erweiterte Suche
Dienstag, 07.08.2018

Ein Gespenst geht wieder um

Die Idee eines „Großalbaniens“ ist wieder in aller Munde. Seine Gegner beäugen die Annäherung zwischen Albanien und Kosovo mit Angst und Misstrauen. Sind das wirklich Schritte in diese Richtung?

Von Thomas Brey

Unterstützer der Sozialistischen Partei Albaniens (PS) schwenken auf einer Wahlkampfveranstaltung in Tirana albanische Nationalflaggen (Symbolfoto).
Unterstützer der Sozialistischen Partei Albaniens (PS) schwenken auf einer Wahlkampfveranstaltung in Tirana albanische Nationalflaggen (Symbolfoto).

© Hektor Pustina/AP/dpa

Tirana. Weitgehend unbemerkt vom Ausland nähern sich Albanien und das fast nur noch von Albanern bewohnte Kosovo mit großen Schritten an. Die Vorschläge für einen gemeinsamen Staatspräsidenten verschwanden nach internationalem Aufschrei noch schnell wieder in der Schublade. Doch die Schaffung einer gemeinsamen Zollbehörde ist schon umgesetzt. Und der Wegfall der Grenzen zwischen den Nachbarn von Januar nächsten Jahres an versetzen die anderen Völker auf dem Balkan in Schrecken. Denn das seit Jahrzehnten schlafende Projekt eines „Natürlichen Albaniens“ erhebt Ansprüche auf Gebiete in diesen Nachbarländern, wo immer Albaner wohnen.

Zusätzlichen Wind in die Segel bekam das Projekt in den vergangenen Tagen durch den Kosovo-Staatspräsidenten Hashim Thaci. Er verlangt inzwischen gebetsmühlenartig „Grenzkorrekturen“, also „die Vereinigung des Presevo-Tals mit dem Kosovo“. In dieser Region um die Städte Presevo, Bujanovac und Medvedje in Südserbien leben schätzungsweise bis zu 100 000 Albaner. Sie fühlen sich seit langem von Belgrad zurückgesetzt. Diese „Grenzkorrektur“ sei „machbar“ und notwendig, „weil es Serbien nicht geschafft hat, ihnen Minderheitenrechte zu garantieren“, begründet er seine Position.

Welche Gebiete würde ein Großalbanien umfassen, das sowohl von der EU als auch von den USA strikt abgelehnt wird? Kernstück wären die heutige Republik Albanien und das Kosovo. Daneben leben noch in Mazedonien eine halbe Million Albaner, plus die Landsleute in Südserbien und einige Zehntausende in Montenegro. Auch auf Regionen in Griechenland haben es die großalbanischen Theoretiker wie Koco Danaj in Tirana abgesehen, obwohl Griechenland keinen einzigen Albaner offiziell als Teil einer Minderheit anerkennt. Alles in allem an die sechs Millionen Menschen.

Der deutsche Albaner-Experte Andreas Wildermuth sieht das gelassen. Albanien und das Kosovo wollten „unterhalb der formalen Vereinigung soviel Einheit wie möglich schaffen“. Das sei „ein legitimes Ziel, weil man ihnen nicht Regelungen verwehren kann, die in der EU Standard sind“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Das sieht vor allem Serbien ganz anders, das auch zehn Jahre nach der Abspaltung des Kosovos seine frühere Provinz wieder zurückhaben will. „Tirana und Pristina schaffen ein Großalbanien“, prangte vor wenigen Tagen auf dem Titel der serbischen Regierungszeitung „Politika“. „Alle Balkanländer haben Grund zur Sorge“, kritisierte Verteidigungsminister Aleksandar Vulin. Die Idee sei „ein Unglück“, das mit allen Kräften verhindert werden müsse. Dagegen tourte Ideologe Danaj in den letzten Jahren durch die beanspruchten Gebiete mit dem Slogan „Die albanische Frage ist noch nicht gelöst“.

Die Albaner sind als sogenannte verspätete Nation auf viele Staaten aufgeteilt. Manchmal wird ein Vergleich mit den Kurden gezogen. Jahrhundertelang lebten sie unter dem Osmanischen Reich und kamen erst vor gut 100 Jahren zum eigenen Staat. Was sie eint, ist neben der Sprache die Verehrung ihres mittelalterlichen Heerführers Georg Kastriota, genannt Skanderbeg, der im 15. Jahrhundert den Widerstand gegen die Osmanen mit zeitweiligen Erfolgen organisierte. Ihm werden in vielen albanischen Siedlungsgebieten heute prächtige Denkmäler errichtet. Gerade ist eines in der montenegrinischen Stadt Ulcinj in Planung, die mehrheitlich ebenfalls von Albanern bewohnt wird.

Die zweitstärkste Partei im Kosovo, die Vetevendosje (Selbstbestimmung), hat die Vereinigung aller Albaner zum Programm erhoben. Ende Juli starb im Kosovo mit 82 Jahren eine Symbolfigur dieser Bestrebungen: Adem Demaci war als Vordenker im alten Jugoslawien 28 Jahre politischer Gefangener. Er galt vielen als „Nelson Mandela Kosovos“ und hatte 1991 des Sacharow-Preis des EU-Parlaments erhalten. Führende Kosovo-Politiker versicherten bei seiner Bestattung, sie seien den Ideen des „Vaters der Nation“ verpflichtet. (dpa)