erweiterte Suche
Mittwoch, 26.04.2017

Dresdens Bäume brauchen Hilfe

Die Stadt tut zwar viel für ihr Grün. Doch das reicht nicht aus, um alle Wünsche zu erfüllen.

Von Kay Haufe und Sarah Grundmann

10

Von oben betrachtet wirkt die Kaditzer Linde im Hof der Emmauskirche ganz gewöhnlich. Ist sie aber nicht. Dresdens ältester Baum ist national bedeutsam und somit im deutschen Baumarchiv erfasst.
Von oben betrachtet wirkt die Kaditzer Linde im Hof der Emmauskirche ganz gewöhnlich. Ist sie aber nicht. Dresdens ältester Baum ist national bedeutsam und somit im deutschen Baumarchiv erfasst.

© Sven Ellger

Wie alt sie genau ist, weiß niemand. Verbrieft ist allerdings: Die Sommerlinde auf dem Kirchhof der Emmauskirche in Kaditz ist der älteste Baum Dresdens. Zwischen 700 bis 900 Jahre wird ihr Alter geschätzt. Mit ihrem Stammumfang von rund zehn Metern hat es die Linde sogar ins deutsche Baumarchiv geschafft und zählt zu den national bedeutsamen Bäumen.

Weniger hoch dekoriert, aber umso wichtiger für das Stadtklima sind die mehr als 53 000 Straßenbäume, die in Dresden wachsen. Hinzu kommen rund 25 000 Bäume in städtischen Park- und Grünanlagen sowie die auf Friedhöfen, in Kleingartenanlagen und auf privaten Grundstücken. 150 Arten zählt Dresden, allein 130 verschiedene Straßenbäume. Sie sorgen für Abkühlung am Tag, filtern Staub aus der Luft, speichern Wasser und geben Sauerstoff ab.

Keine Frage, Dresden ist eine grüne Stadt. Rund 62 Prozent ihrer Fläche besteht aus Wäldern, Parks und Friedhöfen. Damit belegt sie einen Spitzenplatz in Europa. Guten Gewissens konnte die Landeshauptstadt deshalb am Dienstag den Tag des Baumes feiern. Doch insbesondere beim Amt für Stadtgrün weiß man, dass viel Arbeit nötig ist, damit Dresden so grün bleibt.

Regelmäßig müssen die Bäume auf öffentlichen Flächen von geschulten Kontrolleuren untersucht werden: Ist der Stamm hohl? Könnten Äste abbrechen? Ist die Verkehrssicherheit gefährdet, droht die Fällung. Zwar betrifft das nur etwa 0,2 Prozent der städtischen Bäume. Trotzdem reagiert der Dresdner sensibel. So war der Aufschrei am Striesener Stresemannplatz groß, als das Amt 2015 die alten Kastanien aus Krankheitsgründen fällen wollte. Die Anwohner blieben hart, forderten einen externen Gutachter. Im Ergebnis konnten fünf Bäume erhalten werden. Vorerst.

Für eine Straßenbaumpflanzung rechnet die Stadt je nach Aufwand mit bis zu 3 500 Euro pro Baum. Die Kosten fallen an für die Vorbereitung des Standortes, hochwertige Pflanzware, Substrat, Verankerung, Bewässerungs- und Belüftungsset, Gehwegangleichungen sowie die Erstpflege. Doch das Geld für neue Bäume ist knapp. Zwar wuchs das Budget des Amtes für Stadtgrün etwas an, doch es reicht bei Weitem nicht, um alle Wünsche zu erfüllen. Spenden sind deshalb besonders gern gesehen. Und auch was die Baumpflege anbelangt, tut bürgerschaftliches Engagement not.

Derzeit sind 140 Mitarbeiter des Regiebetriebes Zentrale technische Dienstleistungen für 900 Hektar Fläche verantwortlich. Umso mehr hilft die Unterstützung von Anwohnern, die Pflegeverträge für Bäume mit der Stadt abgeschlossen haben. Vorreiter in dem Bereich sind die Neustädter, die sich um Platanen, einen Rotdorn und Flieder kümmern.

Doch es gibt auch einen entgegengesetzten Trend in der Stadt, den der Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) und die Grünen kritisieren. In bebauten Privatgärten fallen seit einer sächsischen Gesetzesänderung im Jahr 2010 immer mehr Bäume. Für solche mit einem Stammumfang unter einem Meter ist keine Genehmigung mehr nötig. Deshalb griffen viele Hausbesitzer zur Säge, um vor allem Nadelbäume, aber auch Pappeln und Weiden zu fällen. Bund und die Dresdner Stadtratsfaktion der Grünen rufen dazu auf, eine Petition an den Sächsischen Landtag mit dem Ziel einer Rücknahme des „Baum-ab“-Gesetzes von 2010 zu unterstützen.

Je weniger unversiegelte Flächen eine Stadt besitzt, desto besser ist es für ihr Klima. Auf unverbauten Bereichen am Stadtrand entsteht Kaltluft, die in die dicht bebaute Innenstadt strömt. Dort sorgen die Straßenbäume für Abkühlung. Dresden ist zudem in der glücklichen Lage, eine grüne Lunge nicht nur mit der Heide am Stadtrand, sondern direkt im Stadtzentrum zu haben, den Großen Garten. 17 000 Bäume wachsen in ihm, die ältesten davon sind 200 Jahre alt. „Die Mehrzahl sind Altbäume mit großer Krone“, sagt Frithjof Pitzschel, Bereichsleiter Gärten beim Schlösserland Sachsen. Darunter finden sich gewaltige Blutbuchen sowie seltene Arten wie der Blauglockenbaum.

