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Sonntag, 01.07.2018

Frankreich wird entschleunigt

Urlauber aufgepasst: Das Tempolimit auf französischen Landstraßen sinkt auf 80.

Von Sebastian Kunigkeit, Paris

Auch auf Frankreichs Straßen sieht man das Auto nicht mehr oft: den Citroën 2CV, besser bekannt als „Ente“. In Zeiten der Tempoentschleunigung auf den Landstraßen erlebt der legendäre Wagen vielleicht eine Renaissance.
Auch auf Frankreichs Straßen sieht man das Auto nicht mehr oft: den Citroën 2CV, besser bekannt als „Ente“. In Zeiten der Tempoentschleunigung auf den Landstraßen erlebt der legendäre Wagen vielleicht eine Renaissance.

© imago/imagebroker

Frankreichs Premierminister Édouard Philippe wusste, dass er mit diesem Thema bei vielen seiner Landsleute keine Beliebtheitspunkte sammelt. Seit Monaten grollen Autofahrer darüber, dass sie auf vielen französischen Straßen künftig früher den Fuß vom Gas nehmen müssen. Am Sonntag tritt eine umstrittene Verschärfung des Tempolimits in Kraft. Auf Landstraßen sind dann nur noch 80 statt 90 Kilometer pro Stunde erlaubt. Alle Radarfallen sollen pünktlich auf das niedrigere Limit scharfgestellt werden.

„Wenn man unbeliebt sein muss, um Leben zu retten, akzeptiere ich das“, sagte Philippe schon Anfang des Jahres. Die Regierung will die Zahl der Unfalltoten senken, die zwar 2013 einen Tiefststand erreicht hatte, dann aber drei Jahre nacheinander leicht anstieg. 300 bis 400 Leben könne man mit der niedrigeren Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen retten, lautet das Mantra. Und gut für die Umwelt sei sie auch noch, weil die Luftverschmutzung bei Tempo 80 geringer sei. Doch laut Umfragen sind etwa drei Viertel der Franzosen gegen das neue Tempolimit. „Das geht mir auf den Wecker“, sagte ein Autofahrer dem Sender CNews. Ein anderer meint: „Das bringt nichts. Das ist noch eine Maßnahme, um Geld zu machen.“ Das Argument ist häufiger zu hören – da kann Paris noch so oft versichern, dass mögliche zusätzliche Bußgeldeinnahmen in die Versorgung von Unfallopfern fließen sollen.

Gerade in ländlichen Regionen stößt die Entscheidung auf Unverständnis. Im Département Hautes-Alpes im Südosten hat die Politik bereits angekündigt, im Gegenzug manche lokale Tempo-70-Begrenzung zu streichen. 3 448 Menschen kamen im vergangenen Jahr auf Frankreichs Straßen ums Leben (Überseegebiete nicht eingeschlossen). Das sind mehr Tote als in Deutschland, wo 3 177 Menschen bei Verkehrsunfälllen starben. Dabei lebt im Bundesgebiet gut ein Viertel mehr Menschen.

Das neue Tempolimit gilt für alle Straßen mit jeweils nur einer Fahrspur pro Richtung, bei denen die Fahrtrichtungen nicht etwa mit einer Leitplanke getrennt sind. Mehr als die Hälfte aller Unfalltoten in Frankreich sind auf solchen Straßen zu beklagen.

Ein Beispiel: Im Elsass an der Grenze zu Deutschland sinkt auf mehr als 3 500 Kilometern Département-Straßen die Höchstgeschwindigkeit. Im Verwaltungsbezirk Bas-Rhin, der Nordhälfte des Elsass, sollen Anfang kommender Woche etwa 150 Straßenschilder ausgetauscht werden. Die größeren Schilder an den Grenzübergängen würden ebenfalls verändert, sagte eine Sprecherin des Départements.

Auch in Deutschland wird immer mal wieder über das Tempolimit auf Landstraßen diskutiert, das bei 100 km/h liegt. So hatte der Verkehrsgerichtstag vor Jahren Tempo 80 auf Landstraßen empfohlen. Der ADAC hält das als generelle Vorgabe für unverhältnismäßig – unterstützt es aber auf schmalen, kurvigen Landstraßen.

In Frankreich hat die Regierung zugesagt, dass die Neuregelung erst mal zwei Jahre versuchsweise gelten soll. „Wenn das nicht läuft, werden wir nicht weitermachen“, versicherte Staatschef Emmanuel Macron in einem TV-Interview. (dpa)


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