erweiterte Suche
Dienstag, 20.12.2016

Erste Erfolge für Herrnhuter Kirchenasyl

Die Brüdergemeine hat die Sechs-Monatsfrist durchgehalten. Drei von 17 Irakern konnten nun offiziell Asyl beantragen.

Von Frank Seibel

Die Kirche als Schutzburg: Zwar leben die irakischen Flüchtlinge nicht im berühmten Herrnhuter Kirchensaal. Aber die Brüdergemeine als Institution gewährt ihnen „Kirchenasyl“ – bislang sehr erfolgreich.
Die Kirche als Schutzburg: Zwar leben die irakischen Flüchtlinge nicht im berühmten Herrnhuter Kirchensaal. Aber die Brüdergemeine als Institution gewährt ihnen „Kirchenasyl“ – bislang sehr erfolgreich.

© Rafael Sampedro

Kurz vor Weihnachten erfüllt sich für drei Christen aus dem Irak eine große Hoffnung. Nachdem ihnen die Brüdergemeine in Herrnhut sechs Monate lang Schutz vor einer Abschiebung nach Tschechien gewährt hat, sind Georges und Martin B. sowie Nejat S. jetzt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) offiziell als Asylbewerber nach deutschem Recht akzeptiert worden. Für sie ist der erste und bislang einzige Fall von Kirchenasyl in Sachsen erfolgreich zu Ende gegangen. Entsprechend erleichtert äußerte sich am Montag der Sprecher des Vereins „Herrnhuter Missionshilfe“, Andreas Tasche.

Ende Juli hatte der Vorstand der Brüder-unität offiziell beschlossen, insgesamt 17 Mitgliedern einer irakischen Großfamilie Schutz zu gewähren. Das hat bei der Staatsregierung in Dresden Unmut ausgelöst. Nach Überzeugung von Innenminister Markus Ulbig (CDU) wären die Menschen im Nachbarland genauso sicher und würden ein genauso faires Asylverfahren bekommen wie in Deutschland.

Die Großfamilie war zu Beginn dieses Jahres von der tschechischen Regierung aus dem Nordirak ausgeflogen worden. Die Regierung in Prag hatte damit zeigen wollen, dass sie zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit ist. Weil sich die Großfamilie aber alles andere als willkommen fühlte, reiste sie nach Sachsen aus, um in Deutschland Asyl zu beantragen. Weil innerhalb der Europäischen Union aber gilt, dass Flüchtlinge im Einreiseland Asyl beantragen müssen, sollte die Familie nach Tschechien abgeschoben werden.

Aber wären die Iraker dort sicher gewesen? Darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Die Vertreter der Brüdergemeine glauben, dass die Iraker im Nachbarland nicht willkommen wären und nach kurzer Zeit in ihre von Krieg und Terror gezeichnete Heimat zurückgeschickt würden. Auch der Gründer der tschechischen Flüchtlings-Initiative, Jan Talafant, hatte sich im Herbst skeptisch geäußert. In dem Ort, wo die Iraker unterkommen sollten, habe sich die Stimmung nach einem Fernsehbericht gedreht und gegen die Flüchtlinge gerichtet. Die Furcht, dass die Menschen von Tschechien zurück ins Krisengebiet geschickt werden könnten, waren für die Herrnhuter Christen der Grund, einen Sonderweg einzuschlagen. Kirchenasyl gibt es in Deutschland seit rund 30 Jahren. Der Staat respektiert die Kirche als Schutzraum. Dorthin dringen keine Polizisten ein, um Abschiebungen durchzusetzen.

Innenminister Markus Ulbig hatte die Brüdergemeine Ende September aufgefordert, das Kirchenasyl „sofort zu beenden“. Nach Auskunft der Herrnhuter Missionshilfe blieb es allerdings bei dieser einmaligen öffentlichen Äußerung. An diesem Montag bekräftigte Ulbig indes seine Haltung: „Für Menschen, die aus Kriegsgebieten flüchten, muss es doch völlig unerheblich sein, ob sie von tschechischer oder deutscher Seite aufgenommen und versorgt werden. Die Tschechische Republik ist genauso ein europäischer Rechtsstaat wie Deutschland!“

Die Herrnhuter hielten durch – sechKommentar: Haarsträubends Monate lang schon. Das ist die entscheidende Frist. Danach könnten Flüchtlinge, die zuvor abgeschoben werden sollten, wieder ganz regulär einen Asylantrag in Deutschland stellen. Das Bundesamt für Migration entschied sich nun, wenige Tage vor Weihnachten, die Anträge auf Asyl für die ersten drei der 17 Iraker aus Herrnhut anzunehmen und zu prüfen. Somit sind Georges und Martin B. sowie Nejat S. rein rechtlich gesehen nicht mehr in der Obhut der Herrnhuter Kirche, sondern des deutschen Staates. Vorerst leben sie aber weiter in Herrnhut. Hier hoffen sie zunächst darauf, dass ihre 14 Verwandten ähnliches Glück haben – und dass am Ende auch noch ihre Asylanträge bewilligt werden. Für sie wären das sehr frohe Weihnachten.