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Sonntag, 12.11.2017

Es siecht paradiesisch vor sich hin

Das Haus am Pirnaischen Platz verrottet seit Jahren. Wer wissen will, wem es gehört, der muss sich durch ein Meer aus Briefkastenfirmen kämpfen - und landet schließlich in der Karibik.

Von Tobias Wolf, Ulrich Wolf und Sandro Rahrisch

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Das Hochhaus am Pirnaischen Platz ist keine Werbung für die Landeshauptstadt.
Das Hochhaus am Pirnaischen Platz ist keine Werbung für die Landeshauptstadt.

© Christian Juppe

Dresden. Der Geruch von Urin und Exkrementen will nicht weichen. Es ist so dunkel, als befinde man sich in den Tiefen einer Jauchegrube. Dabei steht man an einer der ehemals besten Wohnadressen Dresdens. Gedämpft dringt der Verkehrslärm in den ersten Stock des Hochhauses am Pirnaischen Platz. Durch die beiden kleinen Fenster fällt kaum noch Licht. Eins ist ganz abgedeckt mit einer dunklen Platte, das zweite nur halb. Aus einem kaputten Abflussrohr unter der Decke tropft es. Wann immer ein Mieter auf dieser Seite des 14-Geschossers die Toilettenspülung betätigt oder duscht, plätschert alles erst einmal in diesen düsteren Raum. Zentimetertief steht das Abwasser. Es läuft in die verschlossenen Räume neben dem ramponierten Foyer des einstigen sozialistischen Prachtbaus in Dresden. Kaum vorstellbar, dass hier einmal die Wirtschaftsräume und Büros der Gaststätte „Gastmahl des Meeres“ waren.

Ebensowenig vorstellbar, dass hier noch Mieter leben. Rund 40 sind es noch. Sie haben seit dem Sommer einen neuen Gastgeber. „Mit Wirkung zum 10.07.2017 sind Nutzen und Lasten für das Grundstück auf eine neue Eigentümerin übergegangen. Es handelt sich um die Creo 7 Dresden GmbH & Co KG, Diepenseer Straße 10 in 12529 Schönefeld“, teilte ihnen die damalige Hausverwaltung mit. Creo wer?

Video: SZ-Reporter auf Spurensuche

Ob bei den Mietern, dem Energieversorger Drewag oder bei der Stadt: Als Repräsentant der Creo 7 trat bislang immer ein gewisser Stefan Stift auf. Der 51 Jahre alte Kaufmann aus Berlin kündigte Mitte September an, man wolle das Gebäude umfassend sanieren. Die Entwürfe dazu stammen von einer Berliner Firma namens Heftol. Laut Stift ist das die Muttergesellschaft seiner eigenen Baufirma. Das ist falsch.

Die Stift Bauausführungen GmbH ging im Juni in die Insolvenz. Bereits 2015 war Stift „mangels einer wesentlichen Voraussetzung (…)“ von Amts wegen als Geschäftsführer im Handelsregister gestrichen worden. An seine Stelle trat zunächst ein gebürtiger Litauer, dann ein 77 Jahre alter Berliner Rentner. Der darf nun die Insolvenz ausbaden.

Stifts Firma hatte zwei Gesellschafter. 40 Prozent lagen bei seiner Frau Anastasia, die auf ihrer Facebook-Seite angibt, aus Sankt Petersburg zu stammen. Ihre Freundesliste lässt auf gute Kontakte in das Berliner Nachtleben schließen. Der Mehrheitsgesellschafter der Stift-Firma aber war ein deutschtürkischer Geschäftsmann, spezialisiert auf Bezahlsysteme. Es gibt Pressefotos von ihm, die zeigen ihn bei der Präsentation einer neuen Kreditkarte mit Formel-1-Guru Bernie Ecclestone. Direkte Spuren des Milliardärs zur Creo 7 aber sind nicht zu entdecken.

Zweifellos aber hat Creo 7 Verbindungen zum Berliner Immobilienprojektentwickler Heftol. In dem mondän wirkenden Internetauftritt des Unternehmens wirbt es mit dem Hochhaus am Pirnaischen Platz. „Coming Soon – Dresden Cityloft Apartments“ steht dort. Als Chef der Bautochter Heftol Construction GmbH fungiert der 28 Jahre alte Thomas Mangoldt. Er ist zugleich einer von vier Geschäftsführern der Creo 7 in Schönefeld. Jener Creo 7, die vorgibt, nun Eigentümerin des Gebäudes zu sein.

