erweiterte Suche
Mittwoch, 22.06.2016

Dresden ist Pollenhauptstadt

Die Belastung ist hier besonders hoch. Auf Allergiker könnte noch mehr Blütenstaub zukommen.

Von Sandro Rahrisch

12 Uniklinikum auf Pollenfang

Bild 1 von 2

Blühende Wiesen sehen schön aus und sind Lebensraum für Bienen. Viele Pollenallergiker meiden sie aber.
Blühende Wiesen sehen schön aus und sind Lebensraum für Bienen. Viele Pollenallergiker meiden sie aber.

© Sven Ellger

  • Blühende Wiesen sehen schön aus und sind Lebensraum für Bienen. Viele Pollenallergiker meiden sie aber.
    Blühende Wiesen sehen schön aus und sind Lebensraum für Bienen. Viele Pollenallergiker meiden sie aber.
  • Maik Richter leert auf dem Dach der Pathologie des Dresdner Uniklinikums die Pollenfalle.
    Maik Richter leert auf dem Dach der Pathologie des Dresdner Uniklinikums die Pollenfalle.

Tränende Augen und laufende Nasen: In Dresden haben es Pollenallergiker besonders schwer. Auf der Belastungskarte der Stiftung Pollenflug ist die Stadt als einzige Region in Sachsen rot eingefärbt. Und auch im restlichen Deutschland gibt es nur wenige Orte, an denen im Juni so viel Blütenstaub durch die Luft fliegt. Aber warum ist Dresden derzeit Pollenhauptstadt?

Die Grafik zeigt Allergikern zwar nur, wie heftig die Niesattacken im Juni ausfallen können. Also nicht, wie viele Pollen derzeit wirklich durch die Luft fliegen. Allerdings liegen der Karte die Messwerte der letzten 10 bis 15 Jahre zugrunde. Dresdens einzige Pollenfalle steht auf dem Dach der Pathologie im Dresdner Universitätsklinikum.

Von dort stammen die Daten. HNO-Ärztin und Allergologin Bettina Hauswald schätzt, dass neben dem Wetter und der Tatsache, dass Dresden zu den grünsten Städten Deutschlands gehört, die Tallage eine Rolle spielen könnte. So findet zwischen höheren Lagen wie Schönfeld und Bannewitz sowie der Elbe ein Luftaustausch statt.

Der Wind kann stark genug sein, um Blütenstaub von den ländlichen Gebieten in die Stadt zu tragen. „Die meisten Pollen kommen aus der Region“, sagt Hauswald. Manche fliegen sogar bis zu 500 Kilometer weit.

Die Dresdner Stadtverwaltung bringt eine zweite Theorie ins Spiel. Denn im Hochsommer bekommen die Dresdner zu spüren, dass sie in einer Stadt leben. So erwärmt sich die Luft über aufgeheiztem Asphalt sehr viel stärker als über den Wiesen des Großen Gartens, heißt es in der letzten Klimauntersuchung. Die erwärmte Luft steige auf und erzwinge eine Ausgleichsströmung am Boden. Es entsteht Wind, der wiederum Pollen transportiert.

Uniklinikum auf Pollenfang

1 von 3

Die Dresdner Pollenfalle zieht jeden Tag Luft mit kleinsten Pollen an. Über einen Schlitz gelangen sie in eine rotierende Trommel. Dort aufgebracht ist ein mit Vaseline beschichteter Kunststofffilm.

Auf diesem Film bleiben die Pollen kleben. Unterm Mikroskop werden die eingefärbten Pollen gezählt. Alle Pollenarten verfügen über eigene Strukturen, sodass sie einer Pflanze zugeordnet werden können.

An 45 Orten lässt die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst den aktuellen Pollenflug messen, darunter im Dresdner Uniklinikum sowie in Chemnitz.

In die Pollenvorhersage des Deutschen Wetterdienstes (DWD) fließt die Windprognose für die kommenden Tage zwar ein. Allerdings nur die großräumigen Luftbewegungen. „Lokaler Wind kann bei Heuschnupfen eine Rolle spielen“, sagt DWD-Sprecher. Dass Dresden besonders belastet sein soll, könnte aber auch einen anderen Grund haben. Möglicherweise befindet sich die Pollenfalle einfach an einer Stelle, an der besonders viel Blütenstaub durch die Luft fliegt, so Friedrich. Tatsächlich liegen zwischen der Station und den Elbwiesen nur 600 Meter Luftlinie. Und auch der Große Garten ist nicht weit weg.

Wind hin oder her: Ohne Pollen hätte ein laues Lüftchen gar keine Folgen. Ein Forscherteam der TU München hat bereits vor vier Jahren herausgefunden, dass die Pollenmenge in Städten steigt. Laborversuche und Freilandstudien hätten gezeigt, dass eine höhere Kohlendioxid-Konzentration in der Luft das Pflanzenwachstum und damit die Pollenproduktion beschleunigen können. Mildere Temperaturen durch die dichte Bebauung und zugewanderte Pflanzenarten sorgen zudem für eine längere Pollenflugsaison. In Städten sei die Pollenmenge im Schnitt um drei Prozent pro Jahr gestiegen, auf dem Land um ein Prozent.

