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Donnerstag, 13.09.2018

Eine Kindheit zwischen Kellerversteck und Kanalisation

Als Einzige ihrer Familie hat Krystyna Budnicka das Warschauer Ghetto überlebt. Darüber berichtet sie in einem Projekt vor Nieskyer Schülern.

Von Steffen Gerhardt

Krystyna Budnicka (86) berichtet vor Nieskyer Berufsschülern über ihr Leben im Warschauer Ghetto. „Das hat mir meine Kindheit genommen“, sagt sie.
Krystyna Budnicka (86) berichtet vor Nieskyer Berufsschülern über ihr Leben im Warschauer Ghetto. „Das hat mir meine Kindheit genommen“, sagt sie.

© Jochim Rehle

Niesky. Viele Jahre konnte sie nicht darüber reden, aber nun ist es ihr ein Bedürfnis zu erzählen, wie sie ihre Kindheit im Warschauer Ghetto erlebt, besser verloren hat. Sie war sieben Jahre alt, als der Krieg begann. Das sagt Krystyna Budnicka vor jungen Menschen, die in Niesky eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen. Die Polin ist zu Gast in der Medizinischen Berufsfachschule im Haus Plitt.

Die Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Warschauer Ghetto haben viele der Berufsschüler vor ihrem geistigen Auge. Vor allem das von dem Jungen mit der Mütze, der mit erhobenen Armen ängstlich um sich schaut. Krystyna Budnicka zeigt sie an diesem Vormittag ebenfalls, denn sie war zu dieser Zeit fast so alt wie der Junge auf dem Foto. Die heute 86-Jährige ist das achte und jüngste Kind einer Tischlerfamilie in Warschau. Sie hat das Ghetto von Anfang bis Ende erlebt – und wie durch ein Wunder überlebt. „Das war nur möglich, weil wir uns in Verstecken aufhielten. Wie in dem im Keller des Hauses selbst gebauten Bunker. Wenn Gefahr drohte, flüchteten wir in die Kanalisation“, erzählt sie. Mit „wir“ meint sie ihre Eltern, ihre Schwester und die sechs Brüder. Sie waren eine jüdische Familie, die ausgerottet werden sollte. „Bis auf mich zierliches Mädchen haben das die Nazis auch geschafft“, sagt sie bitter. Zumal einer ihrer Brüder erst kurz vor dem Ende des Krieges durch Verrat eines Nachbarn sinnlos erschossen wurde. Als Warschau brannte, hat sie bei der Flucht aus der Kanalisation ihre Eltern verloren. „Sie waren vom Hunger zu schwach, um uns zu folgen und blieben zurück. Seitdem habe ich sie nie wiedergesehen, es gibt auch kein Grab von ihnen“, berichtet sie.

Der Hunger, die Gewalt, die ewige Dunkelheit und der Verlust der Familie – das sind schreckliche Erlebnisse, die man nicht vergisst, sagt sie. „Aber was einen genauso schmerzt, ist, wenn einem die Würde als Mensch genommen wird.“ Dabei meint Krystyna Budnicka nicht nur das Tragen des David-Sterns im Warschauer Ghetto, sondern auch die Entwicklungen in der Gegenwart. Und so fragt sie die Jugendlichen: „Wer hat das Recht einzuschätzen, wer als Mensch leben darf und wer nicht?“

Nach Kriegsende kam Krystyna Budnicka als Waise in ein Kinderheim in Warschau. Dort holte sie die Schule nach, studierte Pädagogik, um 30 Jahre in einer Spezialschule mit Kindern zu arbeiten. Eine Familie hat sie nie gegründet. Sie wohnt noch heute in Warschau. Darüber hinaus engagiert sich Krystyna Budnicka in dem 2006 in Sachsen aufgelegten Projekt „Demokratieerziehung durch Zeitzeugenbefragung“ und berichtet an Schulen und Einrichtungen über ihre Zeit im Warschauer Ghetto. Dafür ist sie auch nach Niesky gereist. Zudem hält sie oft in Warschau ihren Vortrag und reist dafür auch bis nach Israel.