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Donnerstag, 30.08.2018

Einmal Oberschwester, immer Oberschwester

Ingrid Schultz hat am Uniklinikum gelernt, gelehrt und geleitet. Für ihre 47 Dienstjahre hatte sie ein Rezept.

Von Nadja Laske

Pflegedienstleiterin Ingrid Schultz packt ihren Lebenslauf lächelnd in einen Satz: „Ich war nie schön, ich habe immer gearbeitet.“Foto: Sven Ellger
Pflegedienstleiterin Ingrid Schultz packt ihren Lebenslauf lächelnd in einen Satz: „Ich war nie schön, ich habe immer gearbeitet.“Foto: Sven Ellger

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Wenn Ingrid Schultz von Haus 9 auf Haus 32 schaut, möchte sie noch einmal ganz jung sein. Gegenüber ihrem Büro wurde gerade die nigelnagelneue Chirurgische Notaufnahme des Universitätsklinikums eingeweiht. „Ein hochmoderner Komplex – was man da alles lernen kann, diese Entwicklungsmöglichkeiten!“ Mit dieser Begeisterung hat die Pflegedienstleiterin all ihre Dienstjahre verbracht. Sehr viele Dienstjahre. Gut 47 werden es sein, wenn sie im Herbst endgültig in den Ruhestand geht. Bis dahin hastet sie wie eh und je von Station zu Station, von Zimmer zu Zimmer, und bereitet nicht nur sich, sondern auch die Klinik auf ein Leben nach „Oberschwester Ingrid“ vor.

Eigentlich heißt sie ja so nicht mehr. Doch über Begrifflichkeiten kann die
63-Jährige nur lächeln. Immerhin ist mit der Bezeichnung noch immer ihr Namensschild beschriftet. „Heute heißt das Pflegedienstleiterin, aber ich lasse mich gerne weiterhin Oberschwester nennen“, sagt Ingrid Schultz. Schließlich wäre das Heute nicht ohne das Gestern, wer soll das besser wissen, als ein Urgestein wie sie.

Eins von 150 jungen Mädchen war Ingrid, als sie 1971 ihre Bewerbung an der damaligen Medizinischen Akademie einreichte. Säuglings- und Kinderkrankenschwester zu werden, davon träumte sie und wusste: Nur für 20 wird sich der Wunsch erfüllen. Zwar entbehrte ihre Biografie gerngesehene Aktivitäten als Pionier und FDJlerin, doch Ingrid überzeugte auch ohne. Seitdem ist sie der Klinik treu geblieben und die Klinik ihr, dank einer entscheidenden Balance: „Unternehmen und Mitarbeiter müssen im Geben und Nehmen harmonieren“, sagt sie. Ihr Arbeitgeber habe immer viel verlangt, aber auch neue Wege ermöglicht. Schon nach zwei Jahren im Beruf: „Ich durfte die Ausbildung zur Fachschwester für Anästhesie und Intensivtherapie im Kindesalter absolvieren. Dort hingeschickt zu werden, war ein Traum.“

Im Geschwindschritt nimmt Oberschwester Ingrid die langen Krankenhausgänge, zieht vorbei an zwei jungen Kollegen und erwischt aus dem Augenwinkel eine entgegenkommende Bekannte, beginnt ein Gespräch. „Das war eine frühere Kollegin“, erklärt sie später. Es gehe ihr nicht so gut, wie das halt so sei, wenn man sich an einem solchen Ort begegnet. Ingrid Schultz` Credo als Chefin: „Diese Zeit muss sein. Die Zeit, zu fragen, wie es jemandem geht und zuzuhören. Das gilt nicht nur für Patienten, sondern auch für Mitarbeiter.“

Ob sie selbst viel gefragt worden ist? Schulterzucken. Sicher hatte auch sie mal Sorgen. „Aber ich war all die Jahre glücklich und stolz auf meine Arbeit, und ich habe nicht diskutiert.“ Nicht über freie Wochenenden, Überstunden, Zuständigkeiten. „Ich liebte meinen Beruf, wusste immer, was er bedeutet und habe nach vorn geschaut.“

Ein weiteres Mal 1981, als Ingrid Schultz begann, nebenberuflich an der medizinischen Fachschule zu studieren: Diplommedizinische Pädagogin, viereinhalb Jahre lang. Schon zuvor hatte sie als sogenannte Praxisanleiterin junge Kollegen in ihrer Ausbildung begleitet. Nun bildete sie künftige Schwestern und Pfleger aus, theoretisch im Klassen- und praktisch im Krankenzimmer.

Nicht viel diskutiert und gehandelt hat Ingrid Schultz auch, als zu ihrem Fächerkanon Marxismus-Leninismus hinzukommen sollte. „Das wollte ich nicht, das war nicht ich“, sagt die Tochter eines gebürtigen Hamburgers, der so sehr unter der deutsch-deutschen Grenze gelitten hat. Er lehrte seine Tochter, sich nicht zu verbiegen. Also gab Ingrid Schultz ihre Lehrertätigkeit auf und ging zurück in ihren geliebten Beruf, als Schwester auf der Früh- und Neugeborenen-Intensivstation.

Offiziell Oberschwester wurde Schwester Ingrid erst nach der Wende und leitete in den folgenden Jahren den Pflegedienst verschiedener Kliniken am Uniklinikum, zum Teil parallel. Zwischenzeitlich hatte sie Verantwortung für rund 400 Mitarbeiter . Qualifikation war mal wieder das Zauberwort dafür und bedeutete eine dreijährige Ausbildung zur Pflegemanagerin.

Wenn Ingrid Schultz im Oktober all ihre Aufgaben in die Hände ihrer Nachfolger übergeben haben wird, wird sie keine Enkel hüten. Eine eigene Familie hat sie nicht gegründet. „Aber wenn man mir sagen würde: Du darfst zwei Tage die Woche Babys baden, wäre das wunderbar.“ Ansonsten hat sie Pläne genug: „Ich möchte meine Wohnung renovieren, den Elberadweg abfahren, an den Baikalsee reisen – und als Dozentin arbeiten.“

Es wäre ja auch schade um all das Wissen und die Erfahrung dieses 47-jährigen Arbeitslebens. Einmal Oberschwester Ingrid, immer Oberschwester Ingrid.