An neue Arten der Straßenbäume müssen sich künftig auch die Dresdner gewöhnen. Das Klima ändert sich, die Sommer werden wärmer und trockener. Der Dresdner Forstwissenschaftler Andreas Roloff schlägt deshalb bei Neupflanzungen vor, statt einheimischer Arten lieber den Amberbaum oder den ostasiatischen Schnurbaum zu wählen. Auch die einst so beliebten Kastanien sind nicht mehr erste Wahl. Neben der Miniermotte macht den Bäumen auch das Bakterium Pseudomonas syringae zu schaffen, eine Gefäßkrankheit. Das Umweltamt setzt bei Neupflanzungen trotzdem auf einheimische Arten. Es richtet sich dabei nach der „Dresdner Straßenbaumliste“, auf der 100 Arten erfasst und bewertet sind. Darauf stehen derzeit Eichen, Kirschen, Weißdorne und Kiefern.

openpetition.de/!mqcjk

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 10 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Sonnhild Bauckmeier

    Mehr Grün...weniger Beton. Das sollte und müßte auch das Ziel bei Neugestaltungen von Plätzen und Gehwegen sein! Aber meine Erfahrung ist das Gegenteil - überall wird viel zu viel versiegelt, zuge"plattet" was nur geht. Beispiele: die Umgestaltung der Ecke Schäferstraße/ Weißeritzstaße...klar, der Platz brauchte eine Sanierung..aber außer par Bäumchen...alles zu. Gestaltung des kleinen Parkes Schäferstr/Vorwekstraße....warum diese Wgnahme von Grün....es erholt sich angenehmer auf einer Bank, wenn neben mir und hinter mit Gänseblumen u.a. steht, und nicht ungepflegter Bbeton. Auch bei der Gestaltung von Schulhöfen...da ist es noch schlimmer!!!! Und gerade da sollte eine Vorbildwirkung angestebt werden! (59 Schule). Auch wesentlich zu wenig Beachtung wird auf Begrünung von Mauern und Zäunen gelegt. Da wäre noch viel potential! Ich vermisse da auch die Aktivitäten der Grünen partei im Stadtrat!!!

  2. Maximilian

    Wer mit offenen Augen durch Dresden geht, wird schnell merken, dass Jahr für Jahr mehr "grüne Oasen" verschwinden und dort Parkplätze oder Häuser entstehen. Sicher, die Grünflächen waren Brachland, aber über Jahre hat sich dort ein Biotop entwickelt, der auf das Stadtklima sehr positiv wirkt(e). Es tut weh, wenn man dann die Baumfällungen beobachten muss, wie z.B. aktuell am Nürnberger Platz. Warum kann die Stadt hier nicht daran arbeiten, wenigstens einige dieser Oasen zu erhalten? Ich denke z.B. an den "Urwald" am Lennéplatz, der extrem viel Staub an dieser Kreuzung bindet und im Sommer deutlich die Temperatur senkt.

  3. jens

    Die sächsischen Gesetzesänderung im Jahr 2010 war ein Riesenfehler: Im Bereich der Elbwiesen wurden und werden massenhaft Bäume auf Privatgrundstücken gefällt, nur um den freien Blick Richtung Wasser zu haben. Letztlich zahlen wir alle den Preis -- schon jetzt ist im Stadtbereich die Temperatur deutlich höher als im Umland, von Staubbelastung usw. ganz zu schweigen. Hier zählt jeder Baum. Aber es spricht auch für ein nichtvorhandenes Rückgrat von Rot-Rot-GRÜN, diesen Fehler nicht wenigstens anzuerkennen und wieder aufzuheben.

  4. MF

    Ja Dresden ist prozentual eine grüne Stadt...aber nur weil die umgebenden Wälder mal eben eingemeindet wurden. Sonst siehts eher grau als grün aus und es wird stetig schlimmer. Ein Baum ist nichts wert in dieser Stadt und alle anderen Interessen überwiegen - immer. Es ist traurig mit ansehen zu müssen wie immer mehr grüne Oasen verschwinden. Natürlich ist eine Verdichtung der Bebauung auch aus Gründen der Wohnungsnot nicht zu vermeiden aber das muss mit größerer Sensibiliät erfolgen, sonst gibt es am Ende zwar Unmengen an Wohnungen aber keine Wohnqualität mehr im Umfeld.

  5. Peter

    Dieser Artikel widerspricht sich selbst. Ich muss da Kommentator #2 Recht geben. Es ist so schlimm was mit dem kleinen Wald am Nürnberger Platz passiert ist. Es war eine kleine Oase für einige Tierarten, zum Beispiel war dort auch ein Fuchs zu Hause. Aber auch für das Klima in der Stadt sind solche Flächen wichtig. Der Nürnberger Platz wird einmal schlimmer aussehen als der Postplatz. Denkt da keiner mal nach, bevor er so einen Mist genehmigt? Von einer grünen Stadt ( ich meine jetzt den Baumbewuchs! ) ist Dresden meilenweit entfernt.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.