Das soll sich nun endlich ändern: So soll das Gebäude einmal aussehen. © Archecon Architektur

Mangoldt indes wurde in Dresden bislang nicht gesehen. Ebenso wenig wie die anderen drei Creo-7-Chefs. Bei ihnen handelt es sich um Investmentbanker. Sie arbeiten alle auch für eine auf Immobilieninvestments spezialisierte Firma mit Sitz auf der britischen Kanalinsel Guernsey. Einer von ihnen ist ein Deutscher und lebt in London. Die beiden anderen, eine Slowakin und ein Australier, geben Luxemburg als ihre Adresse an: die Rue d‘Anvers 53, ein ziemlich schäbig wirkender grauer Altbau nahe dem Luxemburger Hauptbahnhof. Es ist exakt die Anschrift, in der auch die Eigentümerin der Schönefelder Creo-7-Unternehmung zu finden ist: eine Briefkastenfirma namens Creo 7 SARL.

Henrietta Naudszus ahnt von all dem nichts. Sie gehört zu den 40 Mietern des markanten Hochhauses. Gut gelaunt steht sie im sechsten Stock in der Küche ihrer 1,5-Zimmer-Wohnung und schnippelt Salat und Kraut fürs Mittagessen. „Die Heizung geht endlich wieder“, sagt die 80-Jährige. Zuvor war die Heizanlage monatelang ausgefallen. Nicht etwa der Eigentümer kümmerte sich zunächst, sondern es waren Dresdner, die nach Medienberichten über das „Bibbern im Hochhaus“ mit Spenden halfen. „Eine Familie hat mir ein elektrisches Heizgerät, Blumen und Milch geschickt“, sagt Naudszus.

In der Wohnung der alten Dame hängen unzählige Familienfotos mit Kindern und Enkeln. Spüle, Herd und Kühlschrank passen geradeso nebeneinander. Auf den Hängeschränken stehen Karaffen, Vasen und ein paar Kakaopulverdosen. Henrietta Naudszus kommt zurecht. Mit der oft kaputten Heizung. Mit den zugigen DDR-Fenstern aus den 1960er-Jahren. Mit der Balkontür, die sie mit Hammer und Schraubenzieher öffnet, weil das Holz verzogen ist und die Scharniere festsitzen. Mit dem in der Wand kaputten Abflussrohr der Spüle. Die gebürtige Russin trägt das Abwaschwasser in Schüsseln und Eimern zur Toilette. Ihr Ausblick entschädigt sie für vieles. An klaren Tagen schaut die Rentnerin von ihrem Balkon aus bis in die Sächsische Schweiz.

Am 2. August bekommt die Seniorin Post. „Wir, die Creo 7 Dresden GmbH & Co. KG, möchten uns ihnen gegenüber als neue Eigentümer vorstellen“, heißt es. Dann kommt: nichts. Außer der Anweisung, die Miete künftig auf ein Konto der Berliner Sparkasse zu überweisen. Für Mieterbelange sei eine Mitarbeiterin bei Heftol in Berlin zuständig.

Luxemburg, London, Guernsey – Mieter wie Frau Naudszus haben von diesen Hintergründen keine Ahnung. Auch nicht davon, dass die Suche nach den Eigentümern sogar über Europa hinaus führt.

Die Creo 7 SARL wurde im Dezember 2015 bei einem Luxemburger Notar gegründet. Und zwar durch eine Creo 7 Limited. Diese Firma ist im britischen Handelsregister registriert, mit Sitz auf Tortola, dem größten Eiland der britischen Jungferninseln. Rund 30000 Einwohner zählt die Inselkette in der Karibik – und gut 800000 Briefkastenfirmen. Die Gebühren für die Gründung solcher Gesellschaften, hinter denen überwiegend reiche Menschen und Firmen sich und ihr Vermögen steuerfrei und meist legal verstecken, machen mehr als Hälfte des Staatseinkommens aus.

Die Suche nach den Eigentümern endet somit am Hafen von Road Town, der Hauptstadt der Jungferninseln. Dort hat die Creo 7 Ltd. ihren Sitz. Die Firma selbst taucht in den Panama-Papers nicht auf, wohl aber die Adresse Wichams Cay II. Und das mehrfach. Auch zu den nun aufgetauchten Paradise Papers gibt es einen Bezug. Bei der Gründung der Creo 7 SARL in Luxemburg wurde die Briefkastenfirma aus der Karibik als Muttergesellschaft repräsentiert durch eine Notariatsangestellte, deren Name sich auch als Beraterin des viertreichsten Mexikaners Ricardo Salinas Pliego wiederfindet. Die Dame war zudem diversen anderen Konzernen bei der Gründung von Luxemburger Firmen behilflich: der Volkswagen AG etwa, den US-Maschinenherstellern Caterpillar und John Deere oder dem ukrainischen Landwirtschaftskonzern KSG Agro.

