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Montag, 30.04.2018

Dynamos Sündenbock

Nach der Niederlage gegen Düsseldorf steht vor allem Torwart Marvin Schwäbe in der Kritik, aber ist die auch berechtigt?

Der Moment des kollektiven Entsetzens: Marvin Schwäbe liegt zwar in der Ecke, aber der Ball bereits im Netz. Jetzt gibt es eine Torwart-Diskussion.
Der Moment des kollektiven Entsetzens: Marvin Schwäbe liegt zwar in der Ecke, aber der Ball bereits im Netz. Jetzt gibt es eine Torwart-Diskussion.

© Robert Michael

Der Schuldige ist schnell gefunden. Bei Dynamos Fans hatte Marvin Schwäbe nie einen besonders hohen Stand, seit Samstag ist der Torwart endgültig untendurch. Aber nicht nur auf den Rängen wird über ihn diskutiert, sondern offenbar auch in der Mannschaft. „Wobei ich sagen muss, dass gefühlt jeder Graupenschuss bei uns im Netz zappelt“, sagt jedenfalls Florian Ballas. Er trägt bei dieser überflüssigen 1:2-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf die Kapitänsbinde; selten hat der gesperrte Marco Hartmann der Mannschaft so sehr gefehlt wie an diesem Nachmittag – und das nicht nur auf dem Platz.

Fotos vom Spiel

Uwe Neuhaus will sich den späten Gegentreffer durch Rouwen Hennings noch mal anschauen. „Dazu kann ich nächste Woche etwas sagen.“ Mag sein, dass der Chefcoach gemeinsam mit Torwarttrainer Brano Arsenovic den Schuss aus 18 Metern ins linke untere Eck ebenso für haltbar hält wie die etwa 27 000 Zuschauer in Schwarz-Gelb. So klar wollte das Ballas dann zwar doch nicht sagen, „aber gefühlt ist es die gesamte Saison schon so, dass der Ball drin ist, wenn der Gegner von 16 Metern platziert in die Ecke schießt“.

Deutlicher kann man einen Mitspieler kaum kritisieren, wobei unklar ist, ob er Markus Schubert mit einbezieht. Schließlich hatte der als Schwäbe-Vertreter in neun Spielen 15 Gegentore kassiert. Neuhaus begründete den Torwart-Rücktausch danach mit dem Spielsystem, wegen dem wiederum einige dem Trainer jedes verlorene Spiel ankreiden. Diesmal stellt sich tatsächlich die Frage nach der taktischen Ausrichtung. Ballas spricht auch diesen wunden Punkt an: „Meiner Meinung nach müssen wir als Mannschaft besser abwägen, vielleicht mit dem Punkt zufrieden zu sein und den mitzunehmen.“ Stattdessen gehen die Schwarz-Gelben – angefeuert und angetrieben von der großartigen Stimmung im ausverkauften DDV-Stadion – in der Schlussviertelstunde voll auf Sieg.

Das hätte sogar fast geklappt, aber eben nur fast. „Wir hatten vor dem 1:1 einen Pfostenschuss, danach drei riesige Torchancen – davon mussten wir eine machen“, sagt Neuhaus. Für ihn ist das Thema deshalb ein anderes, nämlich die Abschlussschwäche. „Darüber können wir jede Woche reden, es jede Woche trainieren. Wir müssen das Ding über die Linie bugsieren.“

Das Dynamo-Zeugnis: Problemzone links

1 von 14

Marvin Schwäbe: 3

Jeder Schuss ein Treffer? Die Diskussion ist ungerecht. Er hält zweimal hervorragend und verhindert eine frühe Entscheidung (37., 84.).

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Paul Seguin: 5

Mal wieder ein schwarzer Tag auf der falschen Position. Viele Fehlpässe, ein gelungener Seitenwechsel vor Testroets Pfostenschuss (54.).

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Florian Ballas: 4

Moniert hinterher zu Recht das zu hohe Risiko in der Schlussphase. Aber er als Kapitän und Innenverteidiger muss doch darauf einwirken.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Marcel Franke: 4

Beim 0:1 fehlt auch ihm die Orientierung, kommt deshalb gegen Neuhaus zu spät. Für eine Führungsrolle noch zu zurückhaltend.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Niklas Kreuzer: 4

Wenn die Post nach vorn abgeht, ist er in seinem Element, seine Flanken könnten aber besser kommen. Schwächen in der Defensive.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Manuel Konrad: Vor der Pause zu oft mit dem Alibipass, danach wie die Mannschaft stärker. Vor dem späten Gegentor greift er Nielsen nicht richtig an.

