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Donnerstag, 17.03.2011

Freispruch für Mister Wikileaks.de

Die Staatsanwältin wirft dem Besitzer der Internet- Domain Wikileaks.de vor, Sexvideos mit Kindern zu verbreiten – der Richter sieht das anders.

Von Nicole Preuß

Das grüne T-Shirt hatte der Besitzer der Domain Wikileaks.de Theodor Reppe gestern mit Bedacht gewählt. „Tor“ stand in großen Buchstaben auf seiner Brust. Ein Bekenntnis zu Tor-Servern, durch die Daten durchs Internet gejagt werden können, ohne dass jemand weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen. Dass er wegen eines Tor-Servers gestern vor dem Dresdner Amtsgericht stand, konnte ihn von dem T-Shirt nicht abhalten. So warf ihm die Staatsanwältin in ihrer Anklage vor, kinderpornografische Videos aus dem Internet geladen zu haben. Weil ihm aber in Wirklichkeit nur der Tor-Server gehörte und Kriminelle sich über den Server die Videos beschafft hatten, wurde er in diesem Punkt frei gesprochen. Doch da war noch die Sache mit Wikileaks.

Theodor Reppe besitzt seit fünf Jahren die Internetadresse www.wikileaks.de, weshalb der gebürtige Dresdner inzwischen auch als das deutsche Gesicht der Enthüllungsplattform bekannt ist. Wer Wikileaks.de eintippt, kommt aber nicht auf eine Seite von Theodor Reppe, sondern auf die Seiten von Wikileaks. Das hat der 24-Jährige am Anfang so eingerichtet.

Eine Liste, die auf Wikileaks veröffentlicht worden war, wurde ihm aber nun fast zum Verhängnis. Computerexperten hatten eine geheime Aufzählung australischer Behörden online gestellt, auf der stand, welche Seiten auf dem Index der Australier standen. Seiten mit kinderpornografischen Videos und Bildern waren auch darunter. Die Dresdner Staatsanwaltschaft wollte den Besitzer der Adresse haftbar machen – Theodor Reppe.

Polizisten durchsuchten seine Räume in Dresden und Jena und beschlagnahmten einen Laptop seines Arbeitgebers und eine Festplatte. Was ihm genau vorgeworfen wurde, erfuhr der Systemadministrator nicht. „Nach meiner Erinnerung hat einer von den Polizisten gesagt, auf Wikileaks sind pornografische Seiten“, sagt er. Von Kinderpornografie sei nicht die Rede gewesen. Erst danach habe er von der Liste erfahren. Trotzdem leitete er die Nutzer, welche die Adresse wikileaks.de eingaben, weiter auf die Seiten der Wikileaks-Plattform.

Vom Richter am Amtsgericht, Markus Vogel, gab es deutliche Worte und einen Freispruch: „Es ist zwar ein ehrenwerter Grundsatz von Wikileaks, dass alles frei ist. Aber auch Sie sind natürlich an Vorschriften wie das Grundgesetz gebunden.“ Er räumte ein, dass es für das Gericht schwierig war, alle technischen Details zu verstehen. Gleichzeitig warf er Reppe vor, sich nicht an den Ermittlungen beteiligt zu haben. Die Rede des Richters ging auch an die 30 Computerfans, die den Prozess verfolgten, darunter Mitglieder des Dresdner Chaos-Computer-Clubs. Sie hatten schon die erste Verhandlung vor einem Jahr beobachtet, und sie kritisierten, dass kein Sachverständiger zu dem Prozess geladen war. So hätte man sich ihrer Meinung nach viel ersparen können. Richter Vogel gab zu: „Ich hatte in meiner Amtszeit noch nie ein Verfahren, bei dem ich so viel Neues erfahren habe.“