erweiterte Suche
Freitag, 09.11.2018

Ein Bayer für Europa

Die Europäische Volkspartei schickt Manfred Weber als Spitzenkandidaten in die Europawahl 2019.

Von Detlef Drewes, SZ-Korrespondent zzt. Helsinki

Manfred Webe überzeugte mit seiner Bewerbungsrede. Foto: M. Ulander/Lehtikuva/dpa
Manfred Webe überzeugte mit seiner Bewerbungsrede. Foto: M. Ulander/Lehtikuva/dpa

© dpa

Die europäischen Christdemokraten gehen mit Manfred Weber als Spitzenkandidat in die Europawahl 2019. Der 46-jährige Niederbayer wurde am Donnerstag mit 79,2 Prozent der Stimmen vom Konvent der Europäischen Volkspartei in Helsinki gewählt. Die übrigen Stimmen entfielen auf seinen Gegenkandidaten, den ehemaligen finnischen Ministerpräsidenten Alexander Stubb. Damit hat Weber beste Chancen, Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident zu beerben. Doch für welches Europa steht Weber eigentlich?

Der „Manfred“: So nennen sie ihn alle beim Parteitag der Europäischen Christdemokraten. Und so steht es auch auf den Lebkuchen-Herzen, die seine Wahlkampfhelfer verteilen, eingepackt in eine Folie, verziert mit einem aufgeklebten Foto des studierten Diplomingenieurs.

Der CSU-Politiker ist beliebt. Fast schon artig bedankt er sich bei jedem für die Grüße und Glückwünsche zu seiner Wahl. „Das ist wirklich nett“, sagt er dann. Der CSU-Politiker aus dem niederbayerischen Wildenberg (Landkreis Kelheim) tritt auf, wie er sich in einem Bewerbungsvideo vorstellt: ein Handschlag für die Bäckerin zu Hause, ein kurzes Winken zum Mann auf der anderen Straßenseite – kein Protzen mit seinen Treffen in den Machtzentren Europas. Dabei sind zumindest die Mächtigen der Christdemokraten in die finnische Hauptstadt gekommen, um für Weber zu werben.

2002, mit 30 Jahren, zog er bereits in den bayerischen Landtag ein. Zwei Jahre später wechselte er als Innenpolitiker ins Europaparlament. Dennoch ging die innerparteiliche Karriere weiter. 2008 übernahm er den Vorsitz des mächtigen Bezirksverbandes Niederbayern der CSU, 2015 stieg er als stellvertretender Parteichef in die Führungsetage der Christsozialen auf. Inzwischen wird er selbst von Seehofer als potenzieller Nachfolger an der Spitze der CSU ernstgenommen – auch wenn er in Brüssel bleiben würde.

Diesen Weg schafft man nicht, wenn man immer nur brav, zurückhaltend und nett ist. „Der Manfred hat seine politischen Ambitionen seit Jahren zielstrebig verfolgt“, sagt einer aus seinem direkten Umfeld. Nun streckt der Bayer die Hand nach dem mächtigsten Amt der EU aus: Dass die Christdemokraten bei der Europawahl wieder die stärkste Fraktion im Straßburger Parlament stellen werden, gilt als sicher. Damit wäre Weber als deren Spitzenkandidat auch der Anwärter auf das Amt des Kommissionspräsidenten.

„Lasst uns ein mehr geeintes, beschützendes und ambitioniertes Europa miteinander bauen“, sagte er am Donnerstag, als er noch einmal um die Stimmen der Delegierten kämpfte. „Manfreds größte Stärke ist, dass er von seinen Gegnern unterschätzt wird“, meinte ein Vertreter aus der Führungsebene von Europas Christdemokraten. Tatsächlich legt Weber zwar auch hinter verschlossenen Türen seine verbindliche Art nicht ab. Als Kommissionspräsident würde Weber „nicht so laut bellen, wäre aber trotzdem ein scharfer Hund“, sagen Delegierte. Die Beitrittsgespräche mit der Türkei will Weber beenden, In der Flüchtlingsfrage fordert er mehr Schutz der Außengrenzen, Auffanglager in Nordafrika, eine beschleunigte Rückführung der Migranten, die kein Recht auf Asyl haben. Klimaschutz hält Weber für unverzichtbar. Im Streit der EU mit Polen und Ungarn fordert er „neue Instrumente, um Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen“.

Weber ist ein christdemokratischer Gegenentwurf zum Nationalismus in der EU. „Europa zusammenhalten, das treibt mich an“, sagte Weber. „Es gibt keine guten und schlechten Europäer, es gibt nur Europäer.“

Ob das „Konzept Weber“ aufgeht, wird sich zeigen, wenn die europäischen Bürger Ende Mai 2019 zur Stimmabgabe gerufen werden. Weber könnte der zweite deutsche Kommissionspräsident nach Walter Hallstein werden, der die Behörde zwischen 1958 und 1967 geleitet hatte.