. Die waren am Morgen von der Unternehmensleitung über die Gespräche informiert worden, die erst nach Mitternacht am Dienstagmorgen geendet hatten. Zum anderen aber muss Zieschank seine Leute auch beruhigen. Denn schon schnell nach den ersten Erfolgsmeldungen machen Nachrichten die Runde, dass Siemens große Teile der Fertigung auslagern wolle. Zieschank sagt, dass er keine Details kenne und darüber nun mit Siemens verhandelt werde. Auch Ostsachsens IG-Metall-Chef Jan Otto sieht das so. Der Personal-Vorstand von Siemens, Janina Kugel, bleibt bei dieser spannenden Frage am Morgen vor eilig zusammengeschalteten Journalisten in einer Telefonkonferenz ebenso vage. Gesamtbetriebsrat und IG Metall hätten mit der Rahmenvereinbarung aus der Nacht aber anerkannt, sagt sie, dass das Geschäft mit großen Gas- und Dampfturbinen eingebrochen ist – vermutlich auf Dauer. Und deswegen Siemens seine Sparte auch umstrukturieren muss. Doch in Görlitz entstehen eben Industriedampfturbinen, die durch die Energiewende eher begünstigt werden. Das war ja immer das Hauptargument für Görlitz. Weswegen Ronny Zieschank auch stolz vorm Siemens-Tor auf die Frage sagt, was den Ausschlag für den Erhalt des Werkes gab: „Unsere Argumente“.

Reaktionen auf die Siemens-Rettung

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Ministerpräsident Michael Kretschmer: „Das ist eine sehr gute Nachricht für die Siemensianer in Sachsen, für ihre Familien und für die gesamte Region. Ich bin Jo Kaeser für seine Unterstützung sehr dankbar. Er hat schwierige Entscheidungen zu treffen und dabei Verantwortung bewiesen.“

Oberbürgermeister Siegfried Deinege: „Indem die ganze Stadt hinter den Siemensianern stand und steht – von Ladenbesitzern über Schüler, Gewerkschaften, Vereinen, Kirchen, Politikern und Wirtschaftsvertretern – ist eine einfache und billige Abwicklung nicht mehr möglich gewesen.“

Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen: „Wir haben den Beweis erbracht, dass der Osten kämpfen kann. Auch in den nächsten Wochen und Monaten werden wir konstruktiv die Verhandlungen begleiten. Wenn es nötig ist, werden wir auch wieder zu anderen Mitteln greifen.“

Landtagsabgeordneter Octavian Ursu (CDU): „Insbesondere freut es mich, dass der Standort Görlitz zukünftig bei der Entwicklung eine große Rolle spielen wird. Wir entwickeln uns davon weg, immer nur die verlängerte Werkbank zu sein.“

Landtagsabgeordneter Mirko Schultze (Linkspartei): „Dass die Schließungspläne für das Görlitzer Siemens-Werk jetzt vom Tisch sind, ist ein gutes Signal für die Oberlausitz. Trotzdem müssen wir weiter für den Erhalt jedes Arbeitsplatzes in der Region kämpfen. Auch steht noch nicht fest, wie viele Jobs noch gestrichen werden. Zum Feiern ist es eindeutig zu früh.“

Landtagsabgeordneter Thomas Baum (SPD): „Die Entscheidung von Siemens zieht hoffentlich andere Investoren in die Oberlausitz. Die braucht die Region dringend.“

Der Erfolg spricht sich schnell herum. In der Politik, aber auch in der Stadt. Der evangelische Generalsuperintendent Martin Herche freut sich riesig, dass der Standort erhalten bleibt. Die Kirchen haben in bislang beispielloser Art den Arbeitskampf begleitet: gemeinsame Andachten in der Frauenkirche, gemeinsames Weihnachtsliedersingen vor dem Siemens-Tor, gemeinsames Kreuztragen am Karfreitag durch die Görlitzer Altstadt. Und natürlich waren Herche und der katholische Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, auch im Januar dabei, als 7 000 Menschen auf dem Obermarkt für den Industriestandort Görlitz demonstrierten. „Die Siemensianer haben fantastisch gekämpft. Die Stadtgesellschaft hat sich solidarisch an ihre Seite gestellt“, sagt Herche. In den vergangenen Wochen sei er in Deutschland immer wieder auf den Zusammenhalt in Görlitz angesprochen worden.

In seine und die Freude vieler mischt sich freilich ein Wermutstropfen der Unklarheit: Wie viele Stellen will Siemens in Görlitz trotz der Zusage, den Standort zu erhalten, streichen? Bei den Überlegungen über die Zukunft spielt eine zweite Übereinkunft von Dienstagnacht eine Rolle: Siemens stellt in den nächsten vier Jahren bis zu 100 Millionen Euro für einen Zukunftsfonds zur Verfügung. Mit ihm soll all jenen eine Perspektive gegeben werden, sagt Personalvorstand Janina Kugel, deren Arbeitsplatz es möglicherweise in Zukunft nicht mehr geben wird. Sie sollen mithilfe der zusätzlichen Gelder auf neue Jobs in der digitalisierten Industrie vorbereitet werden. In Görlitz gibt es mehre ernsthafte Angebote, Teile des Siemens-Geländes für andere Produktionen zu nutzen. Die Berichterstattung über das gefährdete Görlitzer Werk hatte auch eine gute Seite: Die städtischen Wirtschaftsförderer erhielten anschließend so viele Anfragen auf Ansiedlungen in Görlitz wie lange nicht mehr.

Stöcker: Wir sprechen mit Siemens

Am weitesten herausgelehnt hat sich dabei das Lübecker Medizintechnik-Unternehmen Euroimmun. Dessen Chef, Winfried Stöcker, stammt aus der Oberlausitz, hat jüngst erst ein Modehaus in Görlitz eröffnet und will das historische Kaufhaus in Görlitz sanieren. Bis zu 500 Arbeitsplätze wolle er auf dem Siemens-Gelände schaffen, erklärte er vor zwei Wochen. Er braucht dringend Fachkräfte, um vollautomatische Diagnosegeräte zu bauen. Gegenüber der SZ zeigte er sich gestern optimistisch. In ein paar Tagen erwartet er Besuch von Siemens in Lübeck. „Dann werden wir darüber sprechen, ob Euroimmun einen Teil der Gebäude und der Belegschaft übernehmen kann. Nötigenfalls werden wir an geeigneter Stelle neue Gebäude errichten.“

Auch Ronny Zieschank und Siegfried Deinege halten diese Angebote für wichtig, als sie in der Mittagssonne vor dem Görlitzer Siemens-Tor stehen. Und zwar egal, ob Euroimmun und die anderen am Ende auf dem Siemensgelände aktiv werden. „Es kann doch nicht schlecht sein, wenn neue Industrie-Arbeitsplätze in Görlitz entstehen“, sagt Ronny Zieschank und lässt sich die Freude an diesem Tag von nichts verderben.