Aias Aosman: 6

Das ist von allem zu wenig, angefangen bei der Körpersprache. So verspielt er seine Einsatzchance – bei Dynamo wie in der syrischen Nationalelf.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Rico Benatelli: 3

Verdient sich als Dauerläufer (12,24Kilometer) erneut ein Fleißbienchen, aber auch von ihm geht zu wenig Gefahr aus.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Haris Duljevic: 4

Seine Vorarbeit zum Tor ist großartig, aber auch die einzige wirklich zielgerichtete Aktion. Der Dribbelkönig ist bisweilen zu verspielt.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Erich Berko: 3

Ist ein Aktivposten, arbeitet auch viel nach hinten und bereitet ein Tor vor – nur beinahe. Testroet trifft den Pfosten.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Pascal Testroet: 3

Startelf-Comeback nach 272Tagen. Er rechtfertigt den Einsatz mit hohem Einsatz. Aber das Schussglück fehlt.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Moussa Koné: 3

Mit ihm kommt Tempo ins Spiel, erzielt das Tor zum Ausgleich, hat danach aber noch zwei gute Chancen: drüber (77.), ausgerutscht (84.).

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Philip Heise: 4

Macht über die linke Seite Dampf, fehlt aber dann hinten.

SZ-Noten: 1 = überragend; 2 = stark; 3 = solide; 4 = mangelhaft; 5 = enttäuschend; 6 = indiskutabel

Nicht zu bewerten: Sascha Horvath. (SZ/-ler)

Fortuna-Keeper hält gegen Testroet

Das führt wiederum zurück zur Torwartfrage. Pascal Testroet grübelt jedenfalls, wie Fortuna-Keeper Raphael Wolf seinen verdeckten Schuss in der 88. Minute halten konnte. „Den sieht doch gar keiner.“ Über das, was im Gegenzug passiert, gehen die Meinungen auseinander. „Wir sind nicht ins offene Messer gelaufen“, meint Neuhaus. „Es waren einfach wieder zwei, drei Fehler in Reihe und am Ende einer zu viel.“

Letzteres ist sicher nicht falsch, dieses 1:2 für Ballas trotzdem die logische Folge. „Wenn ich sehe, dass die vorher drei-, viermal mit Fünf gegen Drei auf uns zu gerannt sind, braucht man sich nicht zu wundern“, sagt der Innenverteidiger. So steht Hennings völlig frei. „Dass er einen guten linken Fuß hat, wissen wir. Dass er in so einer Situation trifft, passt zur ganzen Geschichte und dem Drumherum. Wir sind leider die Leidtragenden.“ Was Neuhaus meint und sein Trainerkollege nach der Aufstiegsbierdusche in der Pressekonferenz sagt, ist dieses Oben-Unten-Ding. „Ich kenne solche Situationen, habe oft genug im Abstiegskampf gehangen“, erklärt Friedhelm Funkel. „Ich weiß, dass die Mannschaft, die oben steht, das Glück oft hat, das der Mannschaft, die unten steht, fehlt – obwohl sie gut gespielt hat.“

Gut gespielt – und auch das gehört zur Analyse – gelingt Dynamo jedoch mal wieder nur eine Halbzeit lang. Vor der Pause ist die Düsseldorfer Führung, für die Florian Neuhaus schon in der neunten Minute sorgt, nicht nur verdient. Sie fällt angesichts der spielerischen Überlegenheit der Gäste zu knapp aus. Und es ist übrigens Schwäbe, der reflexartig mit dem Fuß pariert, als keiner seiner Vorderleute den Japaner Takashi Usami stoppen kann (37.).

Da heißt der Sündenbock bei Schwarz-Gelb noch Paul Seguin, wobei seine Fehlerquote nicht viel höher ist als die anderer. Neuhaus schickt deshalb schon nach einer halben Stunde erst Moussa Koné und dann Philip Heise zum Aufwärmen. „Es kann ein Spieler auch mal einen schlechten Tag haben, dann muss man reagieren“, erklärt er. „Ich bin auch bereit, in der fünften Minute zu wechseln, wenn es sein muss.“ Nach der Pause kommt Koné und mit ihm endlich Dynamik ins Dresdner Spiel.

