erweiterte Suche
Montag, 14.05.2018

„Eines Tages werden Sie sterben“

Eine junge Frau aus Straßburg starb, nachdem sie versucht hatte, von einem Notdienst Hilfe zu erhalten. Dort war sie aber harsch abgewiesen worden.

Von Birgit Holzer, SZ-Korrespondentin in Paris

Angehörige von Naomi Musenga haben Klage eingereicht – aber nicht nur gegen die Telefonistin. Ihnen scheint das gesamte Notrufsystem reformbedürftig.
Angehörige von Naomi Musenga haben Klage eingereicht – aber nicht nur gegen die Telefonistin. Ihnen scheint das gesamte Notrufsystem reformbedürftig.

© AFP/Frederic Florin

In den letzten Stunden ihres Lebens erhielt Naomi Musenga keine Hilfe – sondern erntete Häme. Die 22-Jährige, die am 29.  Dezember in einem Krankenhaus in Straßburg starb, hatte zuvor unter heftigen Schmerzen einen Notfall-Dienst angerufen. Groß ist die Empörung in Frankreich, seit nun die Aufnahme des Gesprächs auf der Internet-Seite eines Regionalmagazins veröffentlicht wurde. „Hallo? Helfen Sie mir ...“, hauchte Naomi Musenga in den Hörer. „Gut, also wenn Sie mir nicht sagen, was los ist, lege ich auf, ja??“, erwiderte die Telefonistin. „Ich habe, ich habe, Madame, ich habe große Schmerzen im Bauch ...“, antwortete Naomi Musenga.

Sie solle doch besser einen anderen Ärzte-Notdienst namens SOS Médecins anrufen, empfahl ihr daraufhin die Servicekraft. „Ich kann nicht – ich werde sterben“, brachte die junge Frau nur noch heraus. Die Antwort darauf regt nun ganz Frankreich auf: „In der Tat – eines Tages werden sie sterben. So wie jeder Mensch“, lautete die ruppige Aussage der Frau am Telefon. „Ich kann Ihnen nicht helfen, ich weiß ja nicht, was Sie haben.“ Damit war das Telefonat für sie beendet.

Stunden später gelang es Naomi Musenga doch noch, den Ärzte-Dienst SOS Médecins zu erreichen. Der ließ sie ins Krankenhaus einliefern, wo sie kurz darauf jedoch an mehrfachem Organversagen verstarb. Die Autopsie der Toten wurde dann allerdings erst fünf Tage später durchgeführt, als sich ihr Körper bereits in einem fortgeschrittenen Zustand der Verwesung befand. Warum das so lange dauerte, ist nur eine der vielen ungeklärten Umstände der traurigen Geschichte.

Was genau den Tod der alleinerziehenden jungen Mutter einer einjährigen Tochter verursacht hat – und ob die zuständige, aber offenbar lustlose und gefühlskalte Servicekraft eine Mitverantwortung daran trägt – soll nun eine Untersuchung ergeben. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung, und das ganze Land diskutiert den Fall empört.

Die Familie Musenga hat Klage eingereicht, will aber ihrem Anwalt zufolge „nicht alleine und ausschließlich die Telefonistin belasten“. Die Gesprächsaufzeichnung belaste die Familie allerdings sehr, sagte ihre Schwester, Louange Musanga. „Jedes Mal, wenn wir es anhörten, hatten wir den Eindruck, Naomi ein zweites Mal sterben zu hören.“ Inzwischen hat auch Gesundheitsministerin Agnès Buzyn pflichtgemäß ihre Empörung über den Vorfall zum Ausdruck gebracht und vollständige Aufklärung versprochen.

Handelte es sich wirklich nur um den Fehler einer Einzelperson – oder liegt der auch im System? Für den Vize-Präsidenten der Nationalvereinigung der Feuerwehrleute Frankreichs, Patrick Hertgen, handelte es sich in erster Linie um das Versagen der Telefonistin. Dennoch fordert er eine bessere Koordination der verschiedenen Notdienststellen, „damit sich so ein Drama nicht nochmals ereignet“.

Die zuständige Telefonistin, eine Notdienst-Mitarbeiterin mit langjähriger Erfahrung, die vorerst vom Dienst suspendiert wurde, hat sich inzwischen anonym in den Medien geäußert. Sie stehe in ihrem Job unter großem Druck, hätte manchmal 2 000 oder 3 000 Anrufe am Tag entgegenzunehmen, rechtfertigte sie sich. Derzeit lebe sie eingesperrt zu Hause: „Ich glaube, wenn die Leute mein Gesicht und meinen Namen kennen würden, wäre ich heute nicht mehr auf dieser Welt.“ Tatsächlich kam es in den vergangenen Tagen zu mehreren Droh-Anrufen bei der betroffenen Notdienst-Stelle. Ein von dem Fall eigentlich gar nicht betroffener Mitarbeiter hat inzwischen selbst Klage gegen einen Anrufer eingereicht.

Am morgigen Mittwoch organisiert ein Zusammenschluss von Bürgern einen Trauermarsch in Straßburg: „Gerechtigkeit für Naomi“ fordert er. Was immer die Organisatoren damit meinen mögen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.