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Montag, 17.09.2018

Freiwillige Feuerwehren vor dem Kollaps?

Ein Bürgermeister fordert neue Strukturen beim Brandschutz. Und bekommt von höchster Stelle eine Absage.

Von Gunnar Klehm und Franz Herz

Bei einem Brand in einem Strohlager in Niederseidewitz waren kürzlich 100 Feuerwehrleute bis aus Glashütte im Einsatz. Manche bezweifeln, dass allein mit ehrenamtlichem Engagement in Zukunft solche Großaufgebote noch möglich sind.
Bei einem Brand in einem Strohlager in Niederseidewitz waren kürzlich 100 Feuerwehrleute bis aus Glashütte im Einsatz. Manche bezweifeln, dass allein mit ehrenamtlichem Engagement in Zukunft solche Großaufgebote noch möglich sind.

© Daniel Förster

Immer mehr Freiwillige Feuerwehren haben Probleme, die Einsatzbereitschaft zu gewährleisten. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Hauptgrund dürfte dabei die Tätigkeit der Feuerwehrleute an wohnortfernen Arbeitsplätzen sein“, sagt Kreisbrandmeister Karsten Neumann. Er weiß, dass keine der 188 Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis von dem Problem ausgenommen ist.

Darüber ist im Landkreis eine Diskussion entstanden, ob die heutige Struktur der ehrenamtlichen Feuerwehren in den Orten noch zu halten ist. „Vor allem, wenn tagsüber ein Alarm kommt, kann man nie sagen, wie viele Feuerwehrleute kommen und ausrücken können“, sagt Michael Ebert, der Stadtwehrleiter von Dippoldiswalde. „Wir haben bisher immer noch Glück gehabt“, stellt er fest. Aber die Situation wird schwieriger.

Für den Bürgermeister von Kurort Rathen, Thomas Richter (parteilos), ist klar, dass auf diese Entwicklung reagiert werden muss. „Ich bin der festen Überzeugung, dass bei einer schwindenden Anzahl an aktiven Kameraden die Freiwilligen Feuerwehren in der uns bisher bekannten Struktur nicht mehr zu halten sind.“ Wie ernst die Situation ist, wurde inzwischen von unabhängiger Stelle, dem Büro Emragis Sicherheitsingenieure aus Dresden, untermauert. Die Verwaltungsgemeinschaft Königstein, zu der auch Kurort Rathen gehört, hat die Leistungsfähigkeit ihrer Feuerwehren untersuchen lassen. Ziel ist eine gemeinsame Brandschutzbedarfsplanung.

Bauhöfe sollen öfter aushelfen

Dabei sei die vorhandene Technik gar nicht so schlecht. Es mangele schlichtweg am Personal. „Keine Feuerwehr erreicht im Tageseinsatz die Normbesatzung auf einem Fahrzeug“, erklärt Richter. Der Bürgermeister sieht die Gesellschaft immer mehr zur „Spaßgesellschaft abdriften“. Dass der Freistaat Sachsen jetzt zusätzliche Mittel für die Feuerwehren bereitstellen will, freut Richter. „Allein mit Geld kann ich aber kein Feuer löschen“, sagt er.

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Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen sei sehr hoch. Zum eigenen Engagement führe das aber nicht. Jeder könne zwar auch in Zukunft sicher sein, dass eine Feuerwehr kommt, wenn es brennt. „Wir wissen aber nicht mehr, wann sie kommt“, sagt Richter. Außerdem ist nicht immer gewährleistet, dass jemand mit Atemschutz in ein Brandhaus geht. Dazu sind zu wenige ausgebildet. Das solle kein Feuerwehrkamerad als Kritik verstehen, sagt Richter. Jeder Einzelne sei wichtig. Er sieht eine Lösung aber nur in einer sogenannten Stützpunktfeuerwehr mehrerer Kommunen mit Berufsfeuerwehrleuten.

Das hat er so auch Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) geschrieben. Der lobt das Engagement der Feuerwehrleute in höchsten Tönen. „Sie tun immens viel für den Zusammenhalt einer Gemeinde“, heißt es im Antwortschreiben aus der Staatskanzlei. Dem Ansinnen einer Stützpunktfeuerwehr erteilte er aber eine klare Abfuhr. Aus Sicht des Ministerpräsidenten würde so der „Charakter des Brandschutzes als Angelegenheit der örtlichen Gemeinschaft unterlaufen“. Stattdessen schlägt Kretschmer vor, die Feuerwehren zu entlasten, indem Bauhöfe zur Beseitigung von Sturmschäden oder Ölspuren herangezogen werden oder das Technische Hilfswerk.

Freistaat setzt auf Ehrenamtler

Dem Ministerpräsidenten ist zwar bewusst, dass der Rückgang der Mitgliederzahlen in den Freiwilligen Feuerwehren „deutlich und anhaltend“ ist. Das bedeute aber nicht, dass nun die Mindeststärke der Feuerwehren flächendeckend in Gefahr wäre. Selbst dort, wo das der Fall ist, könne der Freistaat Stützpunktfeuerwehren und deren Personalkosten nicht finanziell unterstützen. Das ließen die gegenwärtigen Strukturen gar nicht zu. „Brandschutz ist eine kommunale Aufgabe und eine Anteilsfinanzierung durch den Freistaat Sachsen unzulässig“, erklärt Kretschmer. Stattdessen möchte er ehrenamtliches Engagement weiter fördern und „durch gute Ausbildung und Ausstattung die Feuerwehren noch attraktiver für die jungen Generationen gestalten“.

Auch Ebert sieht große Schwierigkeiten, auf dem Land Berufsfeuerwehrleute einzusetzen. „Die müssen eine regelrechte Berufsausbildung durchlaufen. Die dauert zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit haben sie niemand“, stellt er fest. Außerdem sieht er Probleme mit der Finanzierung. Das Geld für die Anschaffung neuer Feuerwehrtechnik ist jetzt schon knapp. Wenn weitere Personalkosten dazukämen, würde das noch teurer. Ebert würde sich eine größere Wertschätzung für das Ehrenamt wünschen. „Wenn die Kameraden bei einem Verkehrsunfall helfen und dann noch angemacht werden, vergeht ihnen die Lust“, stellt er fest.