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Dienstag, 02.05.2017

„Du hast trotzdem gewonnen“

Marc Schulze läuft beim Oberelbe-Marathon einsam und vergeblich gegen die Zeit. Über einen neuen Rekord freuen sich indes die Organisatoren.

Von Tino Meyer

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So sehen Marathon-Sieger aus und zwar eine halbe Minute nach dem Zieleinlauf. Marc Schulze freut sich über seinen Erfolg, und auch mit der Zeit kann er leben – weil er weiß, alles versucht zu haben.
So sehen Marathon-Sieger aus und zwar eine halbe Minute nach dem Zieleinlauf. Marc Schulze freut sich über seinen Erfolg, und auch mit der Zeit kann er leben – weil er weiß, alles versucht zu haben.

© Thomas Kretschel

  • So sehen Marathon-Sieger aus und zwar eine halbe Minute nach dem Zieleinlauf. Marc Schulze freut sich über seinen Erfolg, und auch mit der Zeit kann er leben – weil er weiß, alles versucht zu haben.
    So sehen Marathon-Sieger aus und zwar eine halbe Minute nach dem Zieleinlauf. Marc Schulze freut sich über seinen Erfolg, und auch mit der Zeit kann er leben – weil er weiß, alles versucht zu haben.
  • Manfred Hielscher ist seit der Premiere 1998 in jedem Jahr dabei. Und der Lößnitzer kann das sichtlich stolz belegen.
    Manfred Hielscher ist seit der Premiere 1998 in jedem Jahr dabei. Und der Lößnitzer kann das sichtlich stolz belegen.
  • Letzte Woche Hamburg, diesmal in Dresden. Die Mexikaner Nora Jimenez und Victor Bracamontes sind begeistert – und schnell.
    Letzte Woche Hamburg, diesmal in Dresden. Die Mexikaner Nora Jimenez und Victor Bracamontes sind begeistert – und schnell.

Was sind ein paar Sekunden im Vergleich mit diesen Schmerzen? Verfehlte Bestzeit hin, Top-Wetter her – wenn der Körper nicht mehr wirklich will, zählt nur noch eins: Ankommen. Es ist schließlich nicht allein das sonnige Wetter, und es hat auch weniger mit dem ganz schönen wie fordernden Profil des VVO-Oberelbe-Marathons zu tun. Der Mythos dieser Distanz kommt nun mal nicht von ungefähr, was in Gänze wohl nur diejenigen nachvollziehen können, die schon mal selbst jene 42,195 Kilometer gelaufen sind.

Als Gewinner dürfen sich im Ziel deshalb grundsätzlich alle fühlen (und natürlich auch die, die den halben Marathon geschafft haben sowie die zehn oder die fünf Kilometer). Sieger gibt es jedoch auch bei der 20. Auflage des Landschaftslaufs von Königstein bis nach Dresden nur einen. Der neue ist der alte, und Marc Schulze hat am Sonntag allen Grund, sich feiern zu lassen.

Jeder Kilometer ein Kampf

Der 32-Jährige reißt also die Arme hoch, aber nur kurz. Dringender braucht er sie fürs Abstützen auf den Knien. Die Erschöpfung ist ihm anzusehen. Seine Mundwinkel sind weiß, der Blick leicht entrückt und die Gedanken irgendwo. „Endlich ist es vorbei. Ab 30 war jeder Kilometer ein Kampf“, denkt er in dem Moment, wie er später verrät. Fertig, Aus und Ende.

Dass es mit dem Streckenrekord, den er sich in seinem letzten Marathon als semi-professioneller Läufer so sehr gewünscht hat, nichts geworden ist, weiß Schulze natürlich nicht erst beim Überqueren der Ziellinie. Jetzt aber ist es offiziell, jetzt steht da 2:25:57 im Ergebnisprotokoll – und der Dresdner ein bisschen verloren auf der roten Tartanbahn im Heinz-Steyer-Stadion.

Man möchte ihn in die Arme nehmen, gratulieren zum starken Lauf einsam und allein gegen die Zeit, zum Mut, es bis zum Schluss und gegen alle Widerstände probiert zu haben. Und zum Glück macht das Uwe Sonntag auch. „Du hast trotzdem gewonnen“, sagt der Rennleiter aufmunternd. Neben der Bestmarke von insgesamt 6 342 Teilnehmern hatte sich auch Sonntag fürs Jubiläum den Streckenrekord erhofft, nur ist im Sport nicht alles planbar und beim Marathon gleich gar nicht, was Schulze einmal mehr bewusst wird.

Einen Kilometerschnitt von drei Minuten und 20 bis 22 Sekunden hatte er sich vorgenommen – entspricht einer Endzeit von rund 2:22 Stunden. „Damit ich einen Puffer habe, weil ich wusste, dass es am Ende hart wird“, erklärt Schulze danach. Der Dresdner kennt die Strecke aus dem Effeff, vor allem die Passagen ab Pirna. Doch spätestens nach der Hälfte des Rennens ist ihm klar, dass sein Vorhaben ein vergebliches ist. 1:12:28 Stunden zeigt die Uhr, und das ist selbst mit einer für Top-Athleten nicht ungewöhnlichen schnelleren zweiten Hälfte nur schwer aufzuholen. „Da macht dann auch der Kopf zu“, sagt Schulze.

Am Ende sind es exakt zwei Minuten und 19 Sekunden, die zur neuen Bestzeit fehlen. Oder umgerechnet 3,3 Sekunden pro Kilometer. „Ich war am Anschlag, habe alles versucht und mich unterwegs immer wieder gepusht. Es sollte nicht sein. Der Sieg ist ja auch nicht schlecht, das war das Minimalziel“, erzählt Schulze, als der Zweitplatzierte das Ziel erreicht. Es ist Niels Bubel, Vorjahreszweiter und mit seinen 2:23:38 aus dem Jahr 2013 also weiterhin Streckenrekordhalter. Beide klatschen ab und gratulieren sich gegenseitig. „Respekt für Niels’ seine Zeit, die wird sicher noch ein paar Jahre stehen bleiben – wenn nicht ein afrikanischer Läufer kommt. Ich wünsche allen, die es nach mir probieren, viel Erfolg“, sagt der Sieger und er erklärt, nun dringend etwas trinken zu müssen.

Eine halbe Stunde später sieht man ihn milde lächelnd auf dem Rasen sitzen und am Nachmittag mit seiner Tochter auf Tour – sie mit dem Rad, er im Trab hinterher. „Der Spielplatz ist das Ziel“ ruft er, und sie erwidert keck: „Du musst gewinnen.“

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