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Donnerstag, 01.11.2018

Ein bisschen Würde

Wie die Dresdnerin Margret Müller die Nothilfe im größten Flüchtlingslager der Welt managt.

Von Philipp Hedemann

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Im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch koordiniert Margret Müller unter anderem die Spendenverteilung.Fotos: Philipp Hedemann
Im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch koordiniert Margret Müller unter anderem die Spendenverteilung.Fotos: Philipp Hedemann

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  • Im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch koordiniert Margret Müller unter anderem die Spendenverteilung.Fotos: Philipp Hedemann
    Im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch koordiniert Margret Müller unter anderem die Spendenverteilung.Fotos: Philipp Hedemann
  • Für ihre Einsätze in den Krisenregionen dieser Welt verzichtet Margret Müller auf Freiheit und Laugenecken.
    Für ihre Einsätze in den Krisenregionen dieser Welt verzichtet Margret Müller auf Freiheit und Laugenecken.

Margret Müller steht auf einer sandigen Piste hinter einem klapprigen Lastwagen und überwacht die Ausgabe von weißen Pappkartons. In den Boxen befinden sich unter anderem Seife, Waschmittel, Zahnbürsten, Zahnputzpulver und Damenbinden. In Kutupalong, dem größten Flüchtlingslager der Welt, sollen die Hygiene-Artikel den Ausbruch schwerer Krankheiten verhindern und den Flüchtlingen ein bisschen Würde zurückgeben.

Fast eine Million Rohingya leben im Süden Bangladeschs. Die meisten von ihnen flohen vor einem Jahr vor Massakern an der muslimischen Minderheit aus dem buddhistischen Myanmar. Nun sitzen sie in den überfüllten Flüchtlingslagern im Nachbarland fest. Die Dresdnerin Margret Müller versucht, mit Hunderten anderen humanitären Helfern aus aller Welt zu verhindern, dass es in Kutupalong zur Katastrophe in der Katastrophe kommt. „Was ich hier mache, ist kein Nine-to-Five-Job. Den Beruf kann man nur machen, wenn man wirklich mit Leidenschaft dabei ist“, sagt Margret Müller. Und den Wunsch, Menschen in Not zu helfen, hatte die Dresdnerin schon früh.

Nach dem Abitur am evangelischen Kreuzgymnasium machte die heute 35-Jährige ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Einrichtung für Muskelschwund-Patienten in Jerusalem. Anschließend studierte sie Deutsch als Fremdsprache, Politische Kommunikation und Geschichte in Dresden, Berlin und Tel Aviv und promovierte schließlich über politische Kommunikation im Nahen Osten. Doch schon während der Promotion zog es sie als humanitäre Helferin immer wieder aus dem Vorlesungssaal in Katastrophen- und Kriegsgebiete in aller Welt. Im Iran und in Nepal war sie nach schweren Erdbeben im Einsatz, auf den Philippinen und der Südsee-Insel Vanuatu half sie nach verheerenden Taifunen, im Bürgerkriegsland Zentralafrikanische Republik – einem der gefährlichsten Länder für humanitäre Helfer – organisierte sie unter anderem Hilfsgüterverteilungen – inmitten von Kämpfen.

Reisbriketts statt Feuerholz

„Ich bin kein Adrenalin-Junkie, aber ich weiß, dass meine Arbeit wichtig ist, und dass ich sie gut mache. Auch wenn mein Job mich manchmal psychisch und physisch an meine Grenzen bringt, funktioniere ich auch in stressigen und gefährlichen Situationen“, sagt sie. In der immer noch männlich dominierten Welt der humanitären Hilfe hat ihre Coolness und Professionalität ihr so schon viel Respekt verschafft.

In Bangladesch pendelt sie derzeit zwischen der Distrikt-Hauptstadt Cox’s Bazar und dem Flüchtlingslager Kutupalong. Ist sie im Büro, erstellt die Sächsin, die Englisch, Hebräisch, Französisch und ein paar Brocken Arabisch spricht, unter anderem Katastrophenvorsorge-Pläne und bespricht mit Mitarbeitern der Vereinten Nationen und anderer Hilfsorganisationen, wie alle Maßnahmen so koordiniert werden können, dass in den unübersichtlichen Lagern niemand übersehen wird, es aber auch nicht zu Doppelversorgungen kommt.

