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Donnerstag, 11.10.2018

Ein paar Scherben Hoffnung

Im Zaatari-Flüchtlingscamp in Jordanien versuchen Deutsche und Einheimische, einigen Jugendlichen eine Perspektive aufzuzeigen.

Von Frank Nordhausen

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Das Flüchtlingslager Zaatari an der jordanisch-syrischen Grenze beherbergt seit vielen Jahren rund 80000 Menschen, die aus Syrien fliehen mussten.
Das Flüchtlingslager Zaatari an der jordanisch-syrischen Grenze beherbergt seit vielen Jahren rund 80 000 Menschen, die aus Syrien fliehen mussten.

© Frank Nordhausen

  • Das Flüchtlingslager Zaatari an der jordanisch-syrischen Grenze beherbergt seit vielen Jahren rund 80000 Menschen, die aus Syrien fliehen mussten.
    Das Flüchtlingslager Zaatari an der jordanisch-syrischen Grenze beherbergt seit vielen Jahren rund 80 000 Menschen, die aus Syrien fliehen mussten.
  • Thomas Weber, Archäologe aus Mainz, lebt seit vier Jahrzehnten als Forscher im Nahen Osten. Das Kinderprojekt im Lager Zaatari war eine Idee des 64-Jährigen.
    Thomas Weber, Archäologe aus Mainz, lebt seit vier Jahrzehnten als Forscher im Nahen Osten. Das Kinderprojekt im Lager Zaatari war eine Idee des 64-Jährigen.

Die kleine Safa rutscht aufgeregt auf ihrem Stuhl herum und wartet auf ihren großen Moment. Endlich wird sie aufgerufen und darf nach vorn vor die große Leinwand in der Baracke treten, um ihr Zeugnis entgegenzunehmen. „Safa hat mit Erfolg an dem kulturellen Kurs teilgenommen“, steht darin. Überglücklich steht die Zwölfjährige mit dem hellblauen Kopftuch vor den fremden Menschen aus Deutschland, die an diesem Tag Ende September in das riesige Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien gekommen sind, um die Urkunden an 30 Mädchen und 30 Jungen zu verteilen. Die meisten Kinder haben ihre Mütter mitgebracht. „Ich freue mich so“, sagt Safa, „das ist der schönste Tag meines Lebens!“

Drückend heiß ist es in dem hellen zeltartigen Raum, große Standventilatoren brausen gegen die Wüstenglut an. Auch für die Delegation aus Deutschland ist dies ein Tag zum Feiern. Denn das deutsche Projekt in Zaatari ist einzigartig in Jordanien und der ganzen Welt. Bereits zum zehnten Mal können die Kursleiter und Sponsoren eine Gruppe syrischer Flüchtlingskinder und ihrer jordanischen Freunde auszeichnen – bisher aus Dörfern der Umgebung, jetzt zum ersten Mal auch aus dem Zaatari-Camp, das 80 000 Menschen beherbergt und nahe der syrischen Grenze liegt.

Es gehe darum, „den Kindern ein Gefühl für die Gemeinsamkeit der Kultur zu vermitteln“, sagt der Mann, der das Projekt maßgeblich auf die Beine gestellt hat. Thomas Weber, Archäologe aus Mainz, 64 Jahre alt, mit Strohhut, sonnenverbrannter Haut und zupackender Art. Seit vier Jahrzehnten lebt der Forscher im Nahen Osten, spezialisiert auf Ausgrabungen in Syrien, Jordanien und dem Libanon. Wenn es in Zaatari ein drängendes Problem neben der Armut, dem Wasser- und Arbeitsmangel gebe, dann sei es die allgemeine Perspektivlosigkeit, sagt Weber. „Dagegen wollte ich etwas tun.“

Seine Idee war es, die Archäologie zu nutzen, um den Heranwachsenden die eigene Geschichte „und letztlich eine Perspektive im Leben nahezubringen“. In der trockenen Wüstenregion um das Flüchtlingslager liegen einige der wichtigsten archäologischen Fundstellen Jordaniens. Die Nabatäer waren hier, die Römer, Griechen und Byzantiner, die Umayyaden und Abbasiden. Sie alle haben ihre Spuren in der Erde hinterlassen.

In der Düsseldorfer Gerda-Henkel-Stiftung, die sich seit Jahren der Förderung der Archäologie widmet, hat Weber einen kongenialen Partner gefunden. Die Stiftung wollte sich 2015 in Jordanien in einem sozialen Projekt mit Flüchtlingen engagieren und hatte den Fachmann um Vorschläge gebeten. Weber traf sich mit syrischen und jordanischen Akademikern, entwickelte die Projektidee und setzte sie mit der Hilfe einer lokalen Frauenkooperative in die Tat um. „Das ging ratzfatz“, sagt er grinsend. „Zehn Tage, nachdem wir drüber gesprochen hatten, haben wir im Oktober 2015 bereits die erste Kindergruppe betreut. Und zwar so erfolgreich, dass wir sofort weitermachten.“

Rund 500 000 Euro hat die Stiftung in das Programm gesteckt und es soeben für zwei weitere Jahre verlängert. Als zusätzlicher Partner konnte Webers derzeitiger Arbeitgeber gewonnen werden, die renommierte Deutsch-Jordanische Universität in der Hauptstadt Amman.