Ob das am nun auf zwei Stürmer umgestellten System liegt oder eher am Mute der Verzweiflung, lässt sich nur mutmaßen. „Vielleicht lag die Verkrampfung in der ersten Halbzeit auch an dem Wissen, gegen einen starken Gegner zu spielen und trotzdem etwas holen zu müssen“, sagt Neuhaus. Plötzlich haben sie etwas, einen Punkt, der so wichtig gewesen wäre. Koné erzielt nach einem Traumpass von Haris Duljevic das 1:1. Dass Fortuna-Torwart Wolf am Ball ist, ihn aber nicht abwehren kann, ist hinterher kein Thema.

Düsseldorf feiert den Aufstieg in die Bundesliga, Dynamo hadert mit sich und der Welt und ganz besonders mit dem Torhüter. Schwäbe selbst will sich danach nicht äußern, also reden andere über ihn, mancher indirekt wie Manuel Konrad: „Wir sind drauf und dran, das Ding zu drehen und, ja, einfach so ein Schuss, das tut richtig weh.“ Sein schlechtes Zweikampfverhalten vorher ließ er unerwähnt.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. AnW

    Sündenbock ist etwas übertrieben, Herr Kreutzer z.B. steht bei beiden Toren auch nur freundlich daneben und macht immer das falsche. Wenn Du aber in den letzten beiden Heimspielen 8 Bälle auf das Tor bekommst und 6 davon liegen im Netz und in beiden Spielen der gegnerische Torwart zeigt was ein reaktionsschneller Torwart Wert ist, dann wirkt Herr Schwäbe auf der Linie eher behäbig, vom Rauslaufen mag ich hier gar nicht sprechen. Das merken ja die Mitspieler auch, Herr Schwäbe sollte Sicherheit geben und zwar als Torwart und nicht als Libero. Ich habe in den letzten 2 Jahren nicht eine Parade gesehen, wo ich dachte "eh wie hat er den jetzt rausgeholt" und ich war bei jedem Heimspiel dabei. Lass mich gern vom Gegenteil überzeugen.

  2. Mitglied

    Wir werden nicht absteigen. Nicht weil wir so gut sind, sondern weil drei andere noch schlechter sind. Ich hoffe, dass die Vereinsführung konsequent den nächsten Schritt geht. Und der heißt: Neuausrichtung für die nächste Saison. Mit einem neuen Trainer und einer Menge neuer, anderer Spieler. Dieses Ensemble hat bewiesen, dass es höchstens zweitligatauglich ist. Uwe Neuhaus ist ein (guter) Zweitliga-Trainer. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Aufstieg oder Aufstiegsnähe wird es mit ihm nicht geben. Schon gar nicht nach dieser Saison. Die Autorität ist mehr als angekratzt. Und es muss endlich ein Mental-Trainer her. Fußball-Spiele werden im Kopf entschieden. Das ist kein leerer Spruch, sondern kann man jedes Wochenende erleben. Also muss endlich da investiert werden. Und wenn es nur zwei, dreien hilft. Das kann schon den Unterschied ausmachen. Also Dynamo-Management, weitere Schritte in Richtung Professionalisierung gehen und aus dieser verkorksten Saison lernen.

  3. Sommi 70

    Genau ....Dynamo sollte Aufsteiger sein in die 1.Liga. ...Kompliment an meinen Vorredner. ...das kann nur jemand von sich geben der einen hohen Grad an "Sachverstand" in sich trägt !!! Vielleicht gibt es noch Leute hier die etwas Demut in sich tragen und das Wert schätzen was dieser Verein mit der gesamten Führung ob die sportliche oder die wirtschaftliche ...geleistet haben !!! Danke an die handelten Personen von meiner Seite ! Meine Meinung nach hatte Marvin Schwäbe nicht die große Schuld an der Niederlage sondern wenn ich sehe wie bei beiden Gegentoren Niklas Kreuzer jedesmal die Mitte aufmacht und die Düsseldorfer zum schießen einlädt dann bin ich geneigt zu sagen .....Herr Kreuzer Note 6 setzen

  4. Manfred Hengst

    Ich bin der Ansicht der Trainer sollte die Spieler von den er weis das sie Dynamo verlassen in den letzte beiden Spielen nicht mehr einsetzen. Die haben doch meist ein sichere Zukunft in Liga 2 sicher. Kämpfen sollen diejenigen die Dynamo in der 2. Liga halten wollen. Es geht doch Dynamo wie den Bayern ´, wer selbst keine Tore macht kommt nicht weiter. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf das werder Dynamo noch Aue absteigen

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