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Samstag, 14.07.2018

Dschihad-Kontaktmann mit 16 Identitäten

Ein Tunesier, der eine Zeit lang in Riesa lebte, hatte mit Attentäter Anis Amri zu tun. Bei der Polizei kennt man ihn nur wegen eines kleineren Delikts.

Von Christoph Scharf

Symbolbild: Wie viele Pässe oder Ausweise wird er wohl gehabt haben. Denn Sabou S. soll unter mindestens 16 verschiedenen Identitäten aufgetreten sein.
Symbolbild: Wie viele Pässe oder Ausweise wird er wohl gehabt haben. Denn Sabou S. soll unter mindestens 16 verschiedenen Identitäten aufgetreten sein.

© Sebastian Gollnow / dpa

Riesa. Telefonüberwachung, Chat-Mitschnitte, Observationen: Sabou S. und seine Bekannten hatten das Bundeskriminalamt (BKA) über Monate hinweg schwer beschäftigt. Die Ermittler wollten wissen, ob der zeitweise in Riesa untergebrachte Tunesier womöglich nach Deutschland gekommen war, um einen Anschlag zu begehen. Kontakte zu Dschihadisten gab es jedenfalls einige, wie aus den der Zeitung „Die Welt“ vorliegenden Akten hervorgeht.

In Riesa fiel der damalige Asylbewerber aus Tunesien jedenfalls kaum auf: Die Sozialarbeiter beschreiben ihn als freundlich und unauffällig. Und auch bei der Landespolizei ist der 30-Jährige nach SZ-Informationen lediglich wegen eines kleineren Drogendelikts aktenkundig. Sabou S. ist allerdings auch unter mindestens 16 verschiedenen Identitäten aufgetreten.

Während sein Bekannter Anis Amri nach dessen Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz von einem italienischen Polizisten erschossen wurde und seine IS-Kontaktperson Denis Cuspert offenbar im Irak ums Leben kam, wurde Sabou S. wohl mittlerweile abgeschoben: Offenbar war ihm nicht genug nachzuweisen, um eine Verurteilung samt Haftstrafe zu rechtfertigen. Im Umfeld zweier tunesischer Cliquen um Amri und Sabou S., die aus Sachsen bald nach Berlin weitergereist waren, verhielt man sich allerdings nach Informationen der „Welt“ konspirativ: Handys wurden ständig gewechselt, Chat-Nachrichten verschlüsselt ausgetauscht, beim Verdacht auf Observierungen in letzter Sekunde in abfahrende U-Bahnen gesprungen.

Gab es auch in Riesa so ein auffälliges Verhalten? Bei der Ausländerbehörde schweigt man dazu. Mit dem Verweis auf laufende Ermittlungen verweist das Landratsamt auf die Ermittlungsbehörde – und ließ auch andere Fragen zu Zahlen und zur Unterbringung von Tunesiern unbeantwortet.

Geantwortet hat allerdings die Dresdner Organisation SBS, die 2017 einen islamischen Gebetsraum an der Riesaer Goethestraße betrieben hatte. „Besagter Tunesier ist uns nicht bekannt, und nach unserem Kenntnisstand ist in unserer Begegnungsstätte in Riesa auch nie jemand mit dschihadistischen Ambitionen in Erscheinung getreten“, sagt Muhammed R. Wellenreuther von der SBS. „Das schließt natürlich theoretisch nicht aus, dass er irgendwann zum Beten bei uns in der Begegnungsstätte gewesen ist.“

Die SBS, der der Verfassungsschutz Kontakte zur in Ägypten verbotenen Muslimbruderschaft unterstellt, betreibt mittlerweile keinen Gebetsraum mehr in Riesa. Die SBS selbst weist solche Vorwürfe zurück. Derzeit ist ein seit Jahren in Riesa ansässiger Unternehmer dabei, einen neuen Treffpunkt für Muslime zu schaffen.