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Samstag, 02.06.2018

Fellinis Freilichtkino

Von Domokos Szabó

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In Rimini gibt es auch stille Orte – hier die Piazza Cavour (rechts).Über 50Wandbilder erinnern im Stadtteil Borgo San Giuliano an Fellini-Filme – und an den Meister selbst.Fotos: FremdenverkehrsamtEmilia-Romagna
In Rimini gibt es auch stille Orte – hier die Piazza Cavour (rechts). Über 50 Wandbilder erinnern im Stadtteil Borgo San Giuliano an Fellini-Filme – und an den Meister selbst. Fotos: Fremdenverkehrsamt Emilia-Romagna
  • In Rimini gibt es auch stille Orte – hier die Piazza Cavour (rechts).Über 50Wandbilder erinnern im Stadtteil Borgo San Giuliano an Fellini-Filme – und an den Meister selbst.Fotos: FremdenverkehrsamtEmilia-Romagna
    In Rimini gibt es auch stille Orte – hier die Piazza Cavour (rechts). Über 50 Wandbilder erinnern im Stadtteil Borgo San Giuliano an Fellini-Filme – und an den Meister selbst. Fotos: Fremdenverkehrsamt Emilia-Romagna

Es ist ein Freilichtkino der besonderen Art. Wer durchs Quartier San Giuliano nahe der Adria-Küste bei Rimini spaziert, stolpert an jeder Ecke über Filme, die so fest zu Italien gehören wie Pasta oder Alfa Romeo. Auf den Fassaden der kleinen, bunten Häuser blitzen Szenen aus Filmen von Federico Fellini auf. Rechts küssen sich Marcello Mastroianni und Anita Ekberg in „La dolce vita“, links klammert sich Giulietta Masina als trauriger Clown in „Die Lieder der Straße“ an einen Laternenmast.

Borgo San Giuliano liegt einige Kilometer entfernt von den dicht bevölkerten Stränden Riminis. Einst lebten hier Fischer, einfache Leute. Das dürfte genau der Grund sein, warum Fellini das Quartier gemocht hat. Mit allem Bürgerlichen hatte er es ja nicht so, lieber umgab er sich mit urigen Typen, von denen es viele auch in seine Filme geschafft haben. Das Fischerviertel, wie es auch heute noch heißt, war ein wichtiger Ort für den Meister. Ein besonderes Fleckchen Erde ist es auch für Helga Schenk. Aber nicht nur wegen Fellini. Die gebürtige Heidelbergerin, die seit Jahrzehnten in der Emilia-Romagna lebt und als Übersetzerin und Kulturvermittlerin arbeitet, schätzt das Quartier als unkompliziertes Ausgehviertel. „Es ist ein kleiner, malerischer Ort, man trifft hier eben die typischen Riminesen“, sagt sie.

Gleich hinter einer imposanten Brücke, deren Bau unter Kaiser Augustus begann und unter Tiberius vollendet wurde, beginnt das Areal mit einem Dutzend Gaststätten. Dazu gehört eines der ältesten Fischrestaurants der Stadt, die Marianna, auch heute noch Familienbetrieb. Dem Genuss tut auch keinen Abbruch, dass die Fischerei gerade an dieser Stelle keine Tradition mehr hat. Eine andere Empfehlung ist das Osteria del Borg, wo die traditionelle Piadina serviert wird, ein mit Schinken und Salat gefülltes Fladenbrot. Probieren sollte man in der Emilia-Romagna aber auch Gegrilltes wie Hase mit wildem Fenchel und Knoblauch oder Hammel mit Rosmarin und Olivenöl.

Ein wiederkehrender Höhepunkt in Borgo San Giuliano ist das Weinfestival, das alle zwei Jahre stattfindet. Lebefrau Helga Schenk schwärmt von dem ausgelassenen Straßenfest: „Hier trifft man Freunde, die man seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat.“ Was sie an Italien im Großen und Ganzen mag, findet man komprimiert in Rimini: „Die Leute sind bodenständig, man macht sich nicht unnötig Sorgen, und man schätzt die Gesellschaft der anderen. Es gibt viel Spontaneität.“

Um Rimini zu entdecken, muss der Besucher aber nicht unbedingt nur auf Fellinis Spuren wandeln. Der Ort hat eine römische Vergangenheit und wurde in der Renaissance von der Fürsten-Familie Malatesta geprägt. Sichtbare Zeichen der Römerzeit sind die Überreste des Amphitheaters und der Triumphbogen von Augustus. Berühmter als beide zusammen ist aber der Fluss Rubikon, den Julius Caesar in Richtung Rom laut Überlieferung sprichwörtlich überschritt – was wiederum einer Kriegserklärung an den Senat gleichkam. Der wollte Caesar keine Kandidatur für das Konsulat zubilligen. Schade nur, dass heute niemand mehr weiß, wo der historische Rubikon war. Das, was heute Rubikon heißt, hat viel mehr etwas mit dem Diktator Benito Mussolini zu tun. Er verpasste einem bestimmten Fluss diesen Namen, um einer befreundeten Familie entgegenzukommen. So gibt es bis heute mehrere widerstreitende Auffassungen, wo der echte Rubikon verlief.

Der krasse Gegensatz zu den historischen Gebäuden und dem Arbeiterviertel Borgo San Giuliano ist der scheinbar unendliche Strand an der Adria. Ein paar Zahlen machen deutlich, warum Rimini die Touristenhochburg schlechthin ist: 1 000 Hotels, 230 Strandbäder, 40 000 Sonnenschirme, 370 Restaurants und Pizzerias. Noch Fragen?

Das ist aber den Lokalpolitikern mittlerweile zu viel des Guten. Unter seinem jungen und eloquenten Bürgermeister Andrea Gnassi arbeitet Rimini beharrlich am Imagewandel. Sein Motto: „Stopp Beton, mehr Kultur“. Ein Plan ist, die Strandpromenade zu einer attraktiven Fußgängerzone samt Grünflächen und unterirdischen Parkplätzen umzugestalten. Einen zweispurigen Radweg gibt es bereits – als Vorboten des Projektes.

Damit die einst unter dem Namen Ariminus erbaute Stadt in ihrer alten Pracht erstrahlt, will Gnassi die Autos aus dem Zentrum verbannen. Noch rollen sie etwa über die Brücke von Augustus und Tiberius, doch für den Bürgermeister ist es nur eine Frage der Zeit, bis es damit vorbei ist. Schon jetzt hat er zahlreiche Fahrradwege in der Stadt und im Umland bauen lassen. Gnassi ist optimistisch: Jetzt endlich kämen die Deutschen als Touristen wieder zurück, nachdem sie jahrelang das Feld den Russen überlassen hätten. (mit dpa)