erweiterte Suche
Samstag, 27.06.2009

Ein „Saukerl“ von Mann

Von Rita Neubauer, Los Angeles

Rette sich, wer kann! Nach Ali G und Borat legt Sacha Baron Cohen (37) nun mit Brüno nach. Brüno, ein schwuler Moderedakteur aus Österreich, klingt wie Schwarzenegger, kleidet sich wie Peter Pan und ist auch sonst eine Provokation. Damit die auch wirklich ankommt, schickt Cohen die Figur auf Reisen, bevor sie im Juli in die Kinos kommt. In Madrid erschien er im Stierkostüm, in London führte er ein Regiment von Hotpant-Gardisten an. Und in Berlin sorgte Cohen alias Brüno am vergangenen Sonntag im fleischfarbenen Wollanzug mit aufgenähten Genitalien für Drängeleien vor dem Brandenburger Tor.

Ob er Adolf Hitlers „Mein Kampf“ als Modebibel bezeichnet oder sich über Madonnas Adoptionsversuche („kleine schwarze Mädchen gehören seit Neuestem zum Accessoire“) lustig macht, jeder kriegt beim Provo-Komiker sein Fett ab.

Nun hat ihn eine Amerikanerin verklagt – wegen „lebensverändernder Verletzungen“, wie der Anwalt von Richelle Olson angibt. Olson wirft Baron Cohen und seinem Kamerateam vor, sie vor zwei Jahren bei einem Dreh in ein Handgemenge verwickelt zu haben. Sie sei gestürzt, habe Gehirnverletzungen davongetragen und müsse nun Stock und Rollstuhl benutzen.

Lächerlich, sagen Cohens Anwälte und die Universal Studios. Kolportierte 25000 Dollar (knapp 18000 Euro) Schmerzensgeld, die Olson angeblich fordert, wären allerdings eine kleine Summe im klagefreudigen Amerika.

Unter der Gürtellinie

Es ist nicht die erste Klage. Bereits 2006 zogen Statisten aus „Borat“ vor Gericht, da sie sich gedemütigt fühlten. Auch Kasachstan, das Cohen im selben Film als hinterwäldlerischen Kommunistenstaat vorführt, fühlte sich düpiert. Der Botschafter in Großbritannien titulierte Cohen als „Saukerl“.

Was damals für eine Menge Öffentlichkeit sorgte, soll auch dieses Mal funktionieren. Provokationen und Klagen sind Bestandteile von Cohens Marketingstrategie. Bei der Verleihung der MTV Movie Awards 2009 Anfang des Monats platzierte er als zerzauster Engel sein nacktes Hinterteil vorm Gesicht von Bösbuben-Rapper Eminem. Der stürmte mit Leichenbittermiene aus der Veranstaltung. Die Po-Landung war ein abgekartetes Spiel. Natürlich.

Unter die Gürtellinie des Geschmacks geht auch der brachiale Humor des Films. Brüno arbeitet als Model und als Reporter beim fiktiven Österreichischen Jugendrundfunk ORJF. Der krachhumorige Protagonist reist ins konservativen Arkansas und lädt die schwulenfeindlichen Bevölkerung zum Käfigkampf mit heißen Girls ein – die sich als knutschende Männer mit Muckis enttarnen. In Berlin erntet er mit seinem Geschmack Buhrufe in einem Klub.

So eloquent Baron Cohens Alter Egos, so maulfaul der Schauspieler selbst. Er gibt selten Interviews und lebt zurückgezogen mit seiner australischen Freundin Isla Fisher und Tochter Olive in Los Angeles lebt. Wer ihn kennt, beschreibt ihn als liebenswerten, intelligenten und wider Erwarten sensiblen Menschen, der in einer jüdischen Familie in London aufwuchs, Mutter Tanzlehrerin, Vater Anzugsverkäufer am Piccadilly Circus. Amateurtheater und ein Talent für Selbstdarstellung durchkreuzten jedoch den Wunsch der Eltern, den jüngsten von drei Söhnen zum Akademiker zu machen. Seine Karriere hob aber erst richtig als „Ali G“ ab, als der überdrehte Schauspieler nichtsahnende Promis und Politiker wie Donald Trump und John McCain mit vermeintlichen Interviews in die Falle lockte.

Stellenweise beleidigend

Den Rummel von allen Seiten liebt Baron Cohen bis heute. Zwar wolle „Brüno“ die Schwulenfeindlichkeit der Lächerlichkeit preisgeben, heißt es. Allerdings bekommen auch die Schwulen ihr Fett weg. Erste Verbände reagieren unzufrieden. Rashad Robinson von der „Gay and Lesbian Alliance Against Defamation“ etwa sagte: „Sein gut gemeinter Versuch einer Satire ist an vielen Stellen problematisch, an anderen beleidigend.“

Cohen dürfte das wegstecken. Problematischer könnten die Gegenstimmen sein. „Ich glaube, von allen Minderheiten-Gruppen können Homosexuelle am meisten über sich lachen“, zitiert etwa die österreichische Zeitung „Die Presse“ eine Aktivistin. Lachen über sich selbst? Dies könnte gefährlich sein, für ein Konzept, das auf die Empörung Betroffener setzt.