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Freitag, 15.06.2018

Fasten trotz Prüfungszeit

In Görlitz hat man damit wenig Erfahrung. Aber zwei Schülerinnen erzählen, wie sie mit Ramadan und Schule leben.

Von Susanne Sodan

Ramadan und Schule: Hinter Hanin Uweis und Sedra Jaber liegt ein wichtiger, aber kein leichter Monat. Der Ramadan rückt jedes Jahr zeitlich ein Stück nach vorne. Foto: Nikolai Schmidt
Ramadan und Schule: Hinter Hanin Uweis und Sedra Jaber liegt ein wichtiger, aber kein leichter Monat. Der Ramadan rückt jedes Jahr zeitlich ein Stück nach vorne. Foto: Nikolai Schmidt

© nikolaischmidt.de

Das jetzige Wetter wäre Sedra Jaber und Hanin Uweis schon in den vergangenen Wochen sehr gelegen gekommen. Weniger Hitze, das hätte ihnen den Ramadan erleichtert. Die beiden Mädchen, 17 und 18 Jahre alt, haben in den vergangenen Wochen gefastet. Das war dieses Jahr mehr Herausforderung als sonst. Denn der Ramadan fiel für die beiden auch in die Prüfungszeit am Berufsschulzentrum Görlitz. Bald haben Sedra und Hanin es geschafft, beides: Die Fastenzeit endet heute und die Prüfungszeit ist auch so gut wie durch.

Ramadan in der Schule, das ist in der letzten Zeit deutschlandweit häufiger Thema. Kürzlich hatte sich Familienministerin Franziska Giffey dazu geäußert. Gesundheit und Wohl der Kinder müssten im Mittelpunkt stehen, sagte sie vor allem mit Blick auf die häufig sehr strikte Auslegung des Fastens. „Kinder müssen regelmäßig trinken und essen, sonst können sie nicht mehr aufmerksam dem Unterricht folgen und manche klappen sogar im Sportunterricht zusammen“, sagte Giffey gegenüber dem „Spiegel“. Und erst vor drei Tagen schrieb Mansur Seddiqzai, „Zeit“-Kolumnist und Lehrer in Dortmund, über die große Ernsthaftigkeit, mit der manche seiner Schüler an das Fasten rangehen, auch über Gruppenzwang und körperliche Grenzen.

In der Oberlausitz dagegen macht sich die Fastenzeit an den Schulen deutlich weniger bemerkbar. Über Auswirkungen des Ramadan an den Schulen liegen beim Bautzener Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) keine Informationen vor, so Sprecherin Angela Ruscher. „Ich weiß, dass einige unserer Kinder das Zuckerfest feiern“, erzählt Angelika Hahn, stellvertretende Schulleiterin der Oberschule Innenstadt in Görlitz. Denn manche haben einen Antrag auf Freistellung eingereicht. Genau der gleiche Antrag, den auch katholische Familien stellen, wenn sie einen Feiertag begehen wollen, der nicht zu den offiziellen Feiertagen gehört. Das Zuckerfest, das Fest des Fastenbrechens, beginnt mit dem heutigen Freitag. Abgesehen davon hat Angelika Hahn bisher keine Auswirkungen bei ihren Schülern mit muslimischem Hintergrund festgestellt, weder im Unterricht noch im sonstigen Schulleben. Zwar unterrichtet sie dieses Jahr bei den jüngsten Oberschülern, und Kinder sind vom Ramadan ausgenommen, „aber auch von den Kollegen habe ich nichts gehört“.

Mit dem Alter und der Anzahl der muslimischen Schüler dürfte es zusammenhängen, dass das BSZ bisher die meisten Erfahrungen gesammelt hat. Die drei Vorbereitungsklassen (VKA) besuchen ausschließlich Jugendliche mit einem Migrationshintergrund, in den beiden Berufsvorbereitungsklassen lernen deutsche und ausländische Jugendliche zusammen. Sie können ihren Hauptschulabschluss machen und werden auf eine Ausbildung vorbereitet. Sedra Jaber und Hanin Uweis haben ihr Berufsvorbereitungsjahr im Bereich Ernährung und Hauswirtschaft absolviert. Dass mehrere ihrer Schüler fasten, weiß BSZ-Leiterin Beate Liebig aber auch nur aus Gesprächen. „Im Unterricht merken wir davon eigentlich gar nichts“, erzählt sie. Sedra und Hanin wie auch die anderen Schüler, die Ramadan halten, seien sehr diszipliniert, sehr zurückhaltend. „Man versucht, weniger zu reden“, erzählt Sedra Jaber.

Während des Ramadan wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht gegessen und auch nicht getrunken, erklärt Sara Alfakhouri die Regeln. Aus der Schule ist sie schon raus, sie hat ihr Abitur in Syrien gemacht und beginnt kommendes Semester an der Hochschule Zittau/Görlitz mit ihrem Studium im Fach Molekulare Biotechnologie. Eine Erschwernis des Fastens in Deutschland: Hier ist es derzeit länger hell als beispielsweise in Syrien. „In Syrien geht jetzt etwa schon 19.30 Uhr die Sonne unter.“ In Görlitz fasten sie und ihre Familie von frühmorgens 2.30 Uhr bis abends 21.30 Uhr. „Mancher stellt sich den Ramadan vielleicht als unerträglich vor“, sagt Sara Alfakhouri. „Aber man gewöhnt sich daran.“ Die Unterstützung in der Familie mache die Sache auch leichter.

Für Sedra Jaber und Hanin Uweis steht in der Berufsvorbereitung das Kochen regelmäßig im Stundenplan. Probieren, was sie zubereitet haben, konnten sie aber nicht – zumindest nicht tagsüber, erzählen sie und schmunzeln. Der Ramadan ist den beiden sehr wichtig, aber das Fasten sei auch eine Herausforderung. Zumal immer etwas zu tun ist: Nach der Schule hatten die beiden jetzt zum Beispiel für die Prüfungen zu lernen. Vorbereitungen fürs Zuckerfest standen an, dazu die Hitze draußen. Im Neubau, wo die beiden viel Unterricht haben, ist es auch wärmer als im Altbau, sagt Beate Liebig.

Manchmal kommen Kopfschmerzen. Das Fasten ist für die zwei jungen Frauen eine wichtige Pflicht – wollen sie das auch? „Ja, ich möchte es auch gerne“, antwortet Sedra. So sieht es auch Hanin. Denn der Ramadan habe genauso schöne Seiten, zum Beispiel die Zeit nach Sonnenuntergang. „Die ganze Familie kommt zum Essen zusammen, das ist schön“, sagt Sedra Jaber. Auf das Zuckerfest freuen sie sich. Und: Zum Ende des Ramadans gehört auch, sich einmal komplett neu einzukleiden.