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Montag, 16.04.2018

Ein bisschen Zukunft

Die Eishockey-Länderspiele in Sachsen sind ein Muster ohne Wert? Weit gefehlt, denn der Bundestrainer denkt voraus.

Von Sven Geisler

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Abgewehrt. Dustin Strahlmeier durfte in Weißwasser, wo er für die Lausitzer Füchse zwei Jahre gespielt hat, seine Klasse im Tor zeigen und wurde von den Fans gefeiert. Trotzdem sind seine WM-Chancen eher gering.
Abgewehrt. Dustin Strahlmeier durfte in Weißwasser, wo er für die Lausitzer Füchse zwei Jahre gespielt hat, seine Klasse im Tor zeigen und wurde von den Fans gefeiert. Trotzdem sind seine WM-Chancen eher gering.

© Thomas Heide

  • Abgewehrt. Dustin Strahlmeier durfte in Weißwasser, wo er für die Lausitzer Füchse zwei Jahre gespielt hat, seine Klasse im Tor zeigen und wurde von den Fans gefeiert. Trotzdem sind seine WM-Chancen eher gering.
    Abgewehrt. Dustin Strahlmeier durfte in Weißwasser, wo er für die Lausitzer Füchse zwei Jahre gespielt hat, seine Klasse im Tor zeigen und wurde von den Fans gefeiert. Trotzdem sind seine WM-Chancen eher gering.
  • Frederik Tiffels (l.) war der Shootingstar bei der Heim-WM vor einem Jahr, am Sonntag spielte er mit der deutschen Eishockey-Auswahl in Dresden. Allerdings konnte auch er die Niederlage nicht verhindern, die durch einen Treffer ins leere Tor kurz vor Schluss mit 1:4 zu hoch ausfiel.
    Frederik Tiffels (l.) war der Shootingstar bei der Heim-WM vor einem Jahr, am Sonntag spielte er mit der deutschen Eishockey-Auswahl in Dresden. Allerdings konnte auch er die Niederlage nicht verhindern, die durch einen Treffer ins leere Tor kurz vor Schluss mit 1:4 zu hoch ausfiel.

Für sie sind es Heimspiele im besonderen Sinn. Dustin Strahlmeier genießt in Weißwasser seine persönliche Ehrenrunde, Marco Nowak spielt mal wieder vor der Familie in seiner Heimatstadt Dresden. Allerdings ist der Besuch aus sportlicher Sicht wenig erfreulich, die deutsche Eishockey-Auswahl verliert beide Partien gegen die Slowakei verdient. Dabei waren die Erwartungen an die ersten Auftritte zu Hause nach dem Olympia-Traum in Pyeongchang groß. Doch von den Silbermedaillengewinnern spielt beim 1:2 nach Penaltyschießen in Weißwasser keiner, beim 1:4 in Dresden sind mit Torwart Timo Pielmeier und Verteidiger Björn Krupp immerhin zwei dabei.

Trotzdem steht gerade Strahlmeier exemplarisch für den Sinn dieser Testspiele in Vorbereitung auf die WM im Mai, die nur auf den flüchtigen Blick ein Muster ohne Wert sind. Der 25 Jahre alte Torhüter hat in der Lausitz bei den Füchsen seinen Einstieg als Profi geschafft und ist nun das erste Mal bei der Nationalmannschaft. „Als der Anruf kam, du bist dabei, war es eine riesige Freude“, erzählt er. „Es ist aber auch harte Arbeit. Man will schließlich nicht gleich wieder gehen und den Platz frei machen für andere. Deswegen ist jede Minute auf und neben dem Eis für mich wichtig.“

Nach gut der Hälfte des Spieles in Weißwasser wechselt Sturm den Torwart ein. Das ist so etwas wie ein emotionaler Höhepunkt in einer Partie, in der olympischer Geist bestenfalls zu spüren ist, als das deutsche Team in doppelter Unterzahl leidenschaftlich verteidigt. „Ich weiß, die Jungs haben alles probiert, aber das internationale Level kann man mit dem Niveau in der deutschen Liga nicht vergleichen“, sagt Sturm nach den beiden Niederlagen.

