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Donnerstag, 14.06.2018

Dynamos neue Erfahrung

Die Dresdner setzen bei ihren Neuzugängen verstärkt auf gestandene Profis. Damit wollen sie das Führungsproblem lösen.

Von Sven Geisler

Patrick Ebert kam in Ingolstadt kaum noch zum Einsatz, bei Dynamo soll er eine Führungsrolle übernehmen.
Patrick Ebert kam in Ingolstadt kaum noch zum Einsatz, bei Dynamo soll er eine Führungsrolle übernehmen.

© imago/Stefan Bösl

Er bringt etwas mit, was Dynamo in der vorigen Saison gefehlt hat: Erfahrung. Patrick Ebert ist 31, hat für Hertha BSC in der Bundesliga sowie bei Real Valladolid in Spanien gespielt. Kristian Walter, der amtierende Sportgeschäftsführer, erwartet deshalb, dass der Neuzugang „eine echte Verstärkung für das gesamte Gefüge“ sein wird. Er soll helfen, das Führungs- und Mentalitätsproblem der Dresdner zu lösen.

In den vergangenen Jahren waren vorwiegend junge Spieler mit Entwicklungspotenzial verpflichtet worden, man setzte darauf, dass einige in eine Führungsrolle wachsen. Was manche aber weder wollen noch können. Je bedrohlicher die Lage im Abstiegskampf wurde, desto mehr wurden die Typen vermisst, die einer Mannschaft durch ihre Ausstrahlung Stabilität verleihen können. Stattdessen machte sich Verunsicherung breit. Mit Marco Hartmann fehlte zudem einer in 15 Spielen, der diese Rolle als Kapitän übernehmen muss – und das auch kann.

Dörner: Das darf nicht passieren

„Ich glaube, dass die Mannschaft auf dem Platz insgesamt zu ruhig ist“, hat Vereinslegende Hans-Jürgen Dörner bei „1953 – der Dresdner Fußballtalk“ festgestellt. Das sei unter anderem auch ein Grund für die vielen Gegentore in den Schlussminuten gewesen. „Das darf nicht passieren“, sagt „Dixie“. Es muss jemand da sein, der noch mal aufruft zur Konzentration über die 90 plus fünf Minuten.“

Einer wie Ebert? Dynamo hat gute Erfahrungen damit gemacht, ältere Profis als „Leitwolf“ zu holen. Als Steffen Heidrich 2001 von Energie Cottbus kam, galt er mit fast 34 Jahren bereits als Auslaufmodell. Er selbst begriff seinen persönlichen Abstieg von der Bundesliga in die viertklassige Amateuroberliga jedoch als Chance, etwas zu bewegen – und führte die Schwarz-Gelben zu zwei Aufstiegen und damit zurück in den Profi-Fußball. Ähnlich lief es mit Cristian Fiel. Auch er wurde zuvor bei seinem Verein, Alemannia Aachen, mit 30 bereits aufs Altenteil geschoben. Bei Dynamo war der defensive Mittelfeldspieler danach fünf Jahre lang der Chef auf dem Platz und in der Kabine.

In diese Reihe gehört auch Andreas Lambertz, der 13 Jahre für Fortuna Düsseldorf gespielt hatte, bevor er 2015 nach Dresden gekommen ist: als Stabilisator für die junge Truppe. Diesen Auftrag hat „Lumpi“ im Aufstiegsjahr und der ersten Zweitliga-Saison bestens erfüllt, war aber zuletzt von Trainer Uwe Neuhaus nicht mehr berücksichtigt worden. Nun kehrt er wahrscheinlich als Führungskraft fürs U23-Team zur Fortuna zurück. „Er war auf dem Platz sehr kommunikativ“, sagt Walter über Lambertz. „Er ist ruhig geblieben in Drucksituationen, hat andere Spieler nicht nur durch Schreien gepusht, sondern ihnen Handlungslösungen gegeben.“

Diese Einschätzung beschreibt einen Führungsspieler sehr gut. Walter meint aber auch, dass man solche Charaktere nicht verpflichten könne. „Sie entwickeln sich in einer Mannschaft“, sagt der 33-Jährige und nennt Michael Hefele als Beispiel. „Im ersten Jahr hatte er mehr mit sich selbst zu tun, stand sogar mal nicht in der Startelf. Dann hat er die Verantwortung, die man ihm übertragen hat, perfekt angenommen und umgesetzt.“ Neuhaus hatte Hefele zum Kapitän ernannt.

Solche Typen seien jedoch rar im deutschen Profi-Fußball, meint Christian Beeck. Seine Erklärung: „Das passiert aufgrund der Ausbildung. Wir hätten gerne angepasste Spieler, die nicht anecken“, sagt der frühere Bundesligaspieler von Energie Cottbus. „Das hilft einer Führungspersönlichkeit nicht, weil die sich nur durch Reibung und Konfliktpotenzial entwickeln kann.“ Das müsse man provozieren, wenn man solche Spieler entwickeln wolle. „Das kann man, das schafft man. Es ist nur anstrengender.“

Beeck meint auch Dynamo, wenn er allgemein erklärt: „Eine Mannschaft benötigt Führung, die nicht nur von außen kommt.“ Der Trainer könne Vorgaben machen, aber sie 90, 95 Minuten im Spiel umzusetzen, sei die Herausforderung. „Wenn 30 000 im Stadion brüllen, hört den Trainer draußen keiner mehr.“ Deshalb braucht es auch in Zeiten von flachen Hierarchien die Ansager auf dem Platz, Spieler, die sich selbst dann nicht verunsichern lassen, wenn es für sie persönlich weniger gut läuft.

Um diese Lücke im Kader zu schließen, sind drei von bisher vier Neuzugängen bei Dynamo keine hoffnungsvollen Talente mehr, sondern gestandene Profis. Außer Ebert kommt Dario Dumic als Leihgabe vom FC Utrecht. Der bosnische Auswahlspieler ist 26 und kann laut Walter „über seine ausgeprägte Mentalität Akzente setzen und seine Mitspieler mitreißen“. Dazu in der Lage ist vermutlich Brian Hamalainen, die Verpflichtung des 29 Jahre alten Dänen aber bisher nur aus Versehen von seinem Ex-Verein Zulte Waregem in Belgien bestätigt worden. Er passt aber sehr gut zur modifizierten Personalstrategie.

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