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Dienstag, 29.12.2009

Ex-OB Ingolf Roßberg startet wieder durch

In diesem Jahr endete der letzte Prozess gegen den einstigen Rathauschef. Seit Herbst berät der Ingenieur Firmen bei Verkehrsbauten.

Von Thilo Alexe

Ingolf Roßberg ist heute Privatmann. Mit der aktiven Politik hat der einstige Dresdner Oberbürgermeister abgeschlossen. Seit Herbst arbeitet der Verkehrsingenieur bei einer renommierten Hamburger Beratungsfirma, zu deren Kunden Verkehrsunternehmen in Deutschland und dem Ausland zählen. Der dreifache Familienvater lebt aber weiter in seiner Heimatstadt Dresden. Für seinen neuen Job reist er zu Kunden und arbeitet am Computer. 2009 war für ihn Ende und Anfang zugleich.

Helfer der Dresdner Tafel

In diesem Jahr endete für Roßberg eine Odyssee juristischer Auseinandersetzungen. 2006 wurde Roßberg als Oberbürgermeister wegen – letztlich haltlosen – Untreuevorwürfen suspendiert. Allerdings hat er nach Auffassung des Dresdner Landgerichts seinem als Privatunternehmer pleite gegangenen Fluthilfekoordinator Reiner Sehm dabei geholfen, Geld am Insolvenzverwalter vorbeizuschleusen. Der Rechtsstreit um das Vertragskonstrukt endete nach drei Jahren und mehreren Prozessen 2009.

Roßberg sagte während der Verhandlungen, er habe den raschen Wiederaufbau der Stadt im Sinn gehabt. Er erhielt eine siebenmonatige Bewährungsstrafe. Aus eigener Tasche zahlt er rund 40 000 Euro an das Rathaus, das das Geld an die Sehm-Gläubiger weiterreicht. Der jahrelange Rechtsstreit machte seiner Familie zu schaffen.

Bei der Dresdner Tafel hat der 48-Jährige in dieser schweren Zeit einen neuen Halt gefunden. Halt, den er in der Politik, seiner einstigen „Droge“, längst verloren hatte. Die, die ihn kennen, sagen, er sei wieder gut drauf. Der frühere Rathauschef hat es bei der Tafel geschafft: Ehrenamtlich und ohne großen Apparat. Seit Dezember verfügt das Lindehaus, in dem die Dresdner Tafel Arme versorgt, über neue Toiletten. „Drei der alten hatten noch Standard und Charme der ehemaligen DDR-Kita, und das seit 20 Jahren“, sagt Roßberg. Ein Jahr hat er gebraucht, um mit viel Engagement das Projekt abzuschließen. Die schlagzeilenträchtige Entschuldung der Stadt, die Ingolf Roßberg durch den milliardenschweren Verkauf städtischer Wohnungen 2006 erreichte, gelang schneller.

Häme lässt Roßberg kalt

Dass der einstige Oberbürgermeister einer Stadt mit einer halben Million Einwohner und Vorgesetzter von 7 000 Verwaltungsmitarbeitern, in seiner Freizeit Klos für Hilfsbedürftige plant, mag anrührend klingen, kitschig. Einstige Gegner dürften hämisch frotzeln.

Doch das stört Roßberg nicht. Leidenschaftlich spricht er über die Dresdner Tafel. Er erzählt von Menschen, die „richtigen echten Hunger“ haben von „Noftallpaketen“, die die Tafel-Helfer packen. Von Menschen, die wirklich gar nichts haben, weil eine Behörde nicht mehr und die andere noch nicht zahlt. „Es ist ein teilweise hochgradiges Elend“, sagt er. Und bittet um Spenden. Dieser Arbeit bleibt er treu. Roßberg betreut den Internetauftritt der Dresdner Tafel und nutzt seine Kontakte, um Spender zu akquirieren.

Ob im Ehrenamt oder als Kommunalpolitiker: Roßberg hat trotz Krisen stets Haltung bewahrt und neue Perspektiven entwickelt. Er schloss seine Promotion über marktorientierte Kultureinrichtungen ab und hielt sachkundige Vorträge über seine Lieblingsmusik – Operetten. Seiner „Droge“ Politik hat er wohl endgültig den Rücken gekehrt. Über dieses Thema will er heute nicht mehr sprechen. Er ist der Öffentlichkeit nicht mehr verpflichtet. Er ist jetzt Privatmann.