Weil die besten Spieler wegen der Play-offs in der deutschen wie nordamerikanischen Liga noch nicht dabei sein können, denkt der Bundestrainer ein, zwei, sogar vier Jahre voraus. „Es sind einige dabei, die sich weiterentwickeln und internationale Erfahrungen sammeln sollen“, erklärt er seine Absicht – und den Anspruch: „Wir müssen die Kluft zwischen den erfahrenen und den jungen Spielern verringern.“

Das ist dringend notwendig, zumal drei jahrelange Leistungsträger nach Olympia ihren Rücktritt erklärt haben. Einer der Nachrücker könnte Nicolas Krämmer sein, der in Weißwasser das Tor für die deutsche Auswahl erzielt hat. Der Stürmer stand bereits 2015 als Jungspund im WM-Kader, hat die Winterspiele 2018 aber nur als Fernsehzuschauer erlebt. „Natürlich bin ich auch fünf Uhr morgens aufgestanden, um das Finale zu sehen“, erzählt der 25-Jährige, aber bei aller Freude: „Man muss gucken, wie es für einen selbst weitergeht. Es muss das Ziel sein, bei der WM dabei zu sein.“

Auch Nowak, der in Dresden „noch in der alten Arena“, wie er sagt, das Schlittschuhlaufen gelernt hat und als Jugendlicher nach Crimmitschau ging, würde gern mit nach Dänemark reisen, zumal er seine Olympia-Chance auf eine tragische Weise verpasst hat. Dem 27-Jährigen, der für Düsseldorf spielt, drohte im Januar wegen einer Einblutung im Oberschenkel sogar die Amputation. „Es stimmt, das hätte dramatisch werden können“, sagte er über die schlimme Verletzung. Deshalb setzt er sich wegen der WM-Teilnahme nicht unter Druck. „Wir haben großartige Eishockey-Spieler, es ist schwierig, einen Platz zu kriegen“, sagt Nowak. „Wenn ich einen bekomme, wäre das schön, wenn es nicht klappt: Ich bin noch jung, greife weiter an.“

Weißwasser als positives Beispiel

Das gilt erst recht für Strahlmeier, über den Sturm sagt, er gehe seinen Weg zurzeit sehr schnell. „Man muss ihn langsam auf die höheren Aufgaben vorbereiten, das machen wir.“ Als Strahlmeier 2010 von den Lausitzer Füchsen verpflichtet und an den Kooperationspartner nach Jonsdorf in die Oberliga, die dritthöchste Klasse, ausgeliehen wurde, war seine Entwicklung bestenfalls zu ahnen. In der Saison 2013/2014 verdrängte er den Stammkeeper und Publikumsliebling Jonathan Boutin. Danach wechselte er nach Straubing in die Deutsche Eishockey-Liga (DEL), spielt jetzt in Schwenningen und wurde diese Saison als bester Torhüter ausgezeichnet. „Das kann man nicht planen, ich spiele einfach gerne“, sagt Strahlmeier.

Diesen Weg geebnet haben ihm die Verantwortlichen in Weißwasser um den damaligen Trainer und jetzigen Manager Dirk Rohrbach. Sie leisten nämlich das, was sich der Bundestrainer von allen Erst- und Zweitligisten wünscht: „Langfristig muss es das Ziel sein, mehr deutsche Spieler einzubringen. Da sollte von den Vereinen mehr kommen.“ Neun ausländische Profis, also fast die Hälfte der Mannschaft, dürfen pro Spiel in der DEL eingesetzt werden, in der DEL 2 sind es vier. Die meisten Klubs verschaffen eher älteren Tschechen oder Kanadiern einen deutschen Pass, als Nachwuchsspielern zu vertrauen.

Mit fatalen Folgen, wie Sturm klarmacht. „Wenn man die anderen Nationen anschaut: Die Mannschaften werden immer jünger, immer schneller, immer athletischer“, sagt der 39 Jahre alte Chefcoach. „Bei uns geschieht das krasse Gegenteil. Das darf nicht passieren. Deshalb müssen wir so schnell wie möglich schauen, dass wir deutsche Spieler besser fördern.“ Er selbst geht mit gutem Beispiel voran wie voriges Jahr, als er mit Frederik Tiffels einen unbekannten Burschen nominierte, der in Amerika noch in der Nachwuchsliga spielte. Der damals 21-Jährige, der in Dresden wieder zum Aufgebot gehörte, wurde zum Shootingstar der Heim-WM.

Nun nimmt Sturm aus Sachsen wichtige Eindrücke mit und die Erkenntnis, dass für manchen seiner Probanden ein WM-Einsatz zu früh käme. Oder – wie für Strahlmeier – die Konkurrenz noch zu stark ist. „Momentan sind einige erfahrene Torhüter vor ihm“, sagt der Bundestrainer, „aber Dustin ist ein Mann für die Zukunft.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Thomas

    Deutschland braucht endlich wieder den Auf- und Abstieg zwischen der DEL2 und der DEL! Geschieht dies nicht, werden sich viele weitere "Fans" anderen Sportarten zuwenden. Ohne Wettbewerb werden die Spieler nur "verheizt" und gegeneinander ausgespielt. In keiner anderen Sportart gibt es einen solchen Hickhack um die Regeln und Lizensen. So macht man diesen Sport nur noch weiter kaputt. Wir wollen endlich positive Signale hören!!!

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