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Mittwoch, 19.07.2017

Ein graues Dorf?

Die Geschichte der Süddeutschen Zeitung über Glaubitz sorgt im Ort für einige Empörung – und anderswo für Bestätigung.

Von Eric Weser

Grau in grau sieht anders aus: Das neue Wohngebiet am Seebergblick in Glaubitz repräsentiert für viele Ortsansässige das Dorf recht gut. Glaubitz’ Bevölkerungszahl wuchs in den vergangenen Jahren.
Grau in grau sieht anders aus: Das neue Wohngebiet am Seebergblick in Glaubitz repräsentiert für viele Ortsansässige das Dorf recht gut. Glaubitz’ Bevölkerungszahl wuchs in den vergangenen Jahren.

© Sebastian Schultz

Glaubitz. So schnell kann es gehen: „Im Sommer 2017 machte Glaubitz als das Dorf, dem die Frauen weglaufen Schlagzeilen.“ So liest sich die jüngste Aktualisierung im Wikipedia-Artikel über den Ort. Sie stammt vom Dienstag und bezieht sich auf den Report der Süddeutschen Zeitung, den diese vorige Woche veröffentlichte.

In Glaubitz selbst sorgt die Zeitungsgeschichte derzeit für einige Empörung. Bürgermeister Lutz Thiemig (parteilos) hatte bereits gestern scharfe Kritik daran geübt, denn für seine Begriffe wird darin ein falsches, zu negatives Bild gezeichnet. Dem schließt sich Lutz Härtel an. Der Chef des Glaubitzer Sportvereins kommt in dem Süddeutsche-Text mehrfach zu Wort. Dreimal sei die Autorin da gewesen und habe mit ihm gesprochen, sagt Härtel. Wie oft sie noch in Glaubitz war, wisse er nicht. Wie viele Glaubitzer hat auch Lutz Härtel ein Problem mit der Darstellung seines Ortes in dem Report. „Wer Glaubitz kennt, weiß, dass es nicht grau und trist ist“, sagt er. Auch im Internet gibt es verärgerte Kommentare. Von „Unsinn“ spricht Nutzer Heldur Tinkus bei SZ Riesa.

Rege debattiert wird das Thema auch auf der Facebook-Seite der Süddeutschen, wo der Report am Freitag gepostet wurde. Dort lesen sich manche der mehr als Hundert Wortmeldungen allerdings ganz anders. Nutzer Hans Moser etwa meint: „Wer einmal in solchen Landstrichen war, den wundert nur noch, dass da überhaupt noch wer wohnt.“ Nutzer Erich A. Kremer findet: „Frauenmangel und Neonazis/AfD/Pegida korrelieren deutlich sichtbar. Doitzsche Kameradschaft und saufen als Ersatz für Schmusen und Sex.“ – Zahlreiche Kommentare beziehen sich auch auf eines der Fotos, das den Text illustriert.

Zu sehen ist darauf ein schmalbrüstiger junger Mann, der allein in einem kargen Raum sitzt, vor sich die Reste eines eher lieblos gedeckten Abendbrottisches. „Wenn ich das Foto betrachte, reicht mir das bereits als Antwort auf die Frage, warum die Frauen weglaufen“, meint Nutzer Uwe Wallner. Alisa Koch kommentiert ironisch: „Wenn die Männer alle so schick sind wie der auf’m Foto, weiß ich auch nicht woran’s liegt“. Allerdings stammen die Fotos, die aus dem Fotoband „Was tun“ der Fotografin Gesche Jäger von 2010 entnommen sind, sehr wahrscheinlich gar nicht aus Glaubitz.

Dass Glaubitz überhaupt für die Reportage gewählt wurde, liegt am Männerüberschuss der Bevölkerung im Alter von 18 bis 35 Jahren. Den gibt es zwar auch in anderen Gemeinden: In Wülknitz etwa kommen auf 100 Frauen 127 Männer, in der Röderaue 132 Männer. In Glaubitz allerdings sind es auf 100 Frauen 434 Männer.

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Nach landläufiger Meinung kommt dieser krasse Diskrepanz durch die vielen männlichen Insassen der JVA Zeithain, die auf Glaubitzer Flur steht, zustande. Doch den zuständigen Behörden zufolge hat nicht jeder Insasse seinen Hauptwohnsitz im Knast. Laut Bürgermeister Lutz Thiemig waren es zuletzt etwas mehr als 200 Gefangene, für die das gilt. Wobei offen ist, in welchem Alter diese Männer sind. Die JVA hat derzeit knapp 400 Insassen im Alter zwischen 21 bis unter 70 Jahren, wobei die meisten zwischen 21 und 40 Jahre alt sind.

Egal ob mit oder ohne JVA: Dass es einen Männerüberhang in der Gemeinde gibt, das will auch Anwohner Lutz Härtel gar nicht bestreiten. „Aber wenn ich den Zuzug sehe, da kann mir kein Mensch erzählen, dass der nur männlich ist“, sagt er.

Die Süddeutsche Zeitung hat sich bisher nicht auf die Anfrage der Sächsischen Zeitung zu dem Text geäußert.