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Samstag, 12.05.2018

Ein brenzliger Job

Werkfeuerwehrleute wie Hannah Netzer lernen drei Jahre, was sie im Notfall tun müssen. Doch was machen sie, wenn es nicht brennt?

Von Sabine Meuter

Stimmt alles mit dem Brandschutz? Hannah Netzer arbeitet als Werkfeuerwehrfrau am Forschungs-und Produktionsstandort von Merck inDarmstadt. Foto: dpa/F. Rumpenhorst
Stimmt alles mit dem Brandschutz? Hannah Netzer arbeitet als Werkfeuerwehrfrau am Forschungs-
und Produktionsstandort von Merck in
Darmstadt.
Foto: dpa/F. Rumpenhorst

© dpa-tmn

Wenn es brennt, zählt jede Sekunde – umso mehr, wenn es in Industrieanlagen qualmt oder kracht. Schneller als die reguläre Feuerwehr ist dann oft die Werkfeuerwehr. Sie kennt das Unternehmen, Örtlichkeiten, Abläufe und Risiken. Hannah Netzer ist Werkfeuerwehrfrau. Im Herbst 2017 hat sie die dreijährige Ausbildung für den Job erfolgreich beendet, jetzt arbeitet sie als Fachkraft in der Brandschutzabteilung des Wissenschafts- und Technologiekonzerns Merck. Das Unternehmen betreibt in Darmstadt seinen größten chemisch-pharmazeutischen Forschungs- und Produktionsstandort.

„Jeder Arbeitstag ist anders und nicht planbar“, sagt die 25-Jährige. Im Fall einer Havarie oder eines Unfalls rücken andere für den Tag geplante Aufgaben in den Hintergrund. „Die Aufgaben von Werkfeuerwehrleuten sind sehr vielfältig und anspruchsvoll“, sagt Jürgen Warmbier vom Bundesverband Betrieblicher Brandschutz (WFVD). „Sie sind mehr als nur Brandlöscher.“ So versorgen sie im Notfall Verletzte und sichern Gefahrenstellen ab. Sie leisten technische Hilfe, indem sie Metallteile durchtrennen, die den Weg zu einer Gefahrenstelle versperren. Sie prüfen im Zweifelsfall mit Messgeräten, ob Chemikalien oder andere gefährliche Materialien ausgetreten sind. In erster Linie kümmern sie sich aber darum, dass es gar nicht erst zu Unfällen und Bränden kommt. Dafür überprüfen sie Rauch- und Wärmeabzugseinrichtungen sowie Feuerlöscher, sie warten Brand- und Gefahrenmeldeanlagen. „Wird eine neue Fabrikhalle geplant, sind Werkfeuerwehrleute dabei“, sagt Bernd Saßmannshausen, Leiter der Brandschutzabteilung bei Merck. Sie prüfen bei der Planung von Brandschutzkonzepten, wo etwa Brandschutztür oder Löschanlage nötig ist.

Und sie schulen Mitarbeiter, damit diese sich bei Gefahr korrekt verhalten. Wegen dieser Vielfalt geht Netzer gern auf Arbeit. „Den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen, das wäre nichts für mich“, sagt sie. Wer sich für den Beruf interessiert, muss teamfähig sein. Denn Werkfeuerwehrleute gehen die Herausforderungen gemeinsam an. Wie wichtig die Zusammenarbeit ist, zeigt sich aber gerade im Notfall: Wenn es um jede Sekunde geht, muss jeder seine Rolle und seinen Platz kennen.

Theoretisch reicht für die Ausbildung zur Werkfeuerwehrfrau, die es bundesweit seit 2009 gibt, zwar ein Hauptschulabschluss, manche Betriebe verlangen aber mehr. „Bislang wurden vor allem Abiturienten und Realschulabsolventen eingestellt“, sagt Warmbier. Technisches Verständnis und handwerkliches Geschick sind ebenso wichtig wie körperliche Fitness. In Gefahrensituationen müssen Werkfeuerwehrleute einen kühlen Kopf bewahren und schnell sowie verantwortungsbewusst handeln. „Der Umgang mit Verletzten oder vielleicht sogar Toten kann zudem psychisch belastend sein“, sagt Netzer. Mehr als 750 Frauen und Männer stellen sich in Sachsen diesen Herausforderungen. Derzeit, so die Arbeitsagentur, würde es in Sachsen keine Auszubildenden geben. „Zudem melden die Unternehmen den Arbeitsagenturen immer weniger Stellen. Deren Besetzung wird aber auch zunehmend schwieriger, weil es auf dem Arbeitsmarkt keine arbeitslosen Brandschutz-Fachkräfte gibt“, sagt Agentursprecher Frank Vollgold.

Die Arbeitszeiten sind nicht jedermanns Sache. Rund um die Uhr, auch am Wochenende, ist ihre Einsatzstelle besetzt. Während der Ausbildung lernen die Azubis, welche Schutzvorschriften beachtet werden müssen, oder wann im Fall eines Brandes oder einer Explosion gegebenenfalls chemisches, biologisches oder radioaktives Gefahrgut austritt – und was dann zu tun ist.

Die Lehrlinge üben, wie Leitungen verlegt, elektrische Verbindungen hergestellt, Rohre getrennt, umgeformt und verbunden werden. Solche Arbeiten fallen an, wenn eine Löschanlage konzipiert oder repariert wird. Auch Wartungsarbeiten oder das Beseitigen von Ölspuren gehören zum Berufsalltag von Werkfeuerwehrleuten. Die Höhe der Ausbildungsvergütung hängt von den Firmen ab. Das sind neben chemischen Produktionsstätten Gießereien, Autofirmen, Kraftwerke, Flughäfen und Messen. Laut WFVD erhalten Auszubildende im ersten Jahr rund 860 Euro pro Monat, im zweiten 950 und im dritten 1 000 Euro. Das Bruttogehalt beträgt laut Arbeitsagentur Sachsen im Freistaat etwa 2 000 Euro.

Wer Karriere machen will, kann Teamleiter, Staffel- und Gruppenführer oder Zugführer werden. Auch eine Weiterbildung zum Notfallsanitäter ist möglich. Je nach Vorbildung können Interessierte Rettungsingenieurwesen an der Uni studieren. Hannah Netzer will im Beruf aber erst einmal Erfahrungen sammeln. (dpa/rnw)