Henrietta Naudszus war nie in der Karibik. Sie hat inzwischen die Töpfe auf den Herd gestellt. Seit 1998 wohnt sie im Haus am Pirnaischen Platz. Sie erlebte, wie die Stadt Dresden das Gebäude Anfang 2008 für vier Millionen Euro an den heute 86Jahre alten israelischen Kaufmann Samuel Segal verkaufte. Man vereinbarte eine umfassende Sanierung. Es geschah aber nichts. Erst 2012 ließ Segal eine Grundschuld von sieben Millionen Euro ins Grundbuch eintragen. Seit dem Verkauf an den Israeli hat Mieterin Naudszus acht Hausverwaltungen kommen und gehen sehen. Gerüchte machen die Runde, eine der Creo-Gesellschaften habe nun 14 Millionen Euro an Segal gezahlt. Im Hintergrund zöge die Familie des Israelis immer noch die Fäden.

Sowohl Creo-7-Repräsentant Stefan Stift, die auf Guernsey ansässigen Investmentspezialisten wie auch der Projektentwickler Heftol ließen die vor fünf Tagen geschickten Fragen der SZ unbeantwortet. Am Telefon verweist die Mitarbeiterin der Mieterverwaltung von Heftol auf Stefan Stift.

Der stottert am Handy, er sei im europäischen Ausland. Er habe die Fragen erhalten, könne sie aber wegen einer Sehschwäche auf dem kleinen Display nicht lesen. Ohnehin aber seien die Fragen „unverschämt“, und er werde sie „in dieser Form auch nicht beantworten“. Ob er wenigstens die Eigentümer nennen könne, will man wissen. „Das ist eine Gruppe“, sagt Stift nur. Dann legt er auf.

Man hätte den Berliner Bauunternehmer auch gerne gefragt, ob es sich beim Kauf des Hochhauses in Dresden um einen Share Deal handelt. Diese Kaufpraxis ist erst durch die Veröffentlichung der Paradise Papers bekannt geworden. Vor allem am Beispiel von Berlin wird aufgezeigt, wie Immobilieninvestoren mit einem solchen Share Deal die Grunderwerbssteuer umgehen können. Das Finanzamt Dresden-Süd darf sich dazu aufgrund des Steuergeheimnisses nicht äußern. Auch die Anwälte, die die Luxemburger Creo 7 SARL bei Notarterminen in Deutschland vertreten, berufen sich auf ihre Verschwiegenheitspflicht. Sie sind für die große US-amerikanische Wirtschaftskanzlei White & Case tätig.

Die sind nicht gerade billig. Geld also scheint im Dunstkreis der Creo-7-Firmen vorhanden zu sein. Ob sich die Eigentümer bewusst sind, dass sie mit ihrer Immobilie in Dresden auch so etwas wie einem kulturellen Erbe verpflichtet sind? Das Haus am Pirnaischen Platz war in der DDR die beste Adresse der Stadt für Kader aus Partei und Staatsapparat. Von 1964 bis 1966 war es gebaut worden, mit 120 Wohnungen. Die DDR-Fachpresse lobte die „hervorragende Gestaltung“. Im „Gastmahl des Meeres“ kostete die „ Forelle Müllerin“ einst 5,50 Ostmark. Am 25. Jahrestag der DDR prangte auf dem Dach des Hochhauses plötzlich in Riesenlettern die Losung „Der Sozialismus siegt“. Der Dresdner Volksmund deutete es in seiner weichen Mundart in „Der Sozialismus siecht“ um. 1987 verschwanden die Buchstaben ohne Begründung wieder vom Dach.

Lange war an dem Gebäude die Leuchtreklame "Der Sozialismus siegt" angebracht - im Mai 1987 wurde sie abmontiert. © SZ-Archiv

Inzwischen ist das Haus ein Symbol für den Verfall geworden – und wohl auch für eine ungezügelte Spekulationslust im Kapitalismus. Von paradiesischen Zuständen jedenfalls ist es entfernt wie nie zuvor.

Die Stadt erließ im Oktober eine Verfügung. Alle Mieter müssten bis Ende Februar ausziehen. Wegen gravierender Brandschutzmängel. Den offensichtlich spekulierenden Eigentümern könnte das sogar in die Karten spielen.

Henrietta Naudszus müht sich derweil wieder mit ihrer Balkontür. „Davon hab ich schon Schwielen“, sagt die frühere Zahnärztin. Gelassen greift sie zu Hammer und Schraubendreher, ein paar kurze kräftige Schläge, die Tür ist offen. Es ist diesig heute. Bis Februar ausziehen? Naudszus denkt nicht daran. „Ich will in dieser Wohnung sterben,“ sagt sie.

