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Freitag, 16.02.2018

Einfach einsteigen

Bus und Bahn kostenlos – das ist nicht neu. Doch die Umsetzung dauert. Eine Kleinstadt in Brandenburg hat es probiert.

Von Burkhard Fraune und Nils Jewko

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Freie Bahn-Fahrt für freie Bürger: Nach dem überraschenden Vorstoß der Bundesregierung, kostenlosen Nahverkehr zu ermöglichen, wird über dessen Realisierbarkeit gestritten. Klar ist zumindest, schnell wird es nicht gehen.
Freie Bahn-Fahrt für freie Bürger: Nach dem überraschenden Vorstoß der Bundesregierung, kostenlosen Nahverkehr zu ermöglichen, wird über dessen Realisierbarkeit gestritten. Klar ist zumindest, schnell wird es nicht gehen.

© dpa

Fahrscheinloser Busverkehr? Für Detlef Tabbert ist das nichts Neues. „Haben wir seit über 20 Jahren, die Kanzlerin kennt es von hier.“ Tabbert ist Bürgermeister im brandenburgischen Templin, bekannt für seine Stadtmauer und das nahe Wochenendhaus Angela Merkels, die in Templin aufwuchs. Nun hat die Bundesregierung mit ihrem Vorstoß überrascht, kostenlosen Nahverkehr zu ermöglichen.

Templin liegt 80 Kilometer von Berlin entfernt. Es gibt dort Wälder, Seen und Kopfsteinpflaster, über das ein paar Stadtbusse fahren – in die lange kaum einer einstieg. So lange, bis 1997 die Stadt die Kosten für den Bus übernahm und Fahrkarten abschaffte. Ziel: weniger Lärm und Dreck, mehr Kurgäste. Schon vier Jahre später stiegen 15-mal so viele Menschen in den Bus.

Dass sich das Kleinstadt-Beispiel bundesweit wiederholen ließe, ist momentan zwar illusorisch. Doch der Bund will mit Ländern, Kreisen und Städten über Modelle nachdenken, Bus- und Bahnfahrten im Nahverkehr zumindest zeitweise kostenlos anzubieten, damit die Leute ihre Autos stehen lassen. Doch schon jetzt sind in vielen Städten gerade im Berufsverkehr Busse und Bahnen rappelvoll, wie die Verkehrsunternehmen beklagen. „Ein kurzfristiger, sprunghafter Fahrgastanstieg würde die vorhandenen Systeme vollständig überlasten“, warnt Jürgen Fenske, Chef der Kölner Verkehrsbetriebe und Präsident des Branchenverbands VDV.

Zusätzliche Trams und U-Bahnen zu bekommen, dauert wegen Ausschreibungen, Entwicklung und Genehmigung Jahre – ebenso der Bau möglicher neuer Strecken. Neue Busse sind schneller zu haben, solange sie nicht einen Elektroantrieb haben sollen. E-Busse sind noch in der Erprobung. Die Berliner Verkehrsbetriebe etwa wollen nach langen Tests erst in diesem Jahr die erste E-Busse anschaffen.

Und soll die Gratis-Fahrt nur in den Städten mit hoher Schadstoffbelastung kommen? Das wäre den Verbrauchern kaum vermittelbar, warnt der Autofahrerclub ADAC. Notwendig seien einfache, günstige Tarife und ein zuverlässiger Fahrplan in Stadt und Land. So würden Busse und Bahnen zur Alternative für Pendler. Der neue Nahverkehr wäre im Wortsinn auch nicht kostenlos. Fahrzeuge, Fahrer und Betriebe müssten ja trotzdem bezahlt werden. Schon jetzt wird nach Branchenangaben jede Fahrt zu etwa einem Viertel aus Steuergeld subventioniert. Und schon heute fehle Geld, um die steigenden Fahrgastzahlen zu bewältigen.

Die Folge: Ausfälle, Verspätungen und überfüllte Fahrzeuge, wie auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft kritisiert. „Das ermuntert niemanden, das Auto stehen zu lassen, selbst wenn die Fahrt mit dem Nahverkehr nichts kostet“, kritisiert der Vorsitzende Alexander Kirchner.

