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Montag, 17.09.2018

Fälscher, Kraut und Rotarmisten

In fast neunzig Bildern zogen am Sonntag 950 Jahre Geschichte an den Pesterwitzern und ihren Gästen vorüber. Der Umzug lockte Massen an die Straße.

Von Jörg Stock

950 Jahre Pesterwitz

Machen das Kraut fett: Lydia und Jörg Wätzig mit ihren sowjetischen Erntehelfern. Soldaten halfen in den 1960ern tatsächlich, die Ernte im Volksgut Pesterwitz einzufahren.
Machen das Kraut fett: Lydia und Jörg Wätzig mit ihren sowjetischen Erntehelfern. Soldaten halfen in den 1960ern tatsächlich, die Ernte im Volksgut Pesterwitz einzufahren.

© Andreas Weihs

Pesterwitz. Eine Dieselameise schleppt schon was weg, auch Krautköpfe, Wodkapullen und eine Ladung Sowjetsoldaten. Gebaut 1960 im VEB Fahrzeugwerk Waltershausen, ist das putzige Vehikel eher für die Ebene gedacht, sagt Jörg Wätzig, Kommandant der Fuhre. „Am Berg anfahren ist schwierig.“ Und Berge gibt es in Pesterwitz einige. Immerhin: Auf der Fahrt wird die Last etwas abnehmen, sagt Wätzig. „Den Wodka schenken wir unterwegs aus.“

950 Jahre Pesterwitz

Es ist Sonntag, der große Festumzug zur Ersterwähnung von Pesterwitz vor 950 Jahren steht kurz bevor. Der Ort ist aus dem Häuschen. Und das darf man wörtlich nehmen. Keinen hält es mehr in seinen vier Wänden. Menschenspaliere säumen die Straßen. Man sitzt mit Bier und Wein auf Klappstühlen. Jemand hat seine Wohnzimmercouch in die Einfahrt gestellt, und ein Ruderboot. Selbst auf den Dächern mancher Garage sieht man Schaulustige. Beinahe tausend Jahre Historie ziehen eben nicht alle Tage an einem vorbei.

Zur Historie zählt der Krautanbau in den 1950ern und 1960ern im Volkseigenen Gut Pesterwitz. Bei der Ernte halfen auch in Dresden stationierte Soldaten der Sowjetarmee. Daran erinnert Jörg Wätzig mit seiner Truppe. „Und ganz wichtig“, sagt er: „Das Kraut mit dem Strunk ernten, dann kommt es besser über den Winter.“

Nur ein paar Meter weiter, aber achthundert Jahre früher: Burchardus de Rabinowe, Lehensmann der Donins, zieht das Schwert, als wollte er sogleich gegen die Meißnerischen zu Felde ziehen. Hier wird Geschichte um 1200 dargestellt, als man sich um die Burg Thorun auf dem Burgwartsberge stritt. „Wir wollen das Mittelalter erlebbar machen“, sagt Burchardus alias Jörg Recknagel. Finstere Zeit? Mag sein. Aber es gab mehr Struktur, klare Rollen. Er lacht die Dame an seiner Seite an. „Für Männer war es super!“

Lange gelebt haben sie aber nicht. Das sieht man den Soldaten von Sir John Hepburns Grünem Regiment an. Kaum einer, der nicht Scharten oder Kunstblut im Gesicht hat. Heutzutage sind die Landsknechte, ein Verein aus der Oberlausitz, gut gebucht, fechten fast jedes zweite Wochenende ein Stück Dreißigjährigen Krieg aus. Jetzt auch in Pesterwitz. Hauptmann Stefan Seibt müsste eigentlich in der Reha sein, wegen einer echten Blessur. Trotzdem kommt er kurz vor knapp mit Federhut und Degen angestapft. „Ich kann meinen Haufen doch nicht alleine lassen!“

Ein eigenes Bild ist dem Pesterwitzer Unikum Gustav Kaden gewidmet. Der preisgekrönte Ringer aber mäßig erfolgreiche Maschinenfabrikant geriet Ende der 1920er auf die schiefe Bahn und wurde zum Universalverbrecher. Unter anderem prägte er im großen Stil falsche Fünfmarkstücke. Im April 1932 hob die Dresdner Kripo seine Fälscherwerkstatt aus und Kaden wanderte vier Jahre ins Zuchthaus.

Beim Umzug ist der Falschmünzer Kaden, der hier Ralph Clausnitzer heißt, noch mopsfidel und stemmt Hanteln, während sein Komplize eine kubanische Zigarre schmaucht. Doch die Polizei naht schon in Gestalt von Lutz Wodarsch. Witzig: Wodarsch ist tatsächlich Polizist. Gerade will er die Handschellen klicken lassen, da fährt Halunke Kaden davon, der Umzug hat angefangen. Und bis er zu Ende ist, so muss man befürchten, werden noch einige falsche Fünfer unters Volk gebracht.