Wie hoch die Belastung dieses Jahr schon war, kann Bettina Hauswald ganz genau sagen. Die eingefangenen Pollen sind unterm Mikroskop gezählt worden. „Sehr aggressiv waren im Frühjahr die Birkenpollen, die jetzt aus der Luft verschwunden sind“, sagt die Allergologin. Jetzt machen Gräser den Dresdnern zu schaffen. „ Schon ab 30 Pollen pro Kubikmeter Luft treten erste Symptome auf. Bereits am 29. Mai wurden 134 gezählt.“

Der Schwellenwert ist dieses Jahr an mehr Tagen überschritten worden, als letztes Jahr um die gleiche Zeit. Die Daten übermittelt das Klinikum an den Deutschen Wetterdienst (DWD), der für die kommenden zwei Tage die Pollenflugvorhersage erstellt. Orte zum Flüchten gibt es kaum in Deutschland. Nur an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste kribbelt die Nase derzeit nicht so stark.

Mediziner schlagen inzwischen vor, keine neuen Birken, Erlen und Pappeln in Städten zu pflanzen. Ein Umstand, der seit dem vergangenen Jahr in Cossebaude für reichlich Ärger sorgt. In einem Wohngebiet hatte die Stadtverwaltung 13 Himalaya-Birken gepflanzt. Das Rathaus teilte daraufhin mit, dass es zwar von dem Pollenpotenzial heimischer Birken gewusst habe. Wie stark Himalaya-Birken Pollen abgeben, sei allerdings nicht bekannt.

Bettina Hauswald rät Patienten, nicht allein auf Regenwetter zu warten. Auch, wenn die Luft dabei reingewaschen wird. Jenen, die Schnupfen und tränende Augen immer nur mit Nasenspray und Tropfen lindern, drohe Asthma, sagt die Expertin. Eine Immuntherapie mit Tabletten oder Spritzen sei die einzige Möglichkeit, die Allergie dauerhaft in den Griff zu bekommen.

Das Prinzip der Hyposensibilisierung bestehe darin, mit gereinigten Allergenextrakten Antikörper zu aktivieren und im Idealfall eine Immunität hervorzurufen. Die Erfolgsrate liegt bei 80 bis 90 Prozent. Die Präparate würden ständig weiterentwickelt. Hauswald sucht deshalb nach Studienteilnehmern. Wer unter einer Milbenallergie leidet, kann sich jederzeit melden.

Gräser-Allergiker werden auch heute nicht durchatmen können. Der DWD sagt eine mittlere bis hohe Belastung voraus.

Informationen zur Allergie-Studie: Tel:0351 / 458 3506

Leser-Kommentare

Seite 1 von 3

Insgesamt 12 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. tom

    Na Klasse, habe ich nicht gerade erst hier (vor 2Wochen) gelesen, das die Stadt die Rasenflächen in Dresden nur noch 2mal im Jahr mähen lässt, damit die Wildbienen geschützt werden. Nun Frage ich mich, wer schützenswerter ist? Der Mensch oder das Tier

  2. Pessimist

    Ich denke wir sollten der Natur eine Chance lassen (wenn uns das überhaupt zusteht). Als moralisch degenerierte und profitgierige Spezies haben wir uns doch schon lange aus dem Rennen geschossen, oder? Und ob das mit triefender Nase oder tränenden Augen passiert ist dann sowas von egal.

  3. Kim Jong Ungezogen

    tom, ohne Bienen haben sie als schützenswerter Mensch auch nicht mehr lange zu leben! Der Mensch sollte sich lieber fragen, warum er heute im Vergleich zu früher um ein Vielfaches häufiger auf Pollen allergisch reagiert.

  4. Aleister Crowley

    @Kim: Ja warum wohl? Weil es uns täglich eingetrichtert wird. Glaube versetzt Berge oder erzeugt Pseudoallergien. Pharmaindustrie und Apothekerlobby verdienen Millionen damit.

  5. Pessimist

    Na ja, die Rolle der Biene als Nutzinsekt wird aber aus Sicht der Spezies Mensch sehr überschätzt. Schließlich gibt es ja noch wesentlich mehr und teilweise sogar wesentlich effizienter (aus Sicht der Natur) agierende Insekten für Bestäubung jeglicher Art. Und was die Allergien angeht: Klar, wenn das menschliche Immunsystem schon im Kindheitsalter nicht mehr trainiert wird (alles sauber, 'fass das nicht an' etc.) dann ist die Häufungen von Überreaktionen fast zwingend. Nachgewiesenermaßen haben Personen in einer richtigen Landwirtschaft noch immer die wenigsten Probleme damit.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 3

Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.