Mit den Kindern sprechen Weber und seine Kollegen zuerst über die barbarische Verwüstung unersetzlicher archäologischer Stätten in Palmyra oder Mossul durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). „Wir machen den Kindern klar, dass Baudenkmäler nicht von religiösen Maximen und Propaganda abhängen und daher erhaltenswert sind“, sagt er. Dann gehen sie mit ihnen nach draußen. Weber, sein junger jordanischer Forscherkollege Muafak Hasar, die deutsche Soziologin Christine Huth-Hildebrandt und weitere lokale Mitarbeiter haben vier Monate lang dreimal pro Woche Kinder aus dem Lager und nahegelegenen jordanischen Dörfern mitgenommen auf eine Reise in eine vergangene Zeit, von der viele noch nie gehört hatten.

Umm al-Jimal, „Mutter der Kamele“, ehemaliger Ausgangspunkt von Kamel-Karawanen durch die Wüste Richtung Damaskus, ist eine der wertvollsten Ausgrabungsstätten der Region. Nur fünf Auto-Minuten vom Zaatari-Camp entfernt erstrecken sich Ruinen aus schwarzem Basalt bis zum Horizont – eine komplette Stadt aus der Zeit um Christi Geburt. Hier haben Weber und seine Kollegen den Kindern die Bedeutung uralter Inschriften erklärt, haben sie Hausfassaden abzeichnen, töpfern, Papier schöpfen und Mosaiken legen lassen. „Wir machen sie vertraut mit den Denkmälern ihrer Heimat, deren Entstehungsgeschichte und Techniken“, sagt Weber.

Ein weiterer Höhepunkt des Kurses ist eine Pseudo-Ausgrabung. Dafür zerschlagen die Lehrer Keramik und vergraben sie, vermischt mit Münzen, Skarabäen und anderen Pfennigartikeln, in einem Feld. „Die Kinder können dann alles ausgraben, sammeln, die Münzen bestimmen, die Keramiken wieder zusammensetzen und herausfinden, wofür die Gefäße benutzt wurden. Das macht ihnen großen Spaß.“

Zuletzt werden die Kinder mit einem bestimmten Gegenstand besonders vertraut gemacht. „Die Klasse bekommt ein Denkmal in Umm el-Jimal als Patronat: eine Inschrift, eine Wasserleitung, ein Haus. Wir sagen ihnen, das bleibt euer ganzes Leben lang euer Eigentum. Der Sinn ist, dass sie es ihr Leben lang vor Vandalismus beschützen. Die Einheimischen haben nämlich keine Bindung an die Altertümer. Das wollen wir ändern, indem wir die Kinder mannigfaltig mit dem Ort verknüpfen.“

Und – funktioniert die Verbindung? Weber lacht. „Das wird sich in 20 Jahren zeigen. Aber schauen Sie sich um, wie sauber es hier ist.“ Tatsächlich: Während in Jordanien sonst sogar in der leeren Wüste massenhaft Plastiktüten treiben, ist auf dem Ruinenfeld kaum Abfall zu sehen. „Bevor es den Kurs gab, war Umm el-Jimal wie eine Müllkippe. Anfangs haben wir den Kindern Müllsäcke in die Hand gedrückt und sie zum Aufsammeln angehalten – seither sammeln sie von selbst.“

Webers jordanischer Kollege Muafak Hasar ist in Umm el-Jimal aufgewachsen und hat dort als Kind seine Liebe zur verschütteten Kultur der Heimat entdeckt. Im Zaatari-Camp ergreift der korpulente Mittvierziger im T-Shirt der Gerda-Henkel-Stiftung jetzt das Wort. „Wir sprechen hier über eine 3 000 Jahre alte gemeinsame Geschichte dies- und jenseits der Grenze“, sagt er. „Dieses Erbe wollen wir den Kindern nahebringen.“

Das Zaatari-Camp, das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt, wirkt von außen wie eine Festung, mehrfach umzäunt, die Einfahrt bewacht von einem Schützenpanzer. Es entstand im Juli 2012 praktisch über Nacht mitten in der Wüste. Als die Gewalt in Syrien kein Ende nahm, wurde das Provisorium nach und nach zum Dauerzustand unter der Verwaltung des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Von Anfang an war klar, dass das größte Problem Zaataris die hohe Zahl der hier lebenden Kinder ist. Rund 55 Prozent der Bewohner sind jünger als 24 Jahre, jeden Monat werden mehr als 100 Babys geboren. „Viele dieser Kinder kennen nur das Lager“, sagt Thomas Weber, „an diesem Punkt setzen wir an und zeigen ihnen etwas von der Welt.“

