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Samstag, 16.06.2018

Einigung unter Ehrenspielführern

Dynamo Dresdens Debatte über Tradition und Vergangenheit ist zum einen vorbei, geht andererseits jetzt vermutlich aber erst so richtig los.

Von Tino Meyer

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Die Fotos der Ehrenspielführer bleiben an der Tribünenwand des DDV-Stadions – und doch soll sich bei Dynamo der Umgang mit der Vergangenheit ändern.
Die Fotos der Ehrenspielführer bleiben an der Tribünenwand des DDV-Stadions – und doch soll sich bei Dynamo der Umgang mit der Vergangenheit ändern.

© Robert Michael

Die Nachricht kam spät, vor allem aber kam sie unerwartet. Eine Einigung im unerbittlich geführten und kontrovers diskutierten Ehrenspielführer-Streit bei Dynamo Dresden hatte für den Freitagabend keiner ernsthaft in Betracht gezogen. Doch auch da wusste der Verein zu überraschen.

Nach gut zweistündiger Sitzung gab Dynamos Ehrenrat, das fünfköpfige Gremium für besonders knifflige Angelegenheiten, eine schriftliche Erklärung ab. Auf einen Satz zusammengefasst: Der Konflikt um die von den Ehrenspielführern Dieter Riedel, Hans-Jürgen Kreische und Klaus Sammer angezweifelte Ehrenspielführerschaft von Eduard Geyer ist erst mal gelöst. Demnach verzichtet das Trio auf die Rückgabe des Ehrentitels, aber auch Geyer behält diesen – trotz seiner Stasi-Vergangenheit, die Riedel, Kreische und Sammer scharf kritisiert und wegen angeblich neuer Erkenntnisse mit Geyer gebrochen hatten. Dessen fußballerische Eignung zum Ehrenspielführer hatten sie ohnehin angezweifelt.

Nachdem sich dann aber Dynamos Präsident Andreas Ritter in einer Erklärung unmissverständlich hinter Geyer stellte, hatte das Trio endgültig beschlossen, nicht mehr Ehrenspielführer sein zu wollen. Ihre überlebensgroßen Fotos an der Tribünenwand des DDV-Stadions sollten bis zum Saisonstart entfernt werden. Nun aber bleibt alles beim Alten – und auch wieder nicht.

Möglich macht dies ein Kompromiss, dem eine Entschuldigung vorausgeht. Der Verein bedauere, „dass in der Vergangenheit eine ausreichende Aufarbeitung des DDR-Unrechts unterblieben ist“. Darauf hätten Riedel, Kreische und Sammer zu recht aufmerksam gemacht. Zudem entschuldige sich Dynamo bei dem Trio wie auch den weiteren Opfern von Bespitzelung und Denunziation für dieses Versäumnis. „Der Verein wird sich ab sofort um Aufklärung bemühen und begrüßt es, dass die Antragsteller als Zeitzeugen ihre Unterstützung zugesagt haben“, heißt es.

Abschließend, und dies war ein weiteres Anliegen des Trios, wird nun die Ernennung speziell von Gert Heidler zum Ehrenspielführer wohlwollend geprüft.

Die Vergangenheitsbewältigung geht nun also erst richtig los. Und das ist Riedel, Kreische und Sammer, wie sie in einer Erklärung zur Ehrenrats-Erklärung mitteilen, besonders wichtig. Für sie müsse neben erbrachten sportlichen Leistungen auch Persönlichkeitsmerkmale wie Moral und Charaktereigenschaften für die Auszeichnung als Ehrenspielführer bewertet werden. „Besonders die von uns genannte Person erfüllt aus unserer Sicht in keinster Weise dieses Profil, und es bedarf deshalb unverzüglich einer Klärung bzw. einer Bewertung“, betonen sie. Die Kriterien für den Titel Ehrenspielführer sollten deshalb von den Vereinsgremien überdacht werden.

Was das im Fall Geyer konkret bedeutet, wird weiter zu diskutieren sein.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 15 Kommentare

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  1. Oswin

    Fußballer bleib bei deinem Leisten. Bäppeln ist richtig und wichtig, nur dafür gibt es den Titel. Die drei Ehrenspielführer sollten sich auch mal an ihre Nase fassen, sie hatten doch auch systembedingte Vorteile. Oder irre ich mich da?

  2. Andres

    Bei jedem Heimspiel habe ich Stolz auf die Bilder der Ehrenspielführer geschaut. Zumindest das Gefühl des Stolzes wird so nicht mehr sein. Ich kenne die angeblichen Handlungen von Ede nur aus der Presse. Wenn es so war wie geschrieben, ist es für mich verwerflich, allerdings spätestens mit der Aufarbeitung vor vielen Jahren auch abgeschlossen. Noch verwerflicher finde ich das Verhalten des Trios um Hansi Kreische. Das die schmutzige Wäsche derart in der Öffentlichkeit gewaschen wird, schadet unserem Verein weitaus mehr und längerfristig. Die Frage ob dieses Handeln es verdient geehrt zu werden, habe ich für mich beantwortet.

  3. Oberlausitzer

    Dynamo ist und bleibt eben ein Stasiverein! Schade, dass die drei nicht den Arsch in der Hose hatten und das Ding durchgezogen haben!

  4. Immergruen94

    Nr 1 bringt es auf den Punkt. Nachtrezensionen nach 30 Jahren ist immer noch ein Foul. Jeder der vier hatte zu DDR Zeiten ihren Anteil am Erfolg von Dynamo und auch ihre Vorteile. Und später haben sie sehr unterschiedlich mitgewirkt an dem, was heute erreicht ist. Wer soll das wichten? Ich bin fùr alle vier aber auch für solche, die in den letzten 30 Jahren besonderes geleistet haben.

  5. Na endlich!

    Es hat lange gedauert, ehe die Vereinsführung der SGD verstanden hat, dass es ohne eine historische Aufarbeitung auch keinen Frieden mit der Geschichte und den Protagonisten in der DDR-Zeit geben kann. Provinziell und unprofessionell hat das Vereinpräsidium in diesem Streit gehandelt. Nun hat der Ehrenrat die einzig richtige Lösung gefunden. Die drei Kritiker von Geyer hatten die Größe, diese Aufarbeitung vor ihre persönliche Kritik an Geyer zu stellen. Damit tun sie dem aufgrund seiner Verstrickungen als Polizeiverein historisch belasteten Verein einen wichtigen Dienst. Das ist ihnen hoch anzurechnen. Nun muss sich aber die aktuelle Vereinsführung auch dieser Größe würdig erweisen und historische Aufklärung nicht nur hinsichtlich der Stasiverstrickungen, sondern auch hinsichtlich aller politischer Einflussnahmen durch Partei- und Staatsapparat von 1953-1989 ermöglichen. Ob das derzeitige Präsidium insgesamt für solche Prozesse das geeignete Format hat, darf bezweifelt werden.

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