Vor wenigen Tagen schauten zwei Männer bei ihr vorbei. Ohne Ankündigung. Sie legten der Seniorin einen Mietaufhebungsvertrag vor. Demnach werde der neue Eigentümer auf „die vertraglich vereinbarten Schönheitsreparaturen“ verzichten. In einer Zusatzvereinbarung bietet die Creo 7 Dresden GmbH & Co. KG zudem 1000 Euro als Entschädigung für die „mit dem Umzug verbundenen Umstände“ an. Die Männer hätten betont, Geld werde es aber nur gegen Rechnungen geben, sagt die Rentnerin.

Demnächst kommt sogar das Fernsehen. Ein Team vom Tatort. Es könnte den Spruch filmen, der an einem Fenster im ersten Stock steht: „Hinweis – Fensterbrett vor dem Konsum von Crystal Meth reinigen“. Oder: „Hinter dieser grünen Tür wohnt Adolf Hitler.“ Leer stehende Wohnungen sind mit einem großen L gekennzeichnet, auf manchen Türen kleben Polizeisiegel.

Graffiti, Dreck, Verfall. All das eignet sich bestens als Kulisse für einen Krimi. Vielleicht handelt das Drehbuch vom Tun anonymer Immobilienspekulanten. Würde passen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Schuster

    Ein schöner langer Artikel, aber ohne nennenswerte Erkenntnis. Denn wichtig wäre es zu erfahren, was denn die Stadt getan hat, als nach dem Verkauf 2008 die vereinbarte Sanierung nicht stattfand. Wer in der Verwaltung hat den Vertrag geschlossen, wer hat die Einhaltung der Vereinbarung überprüft, wer hat versäumt Konsequenzen aus dem offensichtlichen Vertragsbruch zu ziehen? Alles was zu Fehlern in Dresdner Amtsstuben führen würde, wird gar nicht untersucht. Stattdessen versuchen sich die Herren der Lokalzeitung im ganz großen Aufklärungsjounalismus mit Pananama Papers usw. "Schuster bleib' bei Deinen Leisten" kann man da nur raten.

  2. Hartmut Krien

    Große Hochachtung an jemanden der sich erkennbar viel Arbeit gemacht hat um nachzurecherchieren welche Halunken wo welche Scheinfirma gegründet haben. Mir war der Verkauf von Anfang an suspekt,weshalb ich damals im Finazausschß als Einziger dagegen gestimmt habe. Der Bürgermeister der das damals angeschoben hat will uns heute neue Schulen bauen. Na ja...

  3. Wissender.

    Herr Krien, Lob dafür, daß Sie damals dagegen gestimmt haben. Es muss jetzt jedoch endlich was passieren, sonst verschwindet dieses schöne Hochhaus wohl wirklich noch aus unserem Stadtbild, was sehr schade wäre. Die Stadt sollte hier schnellstmöglich in die Spur gehen und beim Segal Schadenersatz für die nicht erbrachte Sanierung kassieren. Mit dem Geld das Gebäude kaufen und gleich in die neue WoBa einbringen!

  4. Jurist

    @1 hat teilweise recht. Interessant wäre jetzt, was steht in den Verkaufs-Verträgen der Stadt drin? Hat man einen Hebel, um Schadenersatz, Rückabwicklung etc. auch mit Aussicht auf Erfolg einzufordern? Bei der juristischen Expertise, die bisher vom Rathaus zu erleben war, habe ich da nicht viel Hoffnung. Trotzdem ist es interessant mit welch dubiosen Gestalten unsere Stadtverwaltung so Geschäfte machen. Und das nicht zum ersten Mal. Scheinen ein richtiges Händchen dafür zu haben. Diese ganze Firmen-Konstruktion riecht förmlich nach Steuerhinterziehung und Absahnen. Und zwar ganz streng. Eine schnelle Lösung sehe ich da nicht. Mir persönlich wäre ein Abriss dieser "Wand" am liebsten.

  5. Hartmut Krien

    Das Problem liegt in der Auslegung zu Art.14 Abs2 GG, Eigentum verpflichtet! 1. Ersatzvornahme 2. Eintragung der Kosten zu Lasten der Immobile 3. Bei Überschuldung Zwangsversteigerung wobei der Gläubiger natürlich Vorrang hat. Ist der Eigentümer nicht zu erreichen wird öffentlich geladen und Ende. Leipzig hat es mit seinen herrenlosen Grundstücken doch vorgemacht. Das war zwar schräg aber nicht volksfeindlich und außer einem einzigen dubiosen Vermittler gab es auch keine private Bereicherung.

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