erweiterte Suche
Freitag, 02.08.2013

Ein Botschafter des Fernwehs ist verstummt

Der Alpinist und Bergfilmer Lutz Protze lebt nicht mehr. Er teilte gute Gefühle mit vielen Menschen.

Von Jochen Mayer

Aufbruch als Lebenseinstellung: Lutz Protze machte sich 1996 zum zweiten Mal auf den Weg zum Mount Everest. Schlechtes Wetter verhinderte einen Gipfelerfolg. Der Alpinist akzeptierte, dass sich dieser Lebenstraum nicht erfüllte.
Aufbruch als Lebenseinstellung: Lutz Protze machte sich 1996 zum zweiten Mal auf den Weg zum Mount Everest. Schlechtes Wetter verhinderte einen Gipfelerfolg. Der Alpinist akzeptierte, dass sich dieser Lebenstraum nicht erfüllte.

© SZ/Marion Gröning

Seine Filme waren Kult. Über die Weihnachtstage brachte Lutz Protze einst wilde Bergwelten auf TV-Schirme in der DDR. Bilder aus einer anderen Welt: Pamir, Altai, Fagaras. Sie weckten Sehnsucht nach Abenteuer, Freiheit, Aufbruch. Lutz Protze lebte diese Sehnsüchte aus – erst recht, als ihm alle Berge offen standen. Und er begeisterte Bergnovizen für Trekking- und Klettertouren – bei Vorträgen, als Reiseleiter, Bergfilmer, SZ-Autor. Am Dienstag starb Lutz Protze nach schwerer Krankheit in Lichtenhain. Er wurde 71 Jahre alt.

Fernweh trieb ihn immer wieder in die Berge. Nach der Wende gab er den Job als Vermessungsingenieur auf, machte das Hobby zum Beruf und wagte den Sprung in die Selbstständigkeit. Schon als Kind liebte er das Elbsandsteingebirge. Als Elfjähriger hatte er seinen ersten Gipfel gemeistert, den Vorderen Torstein. Aber noch besser als an den Felsen der Sächsischen Schweiz kam er in sauerstoffarmer Höhenluft zurecht. Nicht nur diese Tugend verschaffte ihm einen Stammplatz in der DDR-Alpinistik-Auswahl. Die Expeditionen zu den höchsten Gipfeln der Sowjetunion führten in Höhen jenseits der 7.000 Meter.

„Nie wieder war ich so mit der Natur und den Bergen verbunden“, schwärmte Lutz Protze über diese Zeit. „Nie wieder war ich mir unserer eigenen Winzigkeit so bewusst wie im Pamir.“ Er hatte den Vergleich. 1992 fragte er nach Unterstützung bei der Sächsischen Zeitung für seinen ersten Anlauf zum Everest. Und bekam sie. Sein Abenteuer passte in die damalige Aufbruchstimmung. Und der Everest war noch nicht zum Kommerzgipfel verkommen.

Der damals 50-jährige Protze stieg auch für die nach oben, die davon nur träumen konnten. Leidenschaftlich präsentierte er seine Erlebnisse in der Zeitung, im Fernsehen, bei Vorträgen. Dem Everest-Trip fehlte das Gipfelglück. Aber mit der Expedition begann eine lange Beziehung zur SZ. Die Bergsportseite nahm Gestalt an mit Protze-Serien: Welche Ausrüstung ist nötig? Wo soll es damit hingehen? Was gab es für Sternstunden? Was leisteten Klettersachsen? Lutz Protze machte sich einen Namen mit seinen Kolumnen.

Und er führte Neugierige zu Gipfeln in aller Welt. „Man will ja das, wofür man brennt, auch weitergeben“, lautete eine seiner Maximen. „Ich war immer davon überzeugt, dass es was ganz Tolles ist, was ich da treibe. Dieses gute Gefühl wollte ich teilen, auch anderen zukommen lassen.“ Deshalb stieg er 19 Mal auf den Kilimandscharo. Nicht wenige seiner Begleiter fragten sich in der Gipfel-Euphorie auf dem höchsten Berg Afrikas, welche Tour als nächste folgen könnte? Lutz Protze öffnete vielen eine neue Welt mit seinen Angeboten: Nepal, Tibet, Patagonien, Alaska, Neuseeland.

Vor Jahren schockte den stämmigen Alpinisten die Krebs-Diagnose. Die Zeit, die ihm blieb, erlebte er intensiv und bewusst. Und er ging in die Berge. Die gaben ihm Lebensmut. Im Frühjahr war Neuseeland seine letzte große Reise. Alaska sollte folgen, danach der Kili, die 20. Tour. Die Krankheit nahm ihm die Kraft.

Sein letztes Interview gab Lutz Protze im Juni im Dresdner Uniklinikum. Da hoffte er noch auf eine Rückkehr auf den Vorderen Torstein zum 60-jährigen Kletterjubiläum. Im Elbsandstein und bei seinem Kletterverein, den Hundskirchlern, fühlte er sich zu Hause. Er wusste auch seit Jahren, wo sein letzter Platz sein würde – auf dem Friedhof Lichtenhain, gegenüber den Hinteren Schrammsteinen. „Vor dem Sterben habe ich keine Angst. Dafür erlebte ich zu viele harte Sachen in den Bergen“, resümierte Lutz Protze. „Es sind die Hinterbliebenen, die den größten Schmerz empfinden. Natürlich gibt es Sachen, die ich noch gern erlebt hätte. Den Gipfel des Everest zum Beispiel. Ich habe es versucht, es sollte nicht sein. Wenn es am entscheidenden Tag nicht passt, dann muss man das akzeptieren. Im Schneesturm trafen wir die einzig richtige Entscheidung. Ich bin im Gleichgewicht mit mir.“

Für seine Ehefrau Kathrin war es ein Trost, dass er die letzten Tage in ihrem Haus in Lichtenhain sein konnte. Lutz Protze hinterlässt aus dieser Ehe einen Sohn. Aus früheren Beziehungen hat er zwei erwachsene Söhne.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.