Im Gebiet zwischen Jordanien und Syrien kamen Weltreiche und vergingen wieder, wurden Grenzen mitunter willkürlich und am Reißbrett gezogen. Die Menschen haben dieselbe Vergangenheit, sie teilen dieselbe Kultur. „Aber sie wissen es nicht. Perser, Griechen, Römer, Byzantiner – alles, was vor dem ‚hellen Licht des Islam‘ war, lernen sie nicht in der Schule. Nebulös wissen sie, dass da etwas war, aber sie haben nicht das Gefühl, dass es irgendetwas mit ihnen zu tun hat“, sagt Weber. „Wir erklären den Kindern, dass hier die gesamte Zeit Araber lebten, die Arabisch sprachen und dass die vorislamische Kultur in Südsyrien und Nordjordanien eine Einheit war.“

Deshalb umfasst der kulturelle Unterricht auch Volksbräuche, Folklore, Feste. Die Archäologen haben die Hoffnung, dass die syrischen Kinder bei einer Rückkehr in ihre Heimat die Bedeutung der Kultur nicht vergessen und Verwüstungen verhindern. Weber schreibt der Beschäftigung mit der Archäologie aber noch mehr zu – sie erzeuge eine Art seelischen Schutzschild gegen das erfahrene Leid. „Wir Archäologen versuchen, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass alles Materielle reparabel ist, und dass wir mit vereinten Kräften wieder eine Umwelt schaffen können, in der es sich lohnt zu leben.“

Mehr als 300 syrische und jordanische Kinder haben bereits die Archäologie-Klassen besucht, und über 300 stehen auf der Warteliste. Auf seine Bevölkerungszahl von knapp zehn Millionen Einwohnern bezogen, hat das kleine Jordanien mit rund 1,2 Millionen Syrern so viele Flüchtlinge aufgenommen, als hätte Deutschland acht Millionen Menschen akzeptiert – für das arme Schwellenland mit gravierenden Wirtschaftsproblemen eine gewaltige Belastung. Trotzdem wird die Migration wesentlich freundlicher diskutiert als in Deutschland, nicht nur wegen der kulturellen Nähe. „Gastfreundschaft hat in Jordanien einen hohen Stellenwert“, sagt Weber.

Allerdings wird ein Problem immer drängender, auf das der für die Lagersicherheit verantwortliche Armeeoberst Yahir Muhavish in seinem mit Porträts der Königsfamilie geschmückten Bürocontainer hinweist. „Kinder, die bei Einrichtung des Zaatari-Camps 12 Jahre alt waren, sind jetzt 18 und wollen eine gute Ausbildung, heiraten, ein Haus bauen, arbeiten gehen. Sie haben Ansprüche, die wir ihnen nicht erfüllen können.“

Für Deutschland, den zweitgrößten Geldgeber nach den USA, findet der Oberst jedoch nur lobende Worte. 17 Millionen Euro hat die Bundesrepublik allein für Schulen bereitgestellt, die deutsche Entwicklungsbank KfW finanziert neue Kläranlagen, Wasserleitungen und die weltgrößte Solarstromanlage für das Camp. Sie hilft Unternehmen, die syrischen Flüchtlingen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz geben. Das Ziel ist klar: Die Menschen sollen in der Region lebenswerte Verhältnisse vorfinden und nicht weiterziehen.

Wie sehr die Erfolgschancen aber vom individuellen Schicksal abhängen, zeigt die Geschichte des 13-jährigen Kursabsolventen Ahsan und seiner sechs Brüder. Ihr Vater hatte sich schon vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs von der Mutter getrennt und ist in Syrien zurückgeblieben. Zu ihrer Mutter haben sie zwar Kontakt, aber sie können sich nicht treffen. Vor drei Jahren machte sie sich auf die gefährliche Reise nach Deutschland, mit nur einem Ziel: eine Behandlung für ihren Jüngsten zu finden. Der Vierjährige hat ein schweres Augenleiden, für das es in Jordanien keine Hilfe gibt. Sie schaffte es bis nach Dortmund. „Sie darf in Deutschland bleiben“, sagt Ahsan. „Leider konnte sie den Kleinen und uns Brüder bisher nicht zu sich holen.“ Im Zaatari-Lager sehen die Kinder keine Zukunft. In Syrien auch nicht. „Unser Haus ist kaputt, unser Vater weg. Wir wollen zu unserer Mutter“, sagt Ahsan, der unbedingt Medizin studieren will.

Neben ihm steht Danya. Das schüchterne Mädchen mit Zahnspange ist die einzige, die bei der Frage, welches Kind denn die Archäologie zum Lebensinhalt machen wolle, die Hand hebt. „Unbedingt“, sagt sie. „Ich mag diese Arbeit. Ich mag unsere alte Kultur.“ Ihre Augen leuchten.

Die syrischen Flüchtlingskinder werden oft als „verlorene Generation“ bezeichnet. Wenn sein Archäologie-Kurs ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben außerhalb des Lagers machen könne, dann sei schon viel gewonnen, sagt der deutsche Altertumsforscher Thomas Weber.