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Donnerstag, 14.06.2007

Freiheiten eines Häftlings

Empörung in Italien:Der NS-Verbrecher Erich Priebke, 93, darf in Rom „arbeiten gehen“.

Von Paul Kreiner, SZ-Korrespondent in Rom

Jeden Mittwoch um 9Uhr fährt eine Limousine im Park der römischen Villa Pamphili vor. Es steigen aus: zwei Polizisten in Zivil und ein agiler älterer Herr mit Baskenmütze. Fröhlich krault er junge Hunde, dann dreht er seine Runde – flotten Schrittes, in kerzengerader Haltung. Ein alter Offizier eben, standesgemäß eingerahmt von seinen Adjutanten. Beschimpft ihn mal ein vorbeilaufender Jogger, dann kratzt ihn das in keiner Weise.

93 Jahre alt ist Erich Priebke, seinerzeit Hauptsturmführer der SS und hochrangiges Mitglied der Gestapo-Führung in Rom. Am 24. März 1944 war er an der Erschießung von 335 italienischen Geiseln beteiligt; das Massaker in den „Ardeatinischen Höhlen“ gilt als Inbegriff für die Grausamkeit der deutschen Besatzungstruppen. Fast fünf Jahrzehnte blieb Priebke in Argentinien unbehelligt, 1995 wurde er an Italien ausgeliefert, 1998 als Kriegsverbrecher zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Aber er sitzt nicht im Gefängnis. Aufgrund seines Alters zu Hausarrest begnadigt, lebt Priebke mitten in einem bürgerlichen Wohnviertel Roms; das komfortable Apartment hat ihm sein Anwalt Paolo Giachini überlassen.

Empörte Angehörige der Opfer

Nun erreichte Giachini beim Militärgericht, dass sein Mandant nicht nur ab und zu in den nahen Park darf, sondern dass Priebke sich jeden Tag, wann immer er will, in die Anwaltskanzlei begeben und dort „arbeiten“ darf. Priebke muss der Polizei nur die Zeiten ankündigen; und wenn er das Büro im Zentrum der Stadt verlassen will, darf er das auch, allerdings nur für „unabdingbare Bedürfnisse des Lebens“.

Was die Angehörigen der Opfer, was Medien und (linke) Politiker aber am meisten empört, ist die Formulierung des Militärgerichts, Priebke dürfe sich ohne Begleitung, „wie eine freie Person“, zur Arbeit bewegen. „Damit haben sie die Strafe umgangen und ihm praktisch die Freiheit geschenkt“, sagt Amos Luzzatto, führender Vertreter der jüdischen Gemeinde, die in den Ardeatinischen Höhlen 75 Angehörige verlor. Luzzatto argwöhnt, Priebke wolle nur eine Flucht vorbereiten – wie sein Vorgesetzter von einst, Herbert Kappler, der 1977 auf mysteriöse Weise aus einem römischen Krankenhaus entkam. Was Priebke in seiner Kanzlei „arbeiten“ soll, teilt Anwalt Giachini nicht mit.

Dass Priebke bereut oder sich von seiner Vergangenheit distanziert hätte, ist nicht bekannt. „Ich war nur ein einfacher Hauptmann, der einem Befehl gehorchte“, sagte er vor sieben Jahren in einem Interview. Auch als alter Mann werde er „nicht in die Knie gehen“.