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Donnerstag, 30.03.2017

Estland baut Stromspeicher in Sachsen

Das Unternehmen Skeleton eröffnet seine Fabrik in Großröhrsdorf. Geheimnisse bleiben.

Von Georg Moeritz

Möchte jemand einen Ultrakondensator? Ministerpräsident Stanislaw Tillich (von rechts), Fabrikant Taavi Madiberk und die estnische Ministerin Urve Palo starteten die Produktionsanlage in Großröhrsdorf östlich von Dresden.
Möchte jemand einen Ultrakondensator? Ministerpräsident Stanislaw Tillich (von rechts), Fabrikant Taavi Madiberk und die estnische Ministerin Urve Palo starteten die Produktionsanlage in Großröhrsdorf östlich von Dresden.

© Thomas Kretschel

Während England aus der EU austritt, investiert eine Firma aus dem EU-Mitgliedstaat Estland in Sachsen – dank Geldgebern aus Malaysia und einem Kredit von der Europäischen Investitionsbank. Die estnische Ministerin Urve Palo drückte am Mittwoch in Großröhrsdorf auf den Startknopf einer neuen Produktionsanlage. Von Ministerpräsident Stanislaw Tilllich (CDU) erfuhr sie auf Englisch, dass Sachsen das Land der Ingenieure ist und mit Auto- und Halbleiterfabriken wirbt. Dafür warb die estnische Ministerin für ihr hoch technisiertes Heimatland in ebenso gutem Englisch: In Estland könne vieles elektronisch erledigt werden, und niemand müsse mehr zum Unterschreiben irgendwo hinfahren. Esten und Deutsche seien ähnlich: „We like Ordnung.“

Tillich und Palo warben gemeinsam für die europäischen Produkte der estnischen Firma in Sachsen: Aus Großröhrsdorf sollen künftig Ultrakondensatoren kommen. Die sehen aus wie Batterien, enthalten aber keine flüssigen Chemikalien. Vielmehr ermöglicht der Inhaltsstoff Graphen, ein Kohlenstoffgitter, rasches Energiespeichern. In Sekundenschnelle soll ein solcher Kondensator aufgeladen sein und das bis zu eine Million Mal vertragen. Allerdings hält er die Energie nicht so lange fest wie eine herkömmliche Batterie.

Im Werbefilm zeigt das Unternehmen Skeleton Technologies, wo es die Kunden für seine Ultrakondensatoren finden will: Da ist der Lastwagenfahrer Tim zu sehen, der über Nacht in einer eiskalten Halle parkt und am Morgen Starthilfe nötig hätte – wäre da nicht zusätzlich zur Autobatterie der schnelle Stromspeicher aus Großröhrsdorf an Bord, der minus 40 Grad aushalten soll. Laut Skeleton-Mitgründer Oliver Ahlberg hat auch die Europäische Raumfahrt-Agentur Esa Produkte des Unternehmens getestet und will sie als leichte Stromspeicher für Satelliten nutzen. Auch die Marine sei ein möglicher Kunde – und Besitzer von Achterbahnen, die auf kurze Beschleunigung setzen.

Die Achterbahn ist ein riskantes Bild, wenn es um Investitionen an diesem Standort in Großröhrsdorf geht. Tillich spricht das Auf und Ab an: Skeleton hat einen Teil einer ehemaligen Fotovoltaik-Fabrik angemeldet. Bis zu 250 Menschen hatten in dem Gewerbegebiet Arbeit bei Sunfilm, nach dessen Pleite führte Schüco das Werk weiter. Doch die Solar-Blüte blieb kurz. Geblieben ist ein alter Firmenname: Skeleton hat seinen Sitz an der Schücostraße, die vorher Sunfilmstraße und davor Straße E hieß. Skeleton muss seinen Namen erst bekannt machen – er könnte mit Gerippe übersetzt werden, steht aber für das zweidimensionale Raster aus Kohlenstoff als Grundlage der Technologie.

Die leere Halle in Großröhrsdorf hat sich für Skeleton als Glücksfall erwiesen. Zunächst hatten die Esten Räume in Bautzen gemietet und ein Grundstück in Radeburg gekauft. Vorstand Ahlberg ist froh, dass er nicht bauen musste, und will die Immobilie loswerden. Nun sucht er erst einmal Mitarbeiter. Rund 20 sind eingestellt, darunter Thomas Wolf als Anlagenbediener am Kalander. Dort laufen die graphen-beschichteten Folien durch, werden gepresst, dann zugeschnitten und aufgewickelt. Auf 58 Beschäftigte soll der Betrieb in Großröhrsdorf bis Ende 2019 wachsen, kündigt Firmenchef Taavi Madiberk an. Über die Internetseite der Firma können sich etwa Mechaniker oder Elektriker melden – gesucht wird auch ein Experte für Hybridfahrzeuge, der die Produkte gemeinsam mit Kunden weiterentwickelt.

Seit drei Wochen im Unternehmen ist der Manager Michael Liedtke. Er kommt vom Konkurrenten Maxwell, hat in Kalifornien gelebt und leidet unter der Kühle in Estland. Gern erklärt er die Produktionslinie, an der Schilder das Fotografieren verbieten. Den Lieferanten des Rohstoffs will das Unternehmen nicht nennen, ebenso wenig wie seinen Umsatz. Die 2009 gegründete Firma ist noch klein, hat 75 Beschäftigte in Estland und Finnland. Im Werben um Geldgeber aber haben die Chefs Geschick bewiesen. Gut sechs Millionen Euro investieren sie in Sachsen, teilweise bezuschusst von Bund und Land. Insgesamt stehen ihnen 13 Millionen Euro aus Estland zur Verfügung, ebenso viel von Anlegern aus Malaysia und 15 Millionen Euro Kredit von der Europäischen Investitionsbank .

www.skeletontech.com/de/careers