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Montag, 11.06.2018

Ein hilfsbereiter Mensch mit sehr feinem Gespür

Der Reinhardtsgrimmaer Klaus Kaubisch hat mit dem halben Dorf Geburtstag gefeiert. Dass so viele Gäste kamen, hat gute Gründe.

Von Maik Brückner

Vor wenigen Tagen konnte sich Klaus Kaubisch (li.) einen Motorroller kaufen. Darüber freut sich auch sein Betreuer, Reinhardtsgrimmas Pfarrer Johannes Keller, denn das Fahrzeug ist ein Geschenk der Reinhardtsgrimmaer.
Vor wenigen Tagen konnte sich Klaus Kaubisch (li.) einen Motorroller kaufen. Darüber freut sich auch sein Betreuer, Reinhardtsgrimmas Pfarrer Johannes Keller, denn das Fahrzeug ist ein Geschenk der Reinhardtsgrimmaer.

© Egbert Kamprath

Reinhardtsgrimma. Klaus Kaubisch steckt den Schlüssel ins Zündschloss und dreht nach rechts. Sofort startet der Motor. Der 60-Jährige strahlt. Er ist stolz auf diesen Motorroller, auch wenn dieser nur mit gedrosselter Leistung fährt. Die Freude sieht man ihm an. Selbst sagen kann er es nicht. Denn der Reinhardtsgrimmaer ist geistig und sprachbehindert, verfügt aber über außergewöhnliche Fähigkeiten.

„Er kann meinen Tischkalender lesen, obwohl er mir gegenübersitzt“, sagt Johannes Keller. Er ist Pfarrer in Reinhardtsgrimma und kümmert sich seit vier Jahren ehrenamtlich als Betreuer um Klaus. Der 60-Jährige wisse, wie er sich verständlich machen könne. Klaus benutze seine eigenen Vokabeln und hantiere so lange, bis man verstanden hat, was er meint. „Er hat seine eigene Gebärdensprache“, sagt Keller. In 99 von 100 Situationen verstehe er ihn.

Das geht auch anderen in Reinhardtsgrimma so. „Klaus kennt hier jeder“, sagt der Pfarrer. Schließlich lebt er schon sehr lange im Dorf. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte Klaus, wie ihn hier jeder nennt, in Bärnsdorf bei Moritzburg. Dann kam er in das damalige Kinderheim nach Reinhardtsgrimma, die heutige Förderschule. Später arbeitete er in der Landwirtschaft. Dann verlor er seinen Job. Klaus, der nur eine kleine Rente bekommt, nahm kleinere Gelegenheitsarbeiten an, er half beim Hausbau, im Garten und im Hof.

Vor einigen Jahren bot ihm die Kirchgemeinde einen kleinen Job an. Klaus willigte ein. Seitdem hilft er im Pfarrgarten und auf dem Friedhof mit. An seinen freien Tagen unterstützt er aber weiterhin die Reinhardtsgrimmaer, auch bei Partys, bei denen er sich gern an den Grill stellt und Steaks und Würstchen grillt. „Mit sicherem Gespür findet er heraus, wo im Dorf gefeiert wird. Und dann erscheint er auf der Bildfläche. Ob als Helfer oder selbstgeladener Gast, Klaus gehört häufig dazu“, sagt die Reinhardtsgrimmaerin Hella Schulz, die Klaus auch schon lange kennt und schätzt. Sie hatte einen Sohn, der auch besonders war. Diese Menschen haben einen ganz feinen Draht, sagt sie. Sie spüren, wer es gut mit ihnen meint und gut für sie ist.

Und genau diese Menschen lud Klaus kürzlich zu seinem 60. Geburtstag ins Erbgericht ein. „Er hatte alles vorbereitet“, sagt Johannes Keller. In den Wochen zuvor ging Klaus von Haus zu Haus, lud ein, notierte sich die Namen. Ein guter Bekannter kreierte ihm Einladungskarten, die Klaus dann wieder verteilte. Schon da zeichnete sich ab, dass es ein großes Fest wird. Gewöhnlich erscheinen zu solchen Anlässen um die 80 Gäste. Zu Klaus’ Party waren es knapp 200. „Es war ein halbes Dorffest“, erinnert sich Frau Schulz. Weil der Gastgeber das ahnte, mietete er nicht den „kleinen“ Säulensaal, sondern den großen Saal an. Im Anzug empfing er jeden Gast persönlich und genoss die Aufmerksamkeit.

Drinnen hatten seine Helfer ein großes Büfett aufgebaut. Sie versorgten die Gäste mit Getränken. Ein Fotograf, den Klaus engagiert hatte, hielt die besonderen Momente dieser Feier fest. „Klaus hat etwas geschafft, was sonst kaum einem gelingt, den ganzen Saal mit gut gelaunten Gästen zu füllen“, sagt Keller. Zum Schluss gab es noch ein Feuerwerk, das die Feuerwehr organisiert hat. Jeder Gast wusste, was sich Klaus zum Geburtstag wünscht – einen Scooter. Deshalb wurde Geld gesammelt. Am Ende reichte es, um ihm seinen Motorroller zu finanzieren. „Er brauchte diesen dringend, weil sein altes Moped immer wieder kaputtgegangen ist und hohe Kosten verursacht hatte.“ Hin und wieder macht er mit seinem Motorroller auch längere Ausflüge.

In wenigen Tagen wird Klaus seinen Sommerurlaub antreten. Es geht nach Struppen, wo er bei einer Familie wohnen wird, die Kinder hat und eine Hühnerfarm betreibt. Seit Jahren ist das sein Ziel im Sommer. „Klaus ist ein Teil dieser Familie geworden“, sagt sein Betreuer.

Für Johannes Keller ist Klaus nicht nur ein sehr liebenswürdiger und sehr hilfsbereiter Mensch, sondern auch ein gutes Beispiel für gelungene Inklusion. In Reinhardtsgrimma habe sich über viele Jahrzehnte ein spezielles Klima entwickelt. Hier, wo Behinderte schon seit vielen Jahren leben und betreut werden, funktioniere das Miteinander reibungslos.