Ist sie im Lager, geht sie bei Temperaturen von über 30 Grad und tropischen Regenfällen oft stundenlang mit einem Übersetzer von Hütte zu Hütte, spricht mit Frauen, die in Myanmar vergewaltigt worden sind, trifft Mütter, die auf der Flucht Kinder verloren haben, überprüft, ob die Vorhaben der Welthungerhilfe die erhofften Wirkungen erzielen und ermittelt, welche weiteren Projekte notwendig sind, um den Menschen in den Lagern ein halbwegs würdevolles Leben zu ermöglichen.

Margret Müller kümmert sich auch um die Verteilung von Briketts aus gepressten Reisschalen. So soll verhindert werden, dass die Flüchtlinge auf der Suche nach Feuerholz die letzten verbliebenen Bäume im stark erosionsgefährdeten Lager abholzen. Feuerholzsuche ist bei den Rohingya traditionell Kinder-, Mädchen- und Frauenarbeit – und das ist gefährlich. Da die Mütter und Töchter auch vor Sonnenaufgang und nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs sind, kommt es immer wieder vor, dass sie bedroht, belästigt oder sogar vergewaltigt werden. Die Reisbriketts machen das Leben der Frauen und Mädchen jetzt sicherer. Zudem bildet die Welthungerhilfe im Flüchtlingslager Hygiene-Helfer aus, die über Ernährung, Gesundheit und Familienplanung aufklären. Außerdem werden Ersthelfer für Notfälle trainiert und Menschen in den Lagern auf die nächsten heftigen Regenfälle vorbereitet.

Wenn Margret Müller abends durchgeschwitzt oder nassgeregnet ins Hotelzimmer kommt, das derzeit ihr Zuhause ist, checkt sie meist zunächst die Nachrichten. Egal ob CNN, Al Jazeera oder BBC – nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz tauchte auch ihre 7500 Kilometer entfernte sächsische Heimat immer wieder in den Schlagzeilen auf. „Ich finde es wirklich beschämend, was dort passiert. Auch wenn das bunte und weltoffene Sachsen größer ist als das dunkle Sachsen“, sagt die Dresdnerin.

Die Heimat in den Nachrichten

Bangladesch hat im vergangenen Jahr innerhalb weniger Wochen rund 700 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die vielen Vertriebenen stellen das arme und dicht besiedelte Land vor große Herausforderungen. „Aber die Rohingya sind hier überwiegend freundlich empfangen worden. Dass Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflüchtet sind, jetzt ausgerechnet in meiner reichen Heimat teilweise offener Hass entgegenschlägt, finde ich schlimm“, sagt Margret Müller, die zwischen ihren Katastropheneinsätzen so oft wie möglich ihre Oma in Striesen besucht. Mit den meisten Familienmitgliedern und Freunden in Dresden, Berlin, Köln, Tel Aviv und der ganzen Welt ist die Weltreisende regelmäßig per E-Mail, Skype und WhatsApp in Kontakt. Will sie wissen, wie es Oma geht, muss sie persönlich vorbeikommen.

Außer ihrer Oma, ihren Freunden, Laugenecken und gutem Käse vermisst Margret Müller während ihrer Auslandseinsätze vor allem etwas, was den meisten Menschen in ihrer Heimat als völlig selbstverständlich erscheint: Freiheit. „In Europa können wir unser Leben frei gestalten. Wir können anziehen, was wir wollen, die unterschiedlichsten Menschen kennenlernen, reisen, einen Beruf wählen und uns in die Gesellschaft einbringen. Ich weiß das sehr zu schätzen“, sagt die Weltreisende.

Noch weiß sie nicht, wohin es sie in ihrem nächsten Einsatz verschlagen wird. Sie weiß nur: Arbeit gibt es für erfahrene Helferinnen wie sie mehr als genug. Ist die Not in einer Krisenregion gelindert, zerstört eine Katastrophe in einer anderen Krisenregion Leben und Lebensgrundlagen. Margret Müller: „Davon darf man sich nicht entmutigen lassen. Man muss allerdings auch aufpassen, dass man nicht abstumpft. Aber: Man kann auch nicht jedes Mal heulen, wenn Menschen Schlimmes widerfährt oder sie sogar sterben. Sonst würde man an dem Job zerbrechen – und damit wäre niemandem geholfen.“