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Dienstag, 28.01.2014

„Ein trauriger Tag für Rotkäppchen“

Es herrscht wieder Ruhe in den schwedischen Wolfsrudeln, denn die heimischen Jäger mussten die Jagd auf das Raubtier abblasen. Tierschützer kamen der EU zuvor.

Von André Anwar, SZ-Korrespondent in Stockholm

In den schwedischen Wäldern dürfen die Wölfe auch weiterhin unbehelligt ihre Kreise ziehen.
In den schwedischen Wäldern dürfen die Wölfe auch weiterhin unbehelligt ihre Kreise ziehen.

© dpa

Schweden sind Jäger. Den Prototypen dieser skandinavischen Spezies verkörpert gerade der prominenteste Protagonist des Königreichs in einem Werbespot: Zlatan Ibrahimovic. Im Auftrag von Volvo stählt der Fußballstar seinen Körper in der Wildnis, badet im Eis und jagt im winterlichen Tarnlook mit seiner Präzisions-Flinte einen Hirsch. Keinen Wolf wohlgemerkt.

Das Raubtier nämlich ist auch in Schweden ein Thema von höchster politischer Brisanz. Besonders seit die bürgerliche Regierung zum Amtsantritt vor vier Jahren ein der jagdaffinen Landbevölkerung geschuldetes Wahlversprechen einlöste: Das seit 1965 bestehende Wolfsjagdverbot wurde aufgehoben. Angeblich soll diese Entscheidung den Konservativen zu der hauchdünnen Mehrheit verholfen haben, heißt es.

Mit dem Finger am Abzug wollten die Jäger nun ihrer Passion nachgehen, doch die Justiz verhinderte – wie in jedem Jahr – das Heil der Waidmänner: Das Stockholmer Verwaltungsgericht hat die für die erste Februarhälfte geplante Lizenzjagd auf 30 Wölfe in Värmland, Örebro und Dalarna vorerst gestoppt. Damit gab das Gericht zum wiederholten Mal einer Klage von Umwelt- und Tierschutzorganisationen recht.

Die hatten unter anderem darauf verwiesen, dass die EU-Kommission Schweden schon mehrmals damit gedroht habe, das Land wegen des Verstoßes gegen die EU-Artenschutzrichtlinien zu verklagen. Auch wiesen die Kläger darauf hin, dass Wölfe in Schweden im vergangenen Jahr friedlich geblieben sind und insgesamt nur rund 20 Schafe gerissen hatten.

„Ein trauriger Tag für Rotkäppchen“, kommentierten enttäuschte Jäger den bitteren Rückschlag für die bürgerliche Vierparteien-Regierung und stellten die Büchsen wieder in den Schrank. Dabei hatte das Umwelt-Ministerium errechnet, dass ein Bestand von 170 bis 270 Tieren völlig genügen würde, um das Überleben der einst vom Aussterben bedrohten Tiere im Königreich zu sichern.

Derzeit sollen in Schweden zwischen 350 und 400 Wölfe in den Wäldern leben. Doch etliche sind aus dem Norden in südlichere Gefilde gewandert und nähern sich damit den Lebensräumen der Menschen. Nach dem ursprünglichen Plan sollten im Februar nur Tiere abgeschossen werden, die wegen fortlaufenden Inzests die Gesundheit der Art gefährden würden. Zum Ausgleich für die Abschüsse bot die Regierung an, rund 20 Wölfe aus Finnland und Russland zu importieren, um den Gen-Pool der heimischen Tiere aufzufrischen

Obwohl heutzutage schon schwedische Grundschüler darüber aufgeklärt werden, dass Wölfe menschenscheue, vom Aussterben bedrohte Wesen sind, lebt ihr schlechter Ruf hartnäckig fort. Dabei hatte es seit 1820 keine menschlichen Opfer mehr gegeben. Bis 2012 eine Tierparkpflegerin von Wölfen getötet wurde.

Nachdem zum Auftakt 2010 12.000 registrierte Jäger gegen 27 Wölfe ausrückten, hatten Gerichte in den Folgejahren die Jagd immer wieder gestoppt. Auch im vergangenen Jahr wurde die Wolfsjagd deswegen abgeblasen. Allerdings hat Stockholm Mitte 2013 die Richtlinien zur Notwehr-Erschießung von Wölfen beim Angriff auf Zuchttiere und Hunde deutlich gelockert. Das hat alleine dazu geführt, dass mit zwölf Wölfen in der zweiten Hälfte 2013 dreimal so viele Exemplare erlegt worden, wie im gesamten Vorjahr. Damit wolle Stockholm die EU-Richtlinien unterwandern, kritisieren Umweltschützer.

Der Disput zum Umgang mit den Raubtieren entzweit mittlerweile auch Städter und Landbevölkerung. Die sicheren Städter propagieren den vorbehaltlosen Schutz, die Ländler ihr Recht auf Selbstverteidigung. Und Volvo? Die schicken als jagende Integrationsfigur Zlatan Ibrahimovic in den Wald, den Leitwolf der Fußballnation.