Längst kursieren deshalb auch Modelle, Gratis-Fahrten schrittweise einzuführen, zunächst außerhalb der Stoßzeiten und erst dann ganztägig, wenn es genug Fahrzeuge gibt. „Noch stärker überfüllte Busse und Bahnen zu den Spitzenzeiten würden bei den Kunden zu unglaublicher Frustration führen“, sagt Bastian Chlond vom Karlsruher Institut für Verkehrswesen.

Erstattet der Staat die Fahrpreise vollständig, wären laut Branchenverband VDV zwölf Milliarden Euro jährlich nötig. Zum Vergleich: Die gesamten Verkehrsinvestitionen im Bundeshaushalt 2018 liegen bei gut 14 Milliarden Euro. Es müsste an anderer Stelle gekürzt werden.

Doch wäre es überhaupt gerecht, wenn jeder über seine Steuern Busse und Bahnen mitfinanziert, die er gar nicht nutzt? Wie bei Zwangsabgaben, wie dem Rundfunkbeitrag oder der Ökostrom-Umlage, dürften Kritiker diese Frage auch beim Gratis-ÖPNV aufwerfen. Der Staat finanziert mit Steuern jedoch tagtäglich Leistungen, die er gesamtgesellschaftlich für wichtig hält, auch wenn nicht jeder sie in Anspruch nimmt – Schulen, Opern, Weltraumforschung. Befürworter des fahrscheinlosen Nahverkehrs argumentieren zudem, dass Haushalte unterm Strich sparen – sofern sie ihr Auto abschaffen und in die Öffis umsteigen.

In Templin liegen diese Debatten lange zurück. Zwar ist seit 2002 Schluss mit der Kostenfreiheit. Es bleibt aber sehr billig: Für 44 Euro im Jahr gibt’s freie Fahrt. 150 000 Euro schießt die Gemeinde jährlich zu. Bürgermeister Detlef Tabbert kann sich dennoch über einen ausgeglichenen Haushalt freuen. „Die Vorteile überwiegen: 20 Prozent weniger Autos, weniger Unfälle, mehr Lebensqualität.“ (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Michaela M.

    Ein kostenloser Nahverkehr wäre gut. So würden mehr Leute interkulturelle Erfahrungen machen und demenstprechend wählen. Meine Kinder liegen mir am Herzen...die lass ich mal lieber nicht mit Bus und Bahn in Großstädten fahren. Weil die Bus und Bahnfahrer sind ja nicht gerade dafür Bekannt besonders wehrhaft zu sein. Und so kommt es eben wöchentlich zu übergriffen. Letzte Woche erst in Chemnitz...und Wochenende kommt ja noch. Man spreche mal mit einem Busfahrer zur realen Lage.

  2. Robert

    @ Michaela M., #1: Sie schreiben wirres Zeug. Zuerst befürworten Sie den ÖPNV, um kurz danach vor ihm zu warnen, indem Sie Ihre Kinder nicht damit fahren lassen würden. Weshalb müssen die Bus- und Bahnfahrer wehrhaft sein? Reicht es nicht aus, dass sie einen mit einer halbwegs erträglichen Laune pünktlich von A nach B bringen? Anstatt Ihre kruden Theorien zum Besten zu geben, hätten Sie einfach schreiben können, dass Sie weiterhin mit dem Auto fahren. Oder aber besser noch geschwiegen.

  3. Steinhardt

    Na klar ist so was teuer, auch nicht unbedingt ökonomisch erklärbar, aber für jeden anderen Mist hat die Regierung sofort Milliarden zur Hand und da fragt man sich schon: Was soll das Gejammer von den Millionen ? Mir würde es schon reichen, wenn der Ticketpreis halbiert würde.

  4. Willi

    Wer klar denken kann ,kann sich vorstellen,daß sowas garnicht möglich ist meine Stadt hat aus den ÖPNV 14,9 Millionen Einnahmen per anno ,wie soll sie darauf verzichten.wenn der kostenlos ÖPNV eingeführt wird dan zahlen auch die ,die übehaupt nicht mitfahren,schlimmstenfals durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer

  5. xy

    Ich fände das gut, aber was ich kritisch sehe ist, das dann noch mehr Leute mitfahren, die sich nicht benehmen können.... Wenn kostenloser ÖPNV kommt, dann sollte die Einhaltung der VVO-Beförderungsbedingungen scharf kontrolliert und bei Verstößen harte Sanktionen ausgesprochen werden.

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