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Freitag, 15.06.2018

Ein Netzwerk Gleichgesinnter

Drei Jahre nach den fremdenfeindlichen Krawallen in Heidenau kann die Polizei noch immer Verdächtige identifizieren.

Von Alexander Schneider

Zwei Nächte lang haben Hunderte rechtsextreme Chaoten in Heidenau die Polizei angegriffen. Sie wollten die Ankunft von Flüchtlingen verhindern.
Zwei Nächte lang haben Hunderte rechtsextreme Chaoten in Heidenau die Polizei angegriffen. Sie wollten die Ankunft von Flüchtlingen verhindern.

© Reuters/Axel Schmidt

Heidenau/Dresden. Als 2016 die ersten Prozesse gegen Chaoten stattfanden, die sich im August 2015 an den Ausschreitungen vor einer Flüchtlingsunterkunft in Heidenau beteiligt hatten, gab es so gut wie keine Beweisfotos oder Videobilder. Lange glaubten die Ermittler, viele Täter hätten sich spontan an den Krawallen beteiligt. Aufgehetzte Anwohner, die sich Sorgen machten angesichts steigender Flüchtlingszahlen. Heute, fast drei Jahre nach Heidenau, sind die rechtsextremen Strukturen erkennbar. Staatsschutzermittlern des damaligen Operativen Abwehrzentrums Sachsen (OAZ) ist es gelungen, eine Vielzahl Verdächtiger zu identifizieren. Auch jetzt noch werden mutmaßliche Mittäter angeklagt. Klar ist heute auch: Der Krawall war kein Zufall.

Die Heidenau-Videos spielen eine maßgebliche Rolle im Prozess gegen sechs mutmaßliche Neonazis, die zur „Freien Kameradschaft Dresden“ (FKD) gehören sollen. Eine Gruppe von Gewalttätern, die Flüchtlinge und Andersdenkende angegriffen haben. Seit neun Monaten verhandelt die Staatsschutzkammer des Landgerichts Dresden gegen die fünf Männer und eine Frau im Alter von 23 bis 30 Jahren aus Dresden. In schöner Regelmäßigkeit werden hässliche Details zu rechtsextremen Umtrieben und politischen Aktionen bekannt, auch wenn sie Jahre zurückliegen.

Ein 42-jähriger Kriminaloberkommissar vom OAZ hat wochenlang die Heidenau-Videos ausgewertet. Zwei Tage lang hat er jetzt im FKD-Prozess über seine Ermittlungen berichtet. Vier der sechs Angeklagten etwa haben sich neben einer ganzen Reihe weiterer FKD-Anhänger danach an den Ausschreitungen beteiligt. Der jüngste Angeklagte, Franz R., etwa soll auch beim Steinewerfen erkennbar sein. Der 23-Jährige hatte ausgesagt, er sei vor Ort gewesen, habe jedoch nichts getan. Die Videobilder sprechen eine andere Sprache.

Die Krawalle fanden am Freitag, 21., und am Sonnabend, 22. August 2015 statt, nachdem es in Heidenau schon drei Tage lang abends zu asylkritischen Demos gekommen war. Am Freitag waren rund 1 000 Teilnehmer einer NPD-Kundgebung durch die kleine Stadt gezogen. Sie hatten vor dem Wohnhaus von Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) haltgemacht – auf den Bildern sind NPD-Ordner zu erkennen, die Flyer verteilten, auf denen zur Blockade der Asylunterkunft aufgerufen wurde. Weitere Bilder zeigen Mitglieder der erst im März am Oberlandesgericht Dresden wegen Rechtsterrorismus und versuchten Mordes verurteilten „Gruppe Freital“, vorneweg einer der Anführer Timo S. Er stand schon gegen 20 Uhr gemeinsam mit FKD-lern in der Blockade auf der Bundesstraße unterhalb dem Real-Markt.

60 Gigabyte Videofilme


Die Staatsschutzermittler haben inzwischen Dutzende Täter identifiziert. Es ist eine langwierige und aufwendige Kleinarbeit. Man erkennt erste Verdächtige, vernimmt sie, erhält Hinweise auf weitere Verdächtige, kann die wiederum auf Videos finden, befragt auch diese und so weiter und so fort. Nach und nach fördern die Auswertungen ganz offensichtlich ein Netzwerk Gleichgesinnter zutage.

Nach Angaben von Verteidigern haben allein die Heidenau-Videos eine Speichergröße von rund 60 Gigabyte. Sie hatten versucht, den Video-Auswerter als Zeugen zu verhindern. Doch die Staatsschutzkammer wies die Kritik zurück. Zwei Sitzungstage hat der 42-jährige Oberkommissar nun ausgesagt. Der Mann erkennt die Verdächtigen inzwischen an ihrer Silhouette. Wo Zuschauer nur einen Schatten im Böller- und Feuerlöschernebel sehen, weiß der Beamte genau, um wen es sich handelt. Manchmal wurde der Zeuge einsilbig, um laufende Ermittlungen nicht zu gefährden.

Einer der bekanntesten identifizierten Verdächtigen ist wohl Rene H. aus Dresden. Der 31-Jährige ist Inhaber einer Sicherheitsfirma und Pegida-Ordner. Im Dezember 2017 wurde H. festgenommen und sitzt noch immer in Untersuchungshaft. Am Gründungstreffen der FKD im Juli 2015 in einer Grunaer Kneipe – dort trafen sich die Neonazis nach den Pegida-Demos – soll er gezielt Leute gesucht haben, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Vier Wochen später ist der Mann, der auch als „der große Leubener“ bekannt ist, laut Polizei in beiden Heidenauer Krawallnächten Seite an Seite mit Steinewerfen zu erkennen.

Rene H. wurde inzwischen von der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen unter anderem wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. Neben Heidenau soll er sich mit der Gruppe Freital und der FKD an dem Angriff auf die Mangelwirtschaft mitgewirkt haben – ein alternatives Wohnprojekt in Dresden-Übigau.