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Mittwoch, 16.04.2014

Ein Dorf namens Judentöter

Der Bürgermeister von Castrillo Matajudios im Norden Spaniens will seine Gemeinde umbenennen. Jetzt sind die 64 Einwohner gefragt.

Von Martin Dahms, SZ-Korrespondent in Madrid

Die winzige Siedlung liegt verloren in den Weiten des kastilischen Nordens, rund 50 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Burgos, an einem der vielen Wege, auf denen Pilger aus ganz Europa nach Santiago de Compostela ziehen. Das Land ist hart, die Gegend einsam. Die 64 Einwohner von Castrillo Matajudios leben zumeist vom Getreideanbau. Ein Ort wie viele in Spanien. Was ihn von allen anderen unterscheidet, ist sein Name: Matajudios heißt übersetzt Judentöter. Ein „aggressiver Name“, findet auch der Autor der Dorfgeschichte auf der Website der Gemeinde. Vielleicht wird er bald Vergangenheit sein.

Der Bürgermeister Lorenzo Rodriguez hat seine Nachbarn für diesen Karsamstag zur Dorfversammlung geladen, um ihnen die Herkunft des Beinamens „Judentöter“ erklären zu lassen. Danach sollen die Einwohner über eine mögliche Umbenennung abstimmen. „Die Entscheidung der Mehrheit wird respektiert“, kündigt der Bürgermeister an, „und sei es auch nur mit einer Stimme Unterschied.“

Am Anfang der Geschichte Castrillos steht ein Pogrom. Im Mittelalter lebten in Spanien Christen, Moslems und Juden. Während Christen und Moslems immer wieder gegeneinander in den Krieg zogen, versuchten die Juden, in Ruhe ihr Leben zu führen. Manchmal ließ man sie, manchmal verfolgte man sie.

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts plünderten die Einwohner des nahen Ortes Castrojeriz einen Palast in der Gegend, töteten eine Handvoll Offiziere – und rund 60 Juden. Die Überlebenden, erklärt der Bürgermeister, seien in eine neue Siedlung gebracht worden, die man Castrillo nannte, und ihr den Beinamen Mota de Judios gab, was sich etwa mit Judenhügel übersetzen lässt. Erst in späteren Jahrhunderten habe sich Mota zu Mata gewandelt, und aus dem Judenhügel wurde ein Judentöter.

Bürgermeister Rodríguez will seinen Nachbarn nun vorschlagen, Castrillo den alten Beinamen Mota de Judios zurückzugeben. Ein Leser der Lokalzeitung Diario de Burgos sieht den Vorschlag skeptisch: „Als ob man mit der Namensänderung die Geschichte ändern könnte